Japan und der Zweite Weltkrieg Sehenden Auges in die Katastrophe

Pearl Harbor Dezember 1941: Die USS Shaw explodiert nach einem japanischen Luftangriff.

(Foto: REUTERS)

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hält sich in Japan der Mythos, Tokio sei in den Zweiten Weltkrieg gezwungen worden. Eine Historikerin räumt nun damit auf.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Wichtiger als die Frage, warum Japan vor siebzig Jahren kapitulierte und der Zweite Weltkrieg damit auch im Pazifik endete, findet die Historikerin Eri Hotta die Frage nach dem Kriegsbeginn: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Wie ist Japan in einen Krieg gegen die USA geraten, von dem die Regierung und das Militär vorab wussten, dass er nicht zu gewinnen war?

In Japan werde diese Frage kaum gestellt, meint Hotta, ganz so, als sei der Krieg unvermeidbar gewesen. Mit ihrem Buch "Japan 1941: Countdown to Infamy" hat die in den USA lebende Japanerin diese Lücke gefüllt. In Japan gelte der Krieg "entweder als ein heroischer und selbstloser Kampf gegen den arroganten Westen, der Japan gleichsam aufgezwungen wurde", oder als Folge "eines fehlerhaften Uhrwerks, das es einer Gruppe Militaristen erlaubte, die Macht an sich zu reißen", sagte sie jüngst auf einer Veranstaltung in Tokio.

Japan ein Kriegsopfer?

Einige Nationalisten gehen noch weiter: Ende November 1941 hatte Präsident Franklin D. Roosevelt gesagt, man müsse die Japaner dazu bringen, den ersten Schuss abzufeuern. Daraus wollen Nationalisten schließen, die USA hätten Japan in eine Falle gelockt. Demnach wäre Japan schon bei Kriegsausbruch ein Opfer gewesen.

Hotta hält dem entgegen, Roosevelt habe mit einer Militäroffensive Tokios gerechnet, aber einen Überfall vom Ausmaß Pearl Harbors habe sich in Washington niemand vorstellen können. Erwartet wurde ein Angriff auf die Philippinen, damals eine amerikanische Kolonie.

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Zudem machte Roosevelt die Bemerkung vom ersten Schuss, als Pearl Harbor bereits beschlossen war. Tokio hatte sich selbst im Sommer 1941 eine Frist für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit Washington gesetzt, die Ende November ablief. Die USA wussten davon nichts.

1941 führte Japan schon seit zehn Jahren Krieg, seine Armee war 1931 in Nordost-China eingefallen. Sie machte die Mandschurei zum Marionettenstaat Tokios und weitete ihre Aggressionen 1937 auf ganz Ost-China aus. 1940 besetzte Japan den Norden Vietnams. Daraufhin verhängte Washington Sanktionen gegen Tokio, unter anderem ein Öl-Embargo.

2345 US-Soldaten starben dem Zentrum für Militärgeschichte der US Army (CMH) zufolge beim japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Die Zahl ist umstritten, Schätzungen bewegen sich zwischen 2000 und 2500 Toten. Der Luftangriff zielte auf die US-Pazifikflotte, die in Pearl Harbor auf Hawaii ankerte. 18 Schiffe und ein großer Teil der Luftflotte der USA wurden zerstört, der Angriff führte zum Kriegseintritt der USA.

Anders als in China, wo das Militär ohne Zustimmung der zivilen Führung losschlug, sei der Krieg gegen die USA "eine gemeinsame, bewusste Entscheidung" von etwa zwölf Top-Ministern, Generälen und des Kaisers gewesen, betont Hotta. In Tokio regierte kein Diktator. "Japan hatte selbst in den letzten acht Monaten vor Kriegsausbruch gute Gelegenheiten, einen Großkrieg zu vermeiden."

Insbesondere, als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Das hätte Japan zum Anlass nehmen können, sein Bündnis mit den Nazis aufzulösen, zumal es mit Moskau Neutralität vereinbart hatte. Die USA wären dafür sogar zu Konzessionen bereit gewesen. Doch Tokio zögerte zu lange.