Kampagne um TTIP Autopsie des Chlorhuhns

Hängende Hühner in einem Schlachthof in Nixon, Texas

(Foto: U.S. Department of Agriculture / Alice Welch / CC-by-sa-2.0)

Pickeliges, desinfiziertes Geflügel ist zum Wappentier der Anti-TTIP-Bewegung geworden. Das Chlorhuhn mobilisiert und polarisiert zuverlässig in alle Richtungen. Was ist da passiert?

Von Sabrina Ebitsch

Ein Schlachthof irgendwo in den USA. Große Lastwagen karren täglich Tausende Käfige voller Hühner an. Drinnen werden die Tiere getötet, gerupft, ausgenommen. Der picklige, hellrosa Rest aus Haut und Muskeln fährt an den Beinstümpfen hängend durch weitläufige Hallen. Und wird dann, überwacht von Menschen mit Plastikhaube auf dem Kopf und mit Gummihandschuhen, in eiskaltes, mit Chlordioxid versetztes Wasser getaucht oder mit einer Chlorlösung besprüht.

So werden Chlorhühner gemacht. Aber nicht nur so.

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"Hoffnung oder Hysterie: Was bedeutet das Freihandelsabkommen TTIP für uns?" Diese Frage hat unsere Leser in der sechsten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur TTIP-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Chlorhühner werden auch an den Konferenztischen der Nichregierungsorganisationen gemacht. Die Idee von dort nimmt später als kleintransportergroßes Brathähnchen vor dem Brandenburger Tor Gestalt an. Zum Chlorhuhn macht es ein Aktivist mit zwei Kanistern, darauf stilisierte Totenköpfe. Mit Gummihandschuhen und Haube übergießt er den Bratballon in einem symbolischen Akt mit (nichtvorhandenem) Chlor. Man habe das schon früh für "Visualisierungen" genutzt. "Ein großes aufblasbares Huhn, ein weißer Papieranzug, ein Kanister und fertig ist das Bild - ein sehr eingängiges, mit dem mittlerweile viele Leute TTIP assoziieren", sagt Maritta Strasser, Leiterin der Anti-TTIP-Kampagne bei Campact. Dass das aufblasbare Hendl schon ein halbes Jahr zuvor bei einer Protestaktion gegen Antibiotika in der Tierhaltung zum Einsatz kam, schadet da nicht.

Das Freihandelsabkommen / ist (auch) ein Freiklonungsabkommen / das Hormonrind jagt das Chlorhuhn / auch das Fracking darf dann kommen / Genkartoffel und Genmais / die Gesundheit zahlt den Preis / Freiklonungsabkommen ... (Das Freihandelsabkommen - Hardy S. Party)

So also ist das Chlorhuhn zum Symbol für den Widerstand gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen geworden. Aber es fällt schwer, in seiner aufgeblasenen Repräsentation nicht auch ein Symbol für die öffentliche Debatte um TTIP zu sehen. Die öffentlichkeitswirksame Dimension hat das Chlorhuhn erst in jüngster Zeit erreicht. Vor einem Jahr war kaum jemandem ein Begriff, was heute in aller Munde ist und doch gerade dort nicht hinkommen soll.

Dabei ist das Chlorhuhn keine Erfindung der TTIP-Gegner. Die Angst existiert schon lang, dass durch Handelserleichterungen das für Europäer so unappetitliche Geflügel über den großen Teich kommen könnte. Schon seit Jahren geistert sie durch bilaterale Verhandlungen zwischen den USA und der EU und brachte Gespräche zum Scheitern. Wegen eines seit 1997 geltenden Hühnchenembargos lag Brüssel immer wieder im Clinch mit der WTO. Aber in die Berichterstattung schafft es das Chlorhuhn als solches kaum.

Auf den Müll mit dem T-Tip, ab in die Tonne / nur mit Nachhaltigkeit da scheint für uns die Sonne / lasst mit fairer Wirtschaft die Erde erblüh'n / und die Freihandelssekte zum Mars weiterziehn ... (Das Freihandelsabkommen - Hardy S. Party)

Das änderte sich im vorigen Jahr: Die Genealogie des Mythos lässt sich gut an seiner Präsenz im Netz und in Archiven nachvollziehen. Erst taucht das Tier nur vereinzelt auf, ab dem Herbst 2013 stetiger. Das Chlorhuhn wird zum Begriff, zunächst zu einem erklärungsbedürftigen, bald zu einem mit Schlagwort-Potenzial. Anfang dieses Jahres ist das Chlorhuhn im kollektiven Wortschatz angekommen und kann instrumentalisiert werden. Im Frühling wird es gezielt zur Mobilisierung eingesetzt, insbesondere im Europa-Wahlkampf, und wirbt selbst in der Provinz für Veranstaltungen ("Freiheit für das Chlorhähnchen").

Kulturkampf in der Küche

Hormonfleisch, Genfood, Chlorhühnchen: Wenig polarisiert bei TTIP so sehr wie amerikanische Lebensmittel. Das erschwert eine sachliche Diskussion. Welche Gefahren in deutschen Küchen wirklich drohen - und was Europa beim freien Handel mit Lebensmitteln gewinnen könnte. Von Christoph Behrens mehr ... Die Recherche - Faktencheck

Das Huhn entfaltet sein Potenzial und ebnet weiteren TTIP-Themen den Weg. "Bei TTIP geht es um weit mehr als Chlorhühnchen ..." oder "Hinter dem Chlorhühnchen versteckt sich ...", heißt es dann. Sinkende Sozialstandards, Investorenschutz, geheime Schiedsgerichte werden verstärkt in die Debatte aufgenommen. Zugleich werden mantraartig Beruhigungsparolen ventiliert. Während die europäische Lebensmittelbehörde EFSA und das Bundesamt für Risikobewertung betonen, das Huhn sei keinesfalls gesundheitsgefährdend, versichert die Politik ungeachtet des sich ergebenden Widerspruchs, es werde keinesfalls zugelassen.

Wer sich nicht wehrt, der lebt eindeutig verkehrt / (schon bald dann...) / und wird am Ende mit lecker Chlorhuhn zwangsernährt ... / (Eiskalt pfeifen sie auf die Demokratie - Hardy S. Party)

Zugleich entdeckt nun auch die Gegenseite das vielseitig einsetzbare Huhn, um die Argumente der TTIP-Gegner zu entwerten. Es wird phänomenologisch seziert und als Mittel zum Zweck des Angstmachens enttarnt. Polemik setzt ein, über "Gutmenschentotalitarismus" und die Bedenkenträger in den "Krallen des Chlorhuhns"; bis schließlich das Chlorhuhn zum "Wappentier" der Anti-TTIP-Kampagne und als "Chlorgockel" für lächerlich erklärt wird.

Das Huhn aber aktiviert, polarisiert, mobilisiert weiter zuverlässig in alle Richtungen. Phasenweise gleicht die Debatte um TTIP einem Tanz um den chlorenen Alb. Warum eigentlich? Wieso hörte das Chlorhuhn auf, das zu sein, was es ist: ein mehr oder minder appetitliches Angebot im Kühlregal, nicht gefährlich, aber wie viele seiner Nachbarn auch nicht das vorbildlichste Glied in der Nahrungskette?