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Politiker unter Plagiatsverdacht:Von Guttenberg über von der Leyen bis Giffey

Franziska Giffey ist nur eine von vielen deutschen Spitzenpolitikern, deren Doktorarbeiten kritisiert wurden. Eine Auswahl.

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Franziska Giffey (SPD)

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Quelle: Claus Schunk

Sie habe ihre Dissertation "nach bestem Wissen und Gewissen verfasst", sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Die Plagiatejäger von VroniPlag Wiki sehen das ein wenig anders. "Frau Giffey führt die Leser jedoch nicht nur in Bezug auf die Urheberschaft des Textes selbst in die Irre, sondern an vielen Stellen auch darüber, welcher Autor was gesagt hat", sagt ein Prüfer im SZ-Interview. Er hält das für "eindeutig wissenschaftliches Fehlverhalten".

Die Ministerin hat ihre Alma Mater - die FU Berlin - um Prüfung der Arbeit gebeten. Und die hat inzwischen entschieden: Giffey darf ihren Titel behalten.

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Frank Steffel (CDU)

Frank Steffel

Quelle: picture alliance / dpa

CDU-Bundestagsmitglied Frank Steffel ist seinen Doktorgrad wohl los. Er habe in seiner 1999 eingereichten Dissertation über das Unternehmertum in Ostdeutschland "an zahlreichen Stellen wörtliche oder fast wörtliche Übernahmen in erheblichem Umfang nicht als solche gekennzeichnet", urteilt die Freie Universität Berlin. Zwar habe Steffel die Quellen stets benannt. Der Umfang der Zitate - teilweise übernahm Steffel die Texte seitenweise - sei aber nicht deutlich geworden.

Steffel sagt dennoch, die Entscheidung der Uni habe ihn überrascht. Er will vor Gericht um seinen Doktortitel kämpfen.

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Ursula von der Leyen (CDU)

Ursula von der Leyen

Quelle: dpa

Ursula von der Leyen darf ihren Doktortitel behalten. Das Muster der Plagiate in ihrer Dissertation spreche nicht für eine "Täuschung mit Absicht", entschieden die Prüfer an der Medizinischen Hochschule Hannover 2016.

Auf fast der Hälfte der Seiten des Hauptteils ihrer Doktorarbeit soll die Verteidigungsministerin plagiiert haben, meinte VroniPlag Wiki. Fünf Seiten hätten gar einen "Plagiatsanteil" von 75 bis 100 Prozent, hieß es in dem Bericht der Enthüllungsplattform weiter. Jura-Professor Gerhard Dannemann, Mitglied bei VroniPlag Wiki, meint: "Wir sprechen hier nicht von einem Grenzfall." Er halte die "Mängel für schwerwiegender" als im Fall der deswegen zurückgetretenen früheren Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU).

Von der Leyens Hochschule war anderer Meinung.

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Andreas Scheuer (CSU)

CSU-Vorstandssitzung

Quelle: dpa

Auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer musste sich schon mit Plagiatsvorwürfen auseinandersetzen. Mit einer Arbeit über "Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns" hatte Scheuer an der Karls-Universität Prag den kleinen Doktorgrad PhDr. erworben. Dieser ist nicht mit dem deutschen Doktortitel gleichwertig.

Anfang 2014 wurden Anschuldigungen laut, wonach Scheuer mehrere Textpassagen in seiner Arbeit aus Fremdquellen übernommen haben sollte, ohne dies korrekt zu kennzeichnen. Eine Prüfung der Karls-Universität ergab: Scheuer hat drei Textstellen verwendet, ohne Quellen dafür anzugeben; dies betrachte die zuständige Kommission jedoch "nicht als schwerwiegenden Verstoß gegen Ethik-Regeln". Scheuer teilte dennoch mit, seinen Titel nicht mehr führen zu wollen.

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Annette Schavan (CDU)

Annette Schavan

Quelle: dpa

Sie stürzte über eine Plagiatsaffäre: Die Universität Düsseldorf erkannte Annette Schavan 2013 ihren Doktortitel ab. In der Folge gab die Bildungsministerin bei einem gemeinsamen Auftritt mit Kanzlerin Angela Merkel ihren Rücktritt als Bildungsministerin bekannt. Der CDU-Politikerin wird vorgeworfen, in ihrer Dissertation zum Thema "Person und Gewissen" aus dem Jahr 1980 getäuscht zu haben.

