Holocaust-Überlebender Heinz Kounio "Deutsch hat mir in Auschwitz das Leben gerettet"

Heinz Kounio während des Gesprächs in seiner Wohnung in Thessaloniki

(Foto: Olilver Das Gupta)

Nach einer Woche im Güterwaggon steht Heinz Kuonio 1943 vor rauchenden Krematorien. Bei seiner Befreiung ist der Grieche auf 35 Kilogramm abgemagert.

Interview von Oliver Das Gupta, Thessaloniki

Heinz Kounio kam 1927 in Karlsbad (tschechisch: Karlovy Vary) zur Welt. Seine böhmische Familie mütterlicherseits war jüdisch und zählte sich zum deutschen Kulturkreis. Sein Vater war Nachkomme spanischer Juden, die nach der christlichen Eroberung der bis dahin unter muslimischer Herrschaft befindlichen Iberischen Halbinsel vor 500 Jahren nach Thessaloniki geflohen waren.

Griechenlands zweitgrößte Stadt prosperierte und hatte bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine jüdische Bevölkerungsmehrheit. Nachdem 1941 Hitler-Deutschland in Griechenland einmarschiert war, wurde die jüdische Gemeinde "Salonikas" fast vollständig in die Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert: mehr als 48 000 Menschen, darunter auch die Familie Kounio. Weniger als 2000 von ihnen überlebten den Massenmord.

Heinz Kounio berichtet als einer der letzten Zeitzeugen von der Vernichtung der Juden von Thessaloniki. Das folgende Gespräch findet in seiner Wohnung statt, von der man die Bucht von Thessaloniki überblicken kann bis zu den Gipfeln des Olymps.

SZ: Mister Kounio ...

Heinz Kounio: Lassen Sie uns gerne deutsch sprechen!

Vielen Überlebenden der Schoah ist die deutsche Sprache ein Graus.

Das ist bei mir anders. Deutsch ist für mich nicht negativ, Deutsch ist meine Muttersprache! Meine Mutter kam aus Böhmen, sie gehörte zum deutschen Kulturkreis. Deutsch hat mir in Auschwitz das Leben gerettet, aber das erzähle ich Ihnen später.

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Vor 75 Jahren marschierten die Deutschen in Thessaloniki ein. Wann begannen die Repressalien gegen die jüdischen Griechen?

Erst mal war viele Monate alles relativ ruhig. Viele Wehrmachtssoldaten kamen in unser Fotogeschäft und kauften ein. Im Sommer 1942 aber wurden Tausende jüdische Männer zu schwerster Zwangsarbeit verpflichtet, sie mussten unter unmenschlichen Bedingungen Straßen und Brücken bauen. Die jüdische Gemeinde hat sie für viel Geld freigekauft.

Anfang 1943 kam der SS-Mann Alois Brunner nach Thessaloniki.

Mit ihm verschlimmerte sich unsere Situation drastisch. Wir mussten unser Haus verlassen und zusammen mit den anderen Juden in mehreren großen Ghettos leben. Wir waren eingesperrt in unserer eigenen Stadt.

Als Hitler Griechenland überfiel

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Bei der Beraubung und Deportation half auch ein NS-Zivilbeamter ...

Merten!

Ja, Max Merten. Haben Sie ihn kennengelernt?

Aber ja. Er hat nicht weit von hier gewohnt, in meiner Erinnerung sehe ich Merten noch auf seiner Veranda tanzen. Das war ein gebildeter Mann, der sich zur Begrüßung tief verbeugte und charmant zu meiner Mutter war. Alles Theater von ihm! Merten war ein Lügner, ein Dieb und Verbrecher. Es gibt nach wie vor das Gerücht, er hätte das von den Juden geraubte Gold in einer Bucht versenkt, bevor er Griechenland 1944 verlassen hat.

Merten organisierte mit Brunner, dass Sie und fast 50 000 weitere Juden aus Thessaloniki in die Vernichtungslager nach Polen deportiert wurden. Was hat man Ihnen über das Ziel der Reise erzählt?

Man sagte uns, dass wir an einen Ort kommen, wo wir in Ruhe leben können. Die Bedürftigen kommen ins Sanatorium. Alle älteren Leute, alle Kinder, alle Kranke würden gut behandelt. "Haben Sie keine Angst", sagte Merten. Und wir naiven Juden von Saloniki haben ihm geglaubt. Alles war eine große, grausame Lüge. Meine Familie und ich gehörten zum ersten Transport. Unsere Zweifel sind schon am Tag der Abfahrt gewachsen.

Thessaloniki 1944: Deutsche Panzer bei der Fahrt durch den Galerius-Bogen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Was löste Ihre Zweifel aus?

Wir mussten in einen Güterzug steigen. In jeden Waggon mussten 80, 90 Leute. Das ging natürlich langsam, weil es nur einen kleinen Tritt zum hochsteigen gab. Aber alles musste schnell gehen, die SS-Wachen haben mit Bajonetten gestochen und Gewehrkolben geschlagen. Ich höre noch, wie sie: "Schnell, schnell!" brüllen. Man hat die Leute verrückt gemacht. Dann ging die Tür zu. Mit einem großen Bügelschloss wurden wir eingesperrt.

Wie lange blieb die Tür zu?

Drei Tage. Als sie wieder aufgemacht wurde, waren wir in Nordkroatien. Wir durften kurz raus an einen Fluss und Wasser trinken. Da war eine kleine Wiese, die ich als wunderschön in Erinnerung habe. Am nächsten Tag ging es nach Wien. Und dann direkt weiter nach Auschwitz-Birkenau. Nach etwa einer Woche Bahnfahrt kamen wir dort mitten in der Nacht an.

Wann wurde Ihnen klar, dass Auschwitz eine Mordfabrik war?

Sofort! Die Tür des Waggons ging auf und ich sah diese hohen Schlote der Krematorien. Manchmal schlugen die Flammen meterhoch aus den Schornsteinen. Man sah keine Sterne, weil der Rauch den Himmel dunkel machte. Für mich waren das die Seelen der ermordeten Menschen. Zwei- bis dreitausend Menschen pro Nacht gingen durch die Schornsteine. Diese hohen Schornsteine haben uns das Herz gebrochen.