Klimagipfel Kopenhagen "Schlag ins Gesicht von Milliarden Menschen"

Kritiker sind sich einig: Der Kopenhagener Gipfel war ein "historisches Versagen". Doch Kanzlerin Merkel verteidigt das äußerst dürftige Ergebnis.

Schande, Farce, Desaster: Experten aller Couleur geißeln das faktische Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels. Die großen Verlierer seien das Klima und die Bevölkerung der armen Länder, erklärten Organisationen wie Greenpeace und BUND. Es sei eine Bankrotterklärung der Staats- und Regierungschefs, dass am Ende der Konferenz keine ausreichenden Beschlüsse stünden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte das magere Resultat des elftägigen Verhandlungsmarathons: Kopenhagen sei "ein erster Schritt hin zu einer neuen Weltklimaordnung, nicht mehr, aber auch nicht weniger", sagte sie der Bild am Sonntag. "Wer Kopenhagen jetzt nur schlechtredet, beteiligt sich am Geschäft derer, die bremsen, statt voranzugehen."

"Nicht ein Ziel, sondern ein Neuanfang"

Die Kanzlerin verwies zugleich auf die besondere Verantwortung Deutschlands für den nächsten Schritt beim globalen Klimaschutz. "Auf Kopenhagen muss jetzt aufgebaut werden. Das wird Deutschland auf der Konferenz Mitte des Jahres in Bonn tun."

China wertete den mühsam erzielten Formelkompromiss gar als Erfolg: Die Verhandlungen seien mit "bedeutenden und positiven" Ergebnissen zu Ende gegangen, sagte Außenminister Yang Jiechi am Sonntag. Die Konferenz sei "nicht ein Ziel, sondern ein Neuanfang".

Vor allem begrüßte Yang, dass der Kompromiss die im Kyoto-Protokoll vorgesehenen differenzierten Verpflichtungen verschiedener Staaten beibehalte. Industrie- und Schwellenländer seien in unterschiedlichem Ausmaß für die bisherigen und derzeitigen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, betonte der Minister. "Deswegen sollten sie unterschiedliche Verantwortung und Verpflichtungen im Kampf gegen den Klimawandel übernehmen."

Massiver Gegenwind kommt dagegen von Greenpeace: "Kopenhagen ist zum Symbol für Politikversagen geworden. Obwohl alle die katastrophalen Gefahren des Klimawandels anerkennen, sind die Politiker unfähig, sich gegen die Interessen ihrer Industrien durchzusetzen und entschieden dagegen anzugehen." Hauptverantwortlich seien die Staaten mit dem größten CO2-Ausstoß, allen voran die USA und die EU, aber auch China und Indien.

Historischer Gipfel des Scheiterns

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger erklärte, die Bemühungen um mehr Klimaschutz seien um Jahre zurückgeworfen worden. "Es wird immer unwahrscheinlicher, dass es auch künftig internationale Verpflichtungen zum Klimaschutz geben wird." Auch Merkel sei mitverantwortlich für das schwache Ergebnis von Kopenhagen.

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac bezeichnete das Ergebnis als "reine Farce". "Kopenhagen war höchstens in Bezug auf das Ausmaß seines Scheiterns ein historischer Gipfel", erklärte Attac-Klimaexperte Chris Methmann. "Dies nun mit einem Formelkompromiss noch als Fortschritt verkaufen zu wollen, ist ein Schlag ins Gesicht der Milliarden Menschen, die unter den Folgen des Klimawandels leiden werden, ohne etwas zu seinen Ursachen beigetragen zu haben."

Das katholische Hilfswerk Misereor erklärte, das Ergebnis sei eine "Schande für die Industrieländer und eine Katastrophe für die Menschen in den Entwicklungsländern". Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei in weite Ferne gerückt. Ähnlich äußerten sich die katholischen Bischöfe in Deutschland. "Wir sind leider kaum einen Schritt weiter, der Schöpfungsverantwortung gerecht zu werden", erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch.

"Zwei-Grad-Ziel nicht zu schaffen"

Auch Wissenschaftler schlossen sich der Kritik an. Klimaforscher Peter Lemke bezeichnete den Minimalkompromiss als Augenwischerei. "Das wird sicherlich nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen", sagte Lemke sueddeutsche.de.

Kritik kam aber auch aus den Reihen der Bundesregierung. Umweltminister Norbert Röttgen äußerte sich ernüchtert. "Das ist viel weniger als gedacht", sagte der CDU-Politiker in Kopenhagen. "Aber das ist jetzt die Basis, die man in konkrete Politik einführen kann."

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) sagte der Welt am Sonntag, das Ergebnis sei enttäuschend. Dennoch werde die Bundesregierung an ihren klimapolitischen Zielen festhalten.

Der SPD-Vorsitzende und frühere Umweltminister Sigmar Gabriel gab der Bundesregierung eine Mitschuld am Scheitern. "Deutschland hat bei den Verhandlungen eine unrühmliche Rolle gespielt", sagte der ehemalige Umweltminister der Bild am Sonntag. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte, sie sei fassungslos und wütend. "Kopenhagen ist ein gescheiterter Gipfel." Für Grünen-Fraktionschefin Renate Künast trägt Bundeskanzlerin Merkel eine Mitschuld am "Desaster von Kopenhagen".

Allerdings - "der Misserfolg kann auch der entscheidende Anstoß für ein - im Gegensatz zum gegenwärtigen Kyoto-Protokoll-System - weltweit wirksames Klimaschutzsystem werden", erklärte das für Klimaschutz zuständige Mitglied des Nachhaltigkeitsbeirats des Landes Baden-Württemberg Lutz Wicke.