Gedankenspiele um Schavan Merkels dürre Reserve

Schavan will kämpfen, die Kanzlerin steht zu ihr. Aber die Rücktrittsforderungen der Opposition werfen die Frage auf, wer in der CDU für das Bildungsministerium geeignet wäre. Der Kreis der Kandidaten ist klein.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Geht sie oder geht sie nicht? Annette Schavan hat sich die Entscheidung über ihre Zukunft noch offengelassen. Sie will klagen gegen die durchaus umstrittene Entscheidung der Uni Düsseldorf, ihr den Doktortitel abzuerkennen. So viel ist klar. Aber von einem Rücktritt war keine Rede. Es gibt gute Gründe dafür und dagegen.

Viel wird davon abhängen, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Vertraute gehen lässt. Merkel müsste wenige Monate vor der Bundestagswahl einen neuen Minister berufen. Kandidaten gäbe es - auch solche, die geeignet sind. Eine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Julia Klöckner - das Aufputschmittel

Bringt sie frischen Wind? Julia Klöckner, Landeschefin in Rheinland-Pfalz.

(Foto: dpa)

Julia Klöckner ist eine Art Wunderwaffe der CDU. Sie hat den völlig zerstrittenen Landesverband in Rheinland-Pfalz wieder halbwegs befriedet. Sie hat den unantastbaren Kurt Beck beinahe aus dem Amt gedrängt. Sie hat die CDU wieder zu einer Kraft gemacht, der zuzutrauen ist, dass sie das Heimatland von Helmut Kohl eines Tages wieder regieren kann. Warum nicht die Landesvorsitzende für ein halbes Jahr nach Berlin zurückholen - als Bildungsministerin?

Sie könnte im Amt wenig falsch machen in den wenigen Monaten bis zur Bundestagswahl. Aber viel richtig. Ihre Frische und demonstrative Tatkraft könnten das schläfrig wirkende Kabinett bereichern. Und nach der Wahl ginge sie wieder in ihre Heimat, berühmter als zuvor, und gewänne die nächste Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Klingt nach einem Plan, der Merkel gefallen könnte.

Monika Grütters - der Geheimtipp

Überraschung? Monika Grütters, CDU-Expertin für Wissenschaft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Monika Grütters gehört zu den angenehmeren Erscheinungen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Freundlich, verbindlich, unaufgeregt. Die Kunsthistorikerin war schon Pressesprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung. Seit 1991 lehrt sie an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin und seit 1999 an der Freien Universität Berlin. Von 1995 bis 2005 war sie Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin und kulturpolitische und wissenschaftspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion sowie Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung.

Seit 2005 gehört sie dem Bundestag an. Sie ist dort Mitglied im Ausschuss für Bildung und Forschung. Ihre Ernennung zur Bildungsministerin wäre ein Überraschungscoup der Kanzlerin. Merkels Kabinett bekäme mit ihr ein frisches Gesicht, das dennoch reichlich Erfahrung mitbringt.

Hermann Gröhe - der General

Weggelobt? Hermann Gröhe, bislang Generalsekretär der CDU.

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Macht Angela Merkel ihren Generalsekretär zum Bildungsminister, wäre die entscheidende Frage nicht nur, wie sich der ins neue Amt fügt. Sondern auch, wer sein Nachfolger als Wahlkampfmanager wird. Gröhe erscheint nicht wenigen in der Partei als eine Fehlbesetzung. Er schaffe es nicht, Themen zu platzieren oder im Gerangel der Generalsekretäre eine unüberhörbare Stimme zu sein.

Er könnte jetzt weggelobt werden ins Ministeramt, um einem schlagkräftigeren Nachfolger Platz zu machen. Gröhe bliebe dann bis zur Wahl Minister. Danach werden ohnehin alle Posten neu verteilt - wenn es für die CDU dann überhaupt noch etwas neu zu verteilen gibt.

Thomas Strobl - der Selbstbewusste

Keine Chance? Thomas Strobl, Merkel-Kritiker und Landeschef im Südwesten.

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Der Jurist und Schwiegersohn von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble müsste eigentlich alles daran setzen, dass anstelle von Schavan ein Baden-Württemberger das Ministeramt bekommt. Und im Zweifel macht es der CDU-Landeschef halt selbst. So viel Selbstbewusstsein hat der Mann. Was er weniger haben dürfte, sind Chancen.

Wenn Merkel etwas überhaupt nicht ausstehen kann, ist es Illoyalität. Strobl war illoyal. Er hat in einem Aufsatz nach der verkorksten Landtagswahl im Mai 2011 - da war er noch Generalsekretär der Landes-CDU - durchblicken lassen, was er von Merkels Politikstil hält. Da stellte er provokante Fragen, jede ein Hieb gegen die Kanzlerin: "Warum erschüttert ein Atomunfall im fernen Japan unsere Position in der Atompolitik? Warum müssen wir binnen Stundenfrist unsere Meinung ändern?"

Merkel hat dann versucht, Strobl als Landeschef zu verhindern, was ihr nicht gelungen ist. Unter ihr wird Strobl eher nichts mehr.

David McAllister - das gefallene Talent

Neustart? David McAllister, Wahlverlierer in Niedersachsen.

(Foto: dpa)

Es war eine gebeugte, traurige Gestalt, die am Tag nach der Niedersachsenwahl ins Konrad-Adenauer-Haus schlich. Kaum zu glauben, dass David McAllister nach der knappen Wahlpleite seiner schwarz-gelben Koalition je aus seinem Tief herausfinden könnte. Auch zwei Wochen später ist nicht klar, was aus ihm werden soll. Wird er den Fraktionsvorsitz übernehmen, wenn er das Amt des Ministerpräsidenten an Stephan Weil abgegeben hat? Oder als einfacher Abgeordneter sein Dasein fristen?

Unbeliebt ist er nicht, er hat beste Zustimmungswerte. Er gilt als begnadetes Talent. Fachlich ist er auch versiert. Er soll ein exzellenter Kenner der Forschungslandschaft sein. Eigentlich eine gute Besetzung - doch die dpa berichtet unter Berufung auf McAllisters Umfeld, dass der CDU-Mann nicht zur Verfügung stehen würde. Er wolle "erst einmal zur Ruhe kommen".