Kampf gegen Boko Haram Amnesty wirft Nigeria Menschenrechtsverletzungen vor

Mit Gräueltaten in Nigeria wurde zuletzt vor allem die islamistische Gruppe Boko Haram verbunden. Doch Amnesty International sagt: Auch Regierungssoldaten begehen schwere Verbrechen an Zivilisten. Videos zeigen grausame Hinrichtungen.

Von Luisa Seeling
  • Amnesty International (AI) wirft der nigerianischen Armee im Kampf gegen die islamistische Gruppierung Boko Haram schwere Menschenrechtsverletzungen vor.
  • Videos und Berichte von Augenzeugen dokumentieren Hinrichtungen und Massaker auf beiden Seiten. Seit Beginn des Jahres sind nach Angaben von AI in dem Konflikt mehr als 4000 Menschen ums Leben gekommen.
  • Nigerias Regierung müsse die Verbrechen der eigenen Truppen aufklären, fordert AI.

Videos und Zeugen bestätigen grausame Hinrichtungen

In ihrem Kampf gegen die islamistische Gruppe Boko Haram begeht die nigerianische Armee schwere Menschenrechtsverletzungen. Zu diesem Fazit kommt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) nach der Auswertung von Bildern, Videos und Zeugenaussagen, die aus dem Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias stammen. Das Material belege, dass nicht nur Boko-Haram-Kämpfer und andere islamistische Gruppen Zivilisten massakrieren. Auch Soldaten der nigerianischen Streitkräfte sowie Angehörige der Civilian Joint Task Force (CJTF), einer staatlich geförderten Miliz, terrorisieren die Bevölkerung und führen illegale Hinrichtungen durch, befindet AI.

Täter gehörten laut Amnesty zur nigerianischen Armee

Die Videos zeigen grausame Szenen, weshalb Amnesty sie nicht uneingeschränkt zugänglich macht. In einem Zusammenschnitt ist eine Hinrichtung zu sehen, die sich am 14. März bei Maiduguri, Bornos Hauptstadt, zugetragen haben soll. Das Video zeigt 16 junge Männer; fünf von ihnen wird die Kehle mit einem Messer durchschnitten. Das Schicksal der anderen Männer zeigt die Aufnahme nicht. Augenzeugen berichten aber, dass insgesamt neun von ihnen auf diese Weise getötet und die anderen erschossen worden seien. Laut Amnesty gehören die Täter zur nigerianischen Armee, ihre Uniformen und Gewehre legten dies nahe. Mehrere Zeugen sowie Quellen aus Militärkreisen hätten dies unabhängig voneinander bestätigt.

Islamisten töten 100 Bewohner der Stadt Bama

Die Islamisten gehen nicht weniger brutal vor. Ein anderes Video entstand kurz nach einem Überfall von Boko-Haram-Kämpfern auf die Stadt Bama. Bei dem Angriff am 19. Februar starben fast 100 Bewohner, mehr als 200 wurden verletzt. Die Islamisten zerstörten große Teile der Stadt. Die Aufnahmen von AI zeigen ausgebrannte Autos, Häuser und Schulen, aber auch Massen verhüllter Leichen.

AI-Generalsekretär fordert schnelle Aufklärung der Verbrechen

"Boko-Haram-Mitglieder und andere bewaffnete Gruppen sind verantwortlich für eine große Zahl abscheulicher Verbrechen - wie die Entführung der Schülerinnen in Chibok vor mehr als drei Monaten - doch das Militär sollte die Menschen verteidigen, anstatt seinerseits Gewalttaten zu begehen", sagt Salil Shetty, Generalsekretär von Amnesty International. Die Organisation appelliert an die nigerianische Regierung, die Verbrechen der Streitkräfte unverzüglich aufzuklären.

Boko Haram, wörtlich übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde", will im Norden Nigerias einen Gottesstaat errichten. Immer wieder verübt die Gruppe Anschläge, bisher im nördlichen Teil des Landes, zuletzt aber auch in der Hauptstadt Abuja und in Lagos. Im Juli nahmen die Rebellen erstmals eine 200.000-Einwohner-Stadt ein, Damboa. Dem Konflikt zwischen Regierung und Islamisten sind nach Angaben von Amnesty seit Anfang des Jahres mehr als 4000 Menschen zum Opfer gefallen. Die meisten davon waren Zivilisten.