Europa Russland sollte als Großmacht auf Augenhöhe behandelt werden

Wladimir Putin mit Angela Merkel bei seiner Ankunft im Kanzleramt.

(Foto: Getty Images)

Erstmals seit der Besetzung der Krim ist der russische Präsident Putin zu Gast in Berlin. Für Kanzlerin Merkel bedeutet das eine Gratwanderung.

Kommentar von Stefan Ulrich

Kaum ein außenpolitisches Thema entzweit die Deutschen so wie die Haltung gegenüber Russland. Für die einen verkörpert das Land die Bedrohung Nummer eins - für die anderen eine Alternative zu den USA. Angst und Sehnsucht, Abscheu und Bewunderung schlagen Wladimir Putin aus Deutschland entgegen. Diese extreme Ambivalenