Kampf gegen die Schuldenkrise Wo sich die Zukunft des Euro entscheidet

Das griechische Chaos strebt seinem Höhepunkt zu. Doch so schmerzlich er für die EU wäre - ein vorläufiger Abschied Griechenlands ist zu verkraften. Weder Europa noch der Euro werden allein wegen Griechenland untergehen. Eine Pleite Italiens als drittgrößte Volkswirtschaft könnte die Gemeinschaft jedoch nicht schultern. Schuld an der dramatischen Lage ist Ministerpräsident Berlusconi - und nur der neue Chef der Europäischen Zentralbank könnte ihn zum Sparen bringen.

Ein Kommentar von Cerstin Gammelin

Verwirrung in Athen und Verzweiflung in Cannes: Europas schwere Krise bestimmt weltweit die Tagesordnung. Und niemand kann - trotz der Rücknahme der Referendumspläne - zuverlässig abschätzen, ob gerade die letzten Atemzüge Griechenlands als Mitglied des Euro-Klubs zu hören sind, oder ob das Schnaufen der Hellenen der Anstrengung geschuldet ist, eine handlungsfähige Notregierung auf die Beine zu stellen.

Derweil können die Chefs der 20 mächtigsten Volkswirtschaften am schönen Strand von Cannes spazieren gehen. Sie haben auf ihrem Gipfeltreffen vorerst nichts zu entscheiden, solange unklar bleibt, ob sich das griechische Chaos zu einem europäischen Drama auswächst und ob es gelingt, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen.

Das Vorhaben erscheint so unwägbar wie noch nie. Denn ausgerechnet in dem Moment, in dem das Epizentrum der Krise nach einem nächtlichen Gipfel-Großeinsatz zur Ruhe zu kommen schien, wird vielstimmig und heftig über die Zukunft Griechenlands gestritten. Premier Giorgos Papandreou will eine nationale Übergangsregierung bilden, doch ob das klappt und wie diese aussehen könnte, ist offen.

Unklar ist auch, ob die Kreditgeber die nächste Rate aus dem laufenden Hilfsprogramm auszahlen und die Griechen die versprochenen Reformen umzusetzen bereit sind, ob Hellas in der Währungsgemeinschaft und in der Europäischen Union bleibt - und welche Schockwellen das alles in Europa auslösen wird. Das griechische Chaos strebt seinem Höhepunkt zu. Und es entwickelt eine bedrohlich europäische Dimension.

Griechische Opposition zeigte sich egoistisch

Egal, wie der Schlussakt in Athen aussehen wird: Es wäre falsch, das ganze Chaos nun Papandreous Ankündigung anzulasten, das Volk zu befragen. Es sei vielmehr erinnert an die verzweifelten Bitten konservativer Staats- und Regierungschefs, die griechische Opposition unter Antonis Samaras möge doch die nötigen Reformen im Land auch unterstützen. Man bat, flehte und argumentierte: vergeblich. Samaras zeigte sich trotz höchster Not egoistisch und parteipolitischen Interessen verpflichtet - und nicht denen des gesamten griechischen Volkes. So trugen viele griechische Politiker mit dazu bei, ihr eigenes Land politisch und wirtschaftlich zu ruinieren und in der EU sukzessive den letzten Rest an Verständnis und Bereitschaft zu verspielen, sich solidarisch zu zeigen.