Krieg in Syrien Assads Feinde führen iranische Geiseln in Video vor

Wer sind die von syrischen Rebellen verschleppten Iraner? Pilger, beteuert Teheran. Elitekämpfer, behaupten Assads Feinde und präsentieren ihre Geiseln in einem Video. In Aleppo feuern Regierungstruppen mit Artillerie, 20.000 Soldaten sollen um die Wirtschaftsmetropole in Stellung gegangen sein.

Der Fall der etwa 50 in Damaskus verschleppten Iraner gewinnt an Brisanz: Meldete am Samstagabend noch die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur Fars, syrische Regierungssoldaten hätten die Geiseln befreit, versuchen die Rebellen nun zu belegen, dass sie nach wie vor die Männer in ihrer Gewalt haben: Sie spielten dem Fernsehsender Al-Arabija ein Video zu.

Der strahlte die Aufnahmen aus - und transportierte noch eine andere Botschaft der Rebellen, die da lautet: Iranische Elitekämpfer befinden sich in Syrien und helfen dem Regime von Baschar al-Assad. Ein Vertreter der Geiselnehmer, behauptete in dem Video, die 48 Geiseln seien auch Revolutionsgardisten. Man habe "iranische Schabiha-Kämpfer" gefangen, die "auf einer Erkundungsmission in Damaskus" gewesen seien, sagte der Sprecher, der eine Uniform der Freien Syrischen Armee trug. Er hielt ausweisartige Dokumente in die Kamera, die die Zugehörigkeit ihrer Inhaber zu den Revolutionsgarden beweisen sollen.

Mit dieser Wortwahl sollen die Geiseln als besonders gefährlich dargestellt werden. "Schabiha"-Milizen gelten als brutalste Einheit des Assad-Regimes, es handelt sich aber um Syrer und nicht um Iraner. Die Revolutionären Garden zählen zu den Elitetruppen der iranischen Führung, die allerdings zu Assad hält.

Echtheit und Inhalt des Videos konnten nicht unabhängig überprüft werden. Der Sender Al-Arabija gehört einem saudischen Geschäftsmann mit enger Bindung an das saudische Herrscherhaus. Saudi-Arabien unterstützt die FSA mit Geld und Waffen. Mit dem Iran, der mit dem Regime in Damaskus verbündet ist, rivalisiert es um die Vorherrschaft am Golf.

Fakt ist: Die Behauptung der Rebellen, die Geiselns seien Kämpfer, widerspricht der Darstellung Teherans. Die iranische Führung erklärte, bei den Verschleppten handele es sich um muslimische Pilger, die sich aus religiösen Gründen nach Syrien begaben. Vor dem bewaffneten Konflikt in Syrien reisten jährlich etwa 700.000 Iraner in die syrische Hauptstadt, um dort eine den Schiiten heilige Stätte zu besuchen - das Grab von Sainab, der Tochter des Imams Ali.

Teheran forderte nun die Türkei und Katar auf, sich für die Freilassung der Iraner einzusetzen. Die Türkei, Katar und Saudi-Arabien unterstützen die bewaffneten syrischen Rebellen.

In den vergangenen Monaten hatten bewaffnete Gruppen in Syrien 32 Iraner verschleppt, darunter 22 Pilger, sieben Ingenieure und drei Lastwagenfahrer. 27 von ihnen kamen wieder frei, oft mit Hilfe der Türkei.

Die syrischen Rebellen, die gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpfen, sind überwiegend sunnitischen Glaubens. Sie prangern Teherans Unterstützung für Assad an, der zur schiitisch-alawitischen Glaubensrichtung gehört.

Aleppo unter Artilleriefeuer

Die Kämpfe um die Wirtschaftsmetropole Aleppo toben an diesem Sonntag besonders intensiv. Die syrischen Regierungstruppen beschießen derzeit angeblich das südwestliche Stadtviertel Salaheddin massiv mit Artillerie. Es habe auch Gefechte zwischen Militär und den Aufständischen gegeben, teilten die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London mit.

Zu Zusammenstößen kam es auch in den Stadtteilen Al-Hamdanija, Al-Sukkari und Al-Ansari. Die Regierungstruppen versuchen seit zwei Wochen vergeblich, die Rebellen aus der zweitgrößten Stadt des Landes zu verdrängen. Diese konnten das von ihnen kontrollierte Gebiet sogar ausweiten.

Offenbar steht die eigentliche Schlacht um Aleppo noch aus. Einer der schönsten Städte der Welt droht zerstört zu werden: 20.000 Soldaten hätten Stellung um die Stadt bezogen, heißt es aus dem Assad-Lager, und weitere Verstärkung sei unterwegs.

Syrische Staatsmedien melden, die Hauptstadt Damaskus sei bis Samstagabend wieder vollständig unter der Kontrolle der Regierung gewesen. Assadtreue Truppen hatten den Stadtteil Tadamon eingekesselt, der als Bastion der Rebellen gilt.

Anwohner von Orten nahe Damaskus berichteten der Süddeutschen Zeitung, Regierungstruppen hätten drei neue Massaker verübt.

Schweiz will Flüchtlinge aufnehmen

Inzwischen erwägt die Schweiz als eines der ersten europäischen Länder die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Man prüfe Möglichkeiten zur Hilfe für eine begrenzte Zahl von Syrern, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Migration in Bern der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag.

In Deutschland rief Grünen-Chefin Claudia Roth die Bundesregierung auf, "unbürokratisch" Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Nach Angaben humanitärer Organisationen wächst die Zahl der Flüchtlinge in Nachbarländern Syriens, wo bereits Zehntausende Menschen in Nothilfelagern versorgt werden, täglich um Hunderte. Innerhalb des Bürgerkriegslandes seien mehr als 1,5 Millionen auf der Flucht. Das Welternährungsprogramm (WFP) der UN schätzt, dass bis zu drei Millionen Syrer auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) schließt auch nach dem Rücktritt von UN-Sondervermittler Kofi Annan ein militärisches Eingreifen in Syrien aus. "Das Scheitern der Diplomatie darf nicht automatisch zum Beginn des Militärischen führen", sagte de Maizière der Welt am Sonntag.

Syrischer Raumfahrer sagt sich von Assad los

Ein weiterer populärer Syrer sagte sich inzwischen von Assad los: Syriens erster Kosmonaut, Lufwaffen-General Mohammed Ahmed Faris, setzte sich einem türkischen Bericht zufolge in die Türkei ab. Wie die halbamtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, besuchte der 1951 in Aleppo geborene General zuvor seine Heimatstadt.

Dort habe er als Zeichen seiner Solidarität mit den gegen den syrischen Präsidenten Assad kämpfenden Rebellen das Hauptquartier der Freien Syrischen Armee aufgesucht, hieß es. Der nunmehr desertierte General habe drei Mal versucht zu fliehen, bevor es ihm jetzt gelungen sei, berichtete Anadolu. Faris flog 1987 mit einer sowjetischen Crew zur Raumstation Mir.