Konferenz zur nuklearen Abrüstung Runter auf Null

Die Initiative "Global Zero", zu der auch Michael Douglas und die jordanische Königin gehören, propagiert nukleare Abrüstung - mit freundlicher Unterstützung der großen Atommächte.

Von Stefan Ulrich

Sie nennen sich "Global Zero", "Weltweite Null"; ihre Analyse ist schlicht und erschütternd: Mehr als 20.000 Nuklearwaffen bedrohen die Menschheit, neun Staaten horten Atombomben, 40 weitere Länder verfügen über eine ausreichende Infrastruktur, um sich eigene Arsenale aufzubauen. Nach der bizarren Diktatur Nordkorea scheint nun auch das schwer berechenbare Iran nach der Bombe zu greifen. Zugleich versuchen Terrorgruppen wie al-Qaida solche Massenvernichtungswaffen zu ergattern.

Auch die jordanische Königin Noor al-Hussein und Filmstars wie Michael Douglas nehmen an der Abrüstungskonferenz in Paris teil.

(Foto: Foto: afp)

Die Antwort auf dieses höllische Szenario? Global Zero - die komplette Vernichtung aller Atomwaffen. Nur so lasse sich die Katastrophe stoppen, argumentiert die Initiative aus etwa 200 Politikern, hohen Offizieren und Rüstungsexperten.

Nach dem Vorbild der Klimabewegung

Im Dezember 2008 wurde die Nicht-Regierungsorganisation in Paris gegründet - von altbekannten Friedensfreunden wie Jimmy Carter und Michael Gorbatschow, aber auch von nüchternen Realpolitikern und Veteranen des Kalten Krieges wie den früheren US-Außenministern Henry Kissinger und George Shultz. Nun möchte "Global Zero" daraus eine weltweite Massenkampagne nach dem Vorbild der Klimabewegung machen. Bei einem Gipfeltreffen diese Woche in der französischen Hauptstadt soll ein detaillierter Vier-Stufen-Plan beschlossen werden, um die Welt bis zum Jahr 2030 atomwaffenfrei zu machen.

Zudem will Global Zero einen internationalen Appell lancieren. "Die Frage ist nicht länger, ob wir unser Ziel erreichen, sondern wie wir das tun", befanden die Organisatoren zum Auftakt am Dienstag.

Handlungsdruck durch Weiterverbreitung von Nuklearwaffen

Den Segen der Mächtigsten hat Global Zero für sein idealistisches Unterfangen. US-Präsident Barack Obama schickte seine Abrüstungs-Staatssekretärin Ellen Tauscher und eine Botschaft, in der es heißt: "Wir teilen die Vision einer Welt ohne Nuklearwaffen." Dies sei eines seiner wichtigsten Ziele als Präsident. Derzeit verhandeln die USA und Russland über ein Abkommen, das die Atomarsenale beider Staaten "dramatisch verringern" werde, so Obama.

Im April werde er ein Gipfeltreffen zur nuklearen Sicherheit in den USA abhalten. Außerdem begännen in Kürze die Verhandlungen, um den Atomwaffensperrvertrag zu verbessern. Auch der russische Präsident Dmitrij Medwedjew unterstützt Global Zero. Massenvernichtungswaffen sollten eine Sache der Vergangenheit werden, übermittelte er der Konferenz in Paris.

Global Zero sieht sich dadurch in seiner Einschätzung bestätigt, die Zeit sei reif für die atomare Totalabrüstung. Nie zuvor habe es so viel Rückhalt in der internationalen Gemeinschaft gegeben. Zum einen hätten sich die Supermächte und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zum Aus für die Atombombe bekannt. Zum anderen schaffe die Furcht vor einer raschen Weiterverbreitung von Nuklearwaffen den nötigen Handlungsdruck.

183 Staaten hätten bereits vertraglich auf Kernwaffen verzichtet. Nun müssten die restlichen folgen. Der Stufenplan, den Global Zero entwickelt hat und der in Paris diskutiert wird, setzt bei den USA und Russland an, die über 96 Prozent aller Atomwaffen verfügen. Washington und Moskau sollen in einer ersten Phase bis 2013 vereinbaren, ihre Bestände auf höchstens je 1000 nukleare Gefechtsköpfe zu reduzieren.

Schwierigkeiten in der Praxis

In Phase zwei von 2014 bis 2018 soll ein multilateraler Vertrag ausgehandelt werden, der den schrittweisen Abbau der Atomwaffen vorsieht. Zudem müsse ein internationales Kontrollsystem aufgebaut werden. In Phase drei, die bis 2023 reicht, verpflichten sich alle Akteure zur nuklearen Null. Dieses Ziel wird schließlich in Phase vier bis 2030 erreicht und durch eine strikte weltweite Überwachung abgesichert.

Was so eingängig klingt, dürfte in der Praxis auf große Schwierigkeiten stoßen. Kritiker von Global Zero glauben, ein so bedrohter Staat wie Israel werde nie auf die Bombe verzichten, Iran stets heimlich danach streben. Und auch die USA und Russland würden in Wahrheit nicht ganz davon lassen wollen. Eine atomwaffenfreie Welt sei zudem nicht wünschenswert, da so das wichtigste Abschreckungsmittel verlorengehe und die Gefahr konventioneller Kriege steige. Ähnlich scheint auch die französische Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy zu denken. Immerhin hat es die Mittelmacht Frankreich vor allem seiner Atomstreitkraft zu verdanken, dass es sich wie eine Großmacht fühlen kann.

Es genüge nicht, auf die Stühle zu hüpfen und "Abrüstung" zu schreien, damit die Welt friedlicher werde, zitierte die Zeitung La Croix am Montag französische Diplomaten. Das oberste Ziel müsse nicht eine waffenfreie, sondern eine sichere Welt sein. Auch Friedensnobelpreisträger Obama dämpft bei genauerem Hinsehen die Hoffnungen von Global Zero. Zwar sei das Ziel die weltweite Null, versichert er in seiner Botschaft. "Aber wir erleben womöglich nicht mehr, dass es erreicht wird."