Interview mit Joachim Gauck (2) "Warum überlassen wir den Stolz den Bekloppten?"

Patriotismus, Sarrazin und der Umgang der Medien mit dem Präsidenten: Im zweiten Teil des Gesprächs äußert sich Joachim Gauck zur Integration - und plädiert für mehr Vaterlandsliebe.

Interview: Thorsten Denkler und Oliver Das Gupta

sueddeutsche.de: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?

Joachim Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander - darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.

sueddeutsche.de: Haben Sie sein umstrittenes Buch Deutschland schafft sich ab gelesen?

Gauck: Nein, habe ich nicht. Aber wie ich die Debatte verfolgt habe, gibt es eben einen Teil, wo man sagen muss: Da weist er auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.

sueddeutsche.de: Sarrazins Thesen von erblich weniger intelligenten Kindern bei bestimmten Gruppen.

Gauck: Wenn er das so behauptet, dann würde ich das auch kritisieren. Ich kann nicht einfach zum Parteigänger werden, aber ich würde mir sehr sorgfältig überlegen, ob ich den Typ aus der SPD ausschließe.

sueddeutsche.de: Sie haben mitbekommen, wie Sie selbst von den Medien als Heilsbringer hochgejubelt wurden. Im Fall Sarrazin gibt es nun auch wieder einen Medienhype. Leben wir in einer Mediokratie in Deutschland?

Gauck: Wir haben eine sehr lange Tradition, politische und wirtschaftliche Macht zu analysieren und zu kritisieren. Diese Geschichte eines kritischen Umgangs mit der Mediendemokratie gibt es noch nicht. Wohl gibt es Medienkritik, aber zu wenig. Die Leute durchschauen Medienmacht weniger als wirtschaftliche oder politische Macht. Allerdings: Bei beiden genannten Hypes war ja tatsächlich etwas vorhanden, was besprochen werden musste.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie persönlich das überschießende Medien-Interesse erlebt?

Gauck: Natürlich hat mir die Aufmerksamkeit geschmeichelt. Aber lassen wir mal die Personalie Gauck weg, so toll bin ich nicht. Was haben die Abertausende Unterstützer, die es gab - im Internet, unter Künstlern und ganz normalen Menschen - in dieser Kandidatur gesehen? Was ist deren Botschaft? Doch diese: Mensch, es wäre schön, wenn wir Politiker hätten, denen wir glauben können. Dazu muss man mit den Bürgern so reden, dass sie sich ernstgenommen fühlen können. Das ist doch ein wunderbares Signal an die Politik! Diese Leute wollen sich beheimaten. Die sagen, das ist mein Land, meine Demokratie. Und ich möchte mich darin gut vertreten fühlen.

sueddeutsche.de: In Ihrem Fall waren sich öffentliche und veröffentlichte Meinung einig. Bei Thilo Sarrazin jedoch scheinen sich die politische Klasse und die Medien gegen die Mehrheit der Menschen verschworen zu haben. Wie erklären Sie sich das?

Gauck: Ich habe das etwas anders wahrgenommen. Der seriösere Teil der Medien ist eher kritisch gegenüber Sarrazin, der - sagen wir - volksnahe Teil eher positiv. Intellektuellen fällt es schwer, zu akzeptieren, dass mit dem Element des Tabubruchs Politik gemacht wird. Mein Eindruck ist, dass der Herr Sarrazin nicht ein Problem erfunden hat.

Der linke Konservative

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