Große Koalition Frauen an die Front

Weibliche "Alltagsgesichter" der künftigen Koalition: SPD-Politikerin Andrea Nahles (li.) wird Arbeitsministerin, ihre CDU-Kollegin Ursula von der Leyen Verteidigungsministerin. Das Bild zeigt sie während der Koalitionsverhandlungen.

(Foto: dpa)

Sexistische Twitter-Sprüche sind heute ausnahmsweise kein Grund, sich zu ärgern. Denn die Parteichefs der großen Koalition haben verstanden, dass eine Hälfte der Bevölkerung Frauen sind - und verteilen dementsprechend wichtige Posten.

Von Hannah Beitzer

Ja, sie nerven, die blöden Sprüche und Witze über Ursula von der Leyen. Eine Frau als Verteidigungsministerin? Die reinste Steilvorlage für Sexismus: Im Netz kursieren Fotomontagen, die die CDU-Politikerin als blonde, vollbusige Lara Croft mit Waffe im Anschlag zeigen, außerdem Bilder von rosa Maschinengewehren. Nicht selten heißt es empört, "die Tussy" habe von der Truppe ja ohnehin keine Ahnung, und selbst für Witze à la "Bekommen jetzt alle Truppenstützpunkte Kitas?" sind sich manche nicht zu schade.

Aber auf der anderen Seite ist es vollkommen egal, was ein paar Sprücheklopfer auf Twitter und Facebook für witzig halten. Denn dieses Wochenende hat gezeigt, dass Parteichefs aller Lager Frauen in verantwortungsvollen Positionen sehen wollen. Das beweist eben zum einen die Personalie von der Leyen, die die alte feministische Weisheit "Männer werden nach Potenzial befördert, Frauen nach erbrachter Leistung" aushebelt.

Denn es mag stimmen, dass die bisherige Arbeitsministerin "die Truppe" und ihre Gepflogenheiten nicht unbedingt in- und auswendig kennt. Aber, und das ist viel wichtiger: Man traut ihr zu, dass sie das Verteidigungsministerium trotzdem wuppen kann. (Warum das so ist, hat Kollege Christoph Hickmann hier aufgeschrieben).

Und auch die SPD hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass sie aus dem schlechten Wahlergebnis vom 22. September gelernt hat. Unter den weiblichen Wählern hatte die Partei mit ihrem Kanzlerkandidat Peer Steinbrück besonders schlecht abgeschnitten.

Mehr als mittelalte, weiße Männer

SPD-Chef Sigmar Gabriel stellte folgerichtig am heutigen Sonntag ein Team für das Kabinett vor, das aus drei Frauen und drei Männern besteht - und sorgt zudem noch für die erste türkischstämmige Staatsministerin in der Geschichte der Bundesrepublik: Aydan Özoğuz. Der Schleswig-Holsteiner Ralf Stegner, der als ein Favorit für den Posten des Generalsekretärs galt, muss zurückstecken. Auf die zukünftige Arbeitsministerin Andrea Nahles müsse einfach eine Frau folgen, stellte Gabriel klar: "Die Alltagsgesichter der SPD dürfen nicht nur männlich sein."

Gabriel hat absolut Recht. Und dabei geht es auch überhaupt nicht um die Frage, ob Frauen per se bessere Minister oder Generalsekretäre sind und schon gar nicht um die tatsächlichen oder angeblichen Vorzüge eines "weiblichen Führungsstils". Sondern schlicht darum, dass die Politik auch die Aufgabe hat, die Lebensrealität der Menschen abzubilden - eine Aufgabe, der sie allenfalls mit mäßigem Erfolg nachkommt. Nicht nur Frauen, auch Migranten, Nicht-Akademiker und junge Menschen kommen in Parteien und Parlamenten zu selten zu Wort.

Die Erkenntnis, dass es nicht klug ist, bei Personalentscheidungen eine Hälfte der Menschheit einfach auszublenden, ist schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung. Sigmar Gabriel hat verstanden: Wenn er - was nach seinem Erfolgs-Mitgliederentscheid und seiner Bestellung zum Super-Minister naheliegt - 2017 die SPD in den Wahlkampf führen will, dann reicht es nicht, dass seine Partei in Sachen Gleichstellungs- und Familienpolitik progressive Ideen hat. Sie darf auch personell nicht mehr als Verein mittelalter, weißer Männer rüberkommen.

Das zu beweisen hat die SPD nun vier Jahre lang Zeit - und mit drei Ministerinnen, einer Generalsekretärin und einer türkischstämmigen Staatsministerin keine schlechten Startvoraussetzungen.