Bereits 2012 leitete die Universität nach anonymen Hinweisen aus dem Internet die Prüfung der Arbeit ein. Die Gutachter kommen zu einem klaren Urteil: Schavan hat plagiiert. Zudem wird ihr eine "leitende Täuschungsabsicht" attestiert. Mit einer Anfechtsungsklage vorm dem Düsseldorfer Verwaltugnsgericht scheitert Schavan unfd verzichtet schließlich auf eine Berufung - die Aberkennung des Doktorgrades ist damit endgültig. Ohne Titel ist Schavan danach von 2014 bis 2018 deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom.

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Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU)

Gutachten: Guttenberg hat absichtlich getaeuscht

Quelle: dapd

Seit der Plagiatsaffäre im Jahr ist Karl-Theodor zu Guttenberg von der politischen Bühne weitgehend verschwunden. Die Internetplattform "GuttenPlag" hatte in etwa einem Fünftel von Guttenbergs Dissertation Plagiate entdeckt. Schon in der Einleitung der Arbeit über die Verfassungen von Europa und den USA kupfert der CSU-Politiker ganze Absätze aus anderen Werken ab, ohne diese zu nennen.

Am 1. März 2011 tritt der 42-Jährige unter dem Druck der Öffentlichkeit als Verteidigungsminister zurück. Ein späteres Gutachten der Universität Bayreuth bescheinigt Guttenberg schließlich amtlich "vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten". Wenige Monate nach seinem Rücktritt von sämtlichen politischen Ämtern in Deutschland meldet sich Guttenberg überraschend mit einem neuen Werk zurück. Mit seiner Autobiografie "Vorerst gescheitert" schafft es der einstige Spitzenpolitiker 2011 erneut kurzzeitig in die Schlagzeilen.

Guttenberg übernahm in der Folge verschiedenste Beratertätigkeiten und lebte mit seiner Familie hauptsächlich in den USA. Spekulationen über ein politisches Comeback in der CSU gibt es immer mal wieder.

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Silvana Koch-Mehrin (FDP)

Plenary session at the European Parliament

Quelle: dpa

Zwei Drittel der zitierten Literatur nicht benannt, auf mehr als 80 Seiten über 120 abgekupferte Passagen: Die Universität Heidelberg entzieht der FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin nach erneuter Prüfung im Sommer 2011 den Doktortitel. Ihre Arbeit aus dem Jahr 2000 über die "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: Die Lateinische Münzunion 1865‐1927" besteht der Universität zufolge in "substanziellen Teilen aus Plagiaten".

Koch-Mehrin hatte bereits kurz zuvor ihre Ämter als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP aufgegeben. Zudem kandidierte Koch-Mehrin 2014 nicht mehr für einen Sitz im Europäischen Parlament.

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Marc Jan Eumann (SPD)

Marc Jan Eumann

Quelle: Roland Weihrauch/dpa

Ein paar neue Einstiege, Umformulierungen und ausgedehntere Zitate: So soll NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) seine Magisterarbeit von 1991 angereichert und dann als Doktorarbeit eingereicht haben. Nach eingehender Prüfung der Arbeit sprach das Rektorat der Universität Dortmund, an der Eumann seine pressegeschichtliche Dissertation eingereicht hatte, von einem "erheblichen wissenschaftlichen Fehlverhalten". Die Uni erkannte Eumann seinen Titel dennoch nicht ab - "trotz großer Bedenken".

Der Politiker hatte in Dortmund am Institut für Journalistik 2011 zum Thema "Deutscher Pressedienst" promoviert. Zusätzliche Brisanz erhielt der Fall, da sein Doktorvater kurz nach der Promotion eine finanzielle Förderung von mehr als 200 000 Euro vom Land erhalten hatte. Eumann ist mittlerweile Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz.

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Bijan Djir-Sarai (FDP)

Bijan Djir-Sarai, MdB, FDP Plagiatsverdacht Foto: Graca & Darius Bialojan

Quelle: Graca & Darius Bialojan - Bijan Djir-Sarai

Noch ein FDP-Politiker, der seinen Doktortitel abgeben musste: der Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai. Im März 2012 erkennt die Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln dem nordrhein-westfälischen Politiker den Titel ab. Nach "umfangreicher Prüfung" war die Fakultät zu dem Schluss gekommen, der in Teheran geborene Djir-Sarai habe in seiner Dissertation in erheblichem Umfang wissenschaftliche Zitierpflichten nicht hinreichend beachtet und Textpassagen von fremden Autoren ohne korrekte Kennzeichnung übernommen. Das Thema der Doktorarbeit des Diplom-Kaufmannes: die "Ökologische Modernisierung der PVC-Branche in Deutschland".

Djir-Sarai blieb bis zur Wahlniederlage der FDP 2013 Mitglied des Bundestages - und ist seit dem Wiedereinzug der Liberalen seit 2017 wieder MdB.

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Matthias Pröfrock (CDU)

Matthias Pröfrock

Quelle: dpa / Gabriel Habermann

Der ehemalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock galt bis zu seiner Plagiatsffäre als politisch unbeschriebenes Blatt. Dann schlägt die Internetplattform VroniPlag wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in seiner Doktorarbeit zur "Energieversorgungssicherheit im Recht der Europäischen Union / Europäischen Gemeinschaften" zu.

Die Universität Tübingen entzieht dem 34-jährigen CDU-Politiker im Juli 2011 den Doktorgrad, weil er in erheblichem Umfang aus dem Internet kopiert und die Stellen nicht kenntlich gemacht hatte. Politische Konsequenzen zieht Pröfrock nicht. Er scheidet erst 2016 aus baden-württembergischen Landtag aus.

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Jorgo Chatzimarkakis (FDP)

Landesparteitag der saarländischen FDP

Quelle: picture-alliance/ dpa

Das Internet-Wiki VroniPlag listet auf etwa 72 Prozent der Seiten seiner Doktorarbeit Plagiate. Mit Jorgo Chatzimarkakis verliert nach Silvana Koch-Mehrin ein weiterer prominenter FDP-Europapolitiker 2011 seinen Doktorgrad. Bevor die Universität Bonn den Titel aberkennt, stellt sie nach eignener Prüfung fest, dass in der Arbeit aus dem Jahr 2000 über Informationellen Globalismus mehr als die Hälfte abgeschrieben war. Schon kurz nach der Plagiatsaffäre beteuert Chatzimarkakis seine Unschuld und schwört beim Grab seines Großvaters, eine neue Doktorarbeit zu schreiben. Wie es darum steht, ist nicht bekannt.

Die FDP verlässt Chatzimarkakis einige Jahre später und ist mittlerweile Landesvorsitzender der ÖDP im Saarland. Im kommenden Mai will er bei der Oberbürgermeisterwahl in Saarbrücken antreten.

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Margarita Mathiopoulos

Margarita Mathiopoulos

Quelle: dpa

Neben den FDP-Spitzenpolitikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis büßt Anfang der 2010er Jahre die parteinahe Beraterin Margarita Mathiopoulos ihre Doktorwürde ein. Der Plagiatsvorwurf gegen ihre Dissertation war nicht ganz neu - schon Ende der 1980er-Jahre wurde der Fall von der Universität Bonn verhandelt.

Nach erneuter Prüfung im Jahr 2012 findet die Universität in der Arbeit mehr als 320 Stellen, in denen die Originalquellen nicht ordnungsmäß zitiert wurden. Die Prüfer urteilen schließlich, dass "es sich nicht um bloße Versehen, sondern um vorsätzliche Täuschungen über die wissenschaftliche Urheberschaft handelt".

2012 beschließt die Uni, ihr den Doktorgrad zu entziehen, wogegen Mathiopoulos klagt - und vor dem Verwaltungsgericht in Köln verliert. Mathiopoulos zieht im kampf um ihren Doktortitel vor das Bundesverwaltungsgericht, das ihre Revision zurückweist, und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der ihre Beschwerde gegen die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts als unzulässig bewertet. Daraufhin entziehen ihr die TU Braunschweig und die Universität Potsdam zuvor verliehene Honorarprofessuren - und der Doktortitel ist endgültig verloren.

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Bernd Althusmann (CDU)

Pk Althusmann

Quelle: dpa

Als Präsident der Kultusministerkonferenz, dem wichtigsten Gremium der deutschen Bildungspolitik, sicherte Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann die Lehrqualität in Schulen und Hochschulen. Ende 2011 gerät der Qualitätswächter dann selbst in die Kritik. Die Wochenzeitschrift Die Zeit hatte berichtet, der CDU-Politiker habe in seiner Arbeit über die Organisation der öffentlichen Verwaltung an vielen Stellen inhaltliche wie wörtliche Übernahmen aus anderen wissenschaftlichen Werken nicht als solche gekennzeichnet.

Die Universität Potsdam bescheinigt der Doktorarbeit des 44-Jährigen nach einer Plagiatsprüfung eine Vielzahl formaler Mängel. Ein wissenschaftliches Fehlverhalten stellt sie jedoch nicht fest. Althusmann behält seinen Doktorgrad. Seiner politische Karriere hat die mit Mängeln behaftete Dissertation kaum geschadet. Seit 2017 ist Althusmann stellevertretende Ministerpräsident Niedersachsens.

© Süddeutsche.de/mkoh/lala

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