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Klimagipfel Kopenhagen:"Das Ergebnis ist Augenwischerei"

Klimaforscher Peter Lemke kritisert das magere Ergebnis des Kopenhagener Gipfels - und macht dafür die reichen Staaten verantwortlich.

Barbara Galaktionow

Peter Lemke leitet den Fachbereich Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Er war auch als Koordinator eines Kapitels an der Ausarbeitung des letzten Berichts des UN-Weltklimarats von 2007 beteiligt.

UN-Mitarbeiter verteilen das Abschlussdokument.

(Foto: Foto: AFP)

sueddeutsche.de: Der Weltklimagipfel hat das "Kopenhagen- Abkommen", das die Industriestaaten und einige Schwellenländer in der Nacht ausgearbeitet haben, offiziell "zur Kenntnis" genommen. Wie bewerten Sie als Klimaforscher denn diesen Entwurf?

Lemke: Der Minimalkompromiss ist eine große Enttäuschung, denn die Länder haben sich ja nicht auf ein konkretes Ziel geeinigt. Sie wollen zwar die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen und sagen, dass dafür etwas getan werden soll. Doch was eigentlich passieren soll, das wird im Minimalkonsens nur in einem Anhang erwähnt. Danach soll jedes Land bis zum 1. Februar 2010 selbst festlegen, was es tun wird. Das wird sicherlich nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Zudem ist das kein wirklicher Konsens. Jedes Land kann im Nachhinein bestimmen, ob es seine Treibhausgase um fünf, zehn oder mehr Prozent reduzieren will. Der Minimalkompromiss ist natürlich kein Nachfolge-Vertrag für Kyoto. Und deswegen ist in meinen Augen der Klimagipfel eigentlich gescheitert.

sueddeutsche.de: Die Nennung des Zwei-Grad-Ziels als angeblich feste Vereinbarung ist Augenwischerei?

Lemke: Natürlich. Das Zwei-Grad-Ziel zieht sich schon seit längerem durch die Verhandlungen und wurde von vielen Staaten bereits als Marschrichtung ausgegeben. Dass das jetzt da auch auf dem Papier steht, ist eigentlich kein Ergebnis. Allerdings stehen in dem Kompromisspapier noch ein paar zusätzliche Dinge. So sollen die Entwicklungsländer Geld bekommen - bis 2020 soll sich das auf 100 Milliarden Dollar pro Jahr beziffern. Für die weitere Unterstützung wird ein Klimafonds eingerichtet. Aber das sind alles mehr oder weniger Aussagen ohne konkrete Verpflichtungen.

sueddeutsche.de: China stimmt ja jetzt auch einer Überprüfung seiner Klimaschutzmaßnahmen zu. Doch wenn es keine Verpflichtungen gibt, ist ja eigentlich auch nichts zu überprüfen, oder?

Lemke: Nein, natürlich nicht, das ist wirklich eine Augenwischerei.

sueddeutsche.de: Wie schätzen Sie denn die Rolle einzelner Akteure ein?

Lemke: Ich bin besonders enttäuscht von Deutschland und der Europäischen Union. Denn die hatten sich ja im Vorfeld Ziele gesetzt, die vorbildlich sein könnten. Ich hätte erwartet, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen, dass sie sagen: "Wir reduzieren unsere Treibhausgase bis 2020 um 30 oder 40 Prozent. Das ist anstrengend, aber das können wir leisten. Und wir setzen damit ein Zeichen." Aber das ist nicht passiert - nicht nur China, die USA und andere Länder haben sich bedeckt gehalten, sondern auch die EU. Est ganz offensichtlich, dass die westlichen Länder ihren CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent reduzieren müssen, damit man weltweit eine Senkung von 50 Prozent erreichen kann.

sueddeutsche.de: Ist es verständlich, dass vom Klimawandel besonders gefährdete Staaten wie das Inselreich Tuvalu den Kompromiss abgelehnt haben?

Lemke: Ja. Ich weiß natürlich, dass das Meeting in Kopenhagen einen Konsens braucht - und es besteht ein Druck auf die Kleinen, da auch zuzustimmen. Doch es ist nachvollziehbar, dass die sagen: "Das ist nicht das, wofür wir hergekommen sind."

sueddeutsche.de: Wie schätzen Sie die Rolle Chinas ein, das ja einerseits Wirtschaftsmacht ist und sein will und sich in punkto Klimaschutz aber als Schwellenland definiert?

Lemke: China ist der größte CO2-Emittent und sollte sich wie die USA und die EU auch erreichbare Ziele setzen - auch wenn dieses riesige Land mit dieser riesigen Bevölkerung einen Entwicklungsbedarf hat, der sicherlich nicht nur aus alternativen Energien gespeist werden kann.

sueddeutsche.de: Kopenhagen endet ohne verbindliche Klimaziele. Sind die Chancen dadurch drastisch geschwunden, dass es noch zu einem globalen Klimaabkommen kommen wird?

Lemke: Es hat sich ja schon häufig gezeigt, dass nach einem Eklat doch noch etwas herausgekommen ist. Deswegen bin ich zuversichtlich. Der Vertrag von Kyoto läuft Ende 2012 aus. Ich finde es schade und deprimierend, dass die Staatengemeinschaft eine Nachfolgelösung hinauszögert. Aber ich habe immer noch Hoffnung, dass die Länder sich verständigen werden. Bloß weil in Kopenhagen keine verbindliche Vereinbarung zustande gekommen ist, steht uns noch nicht die Klimakatastrophe bevor.

© sueddeutsche.de/hgn

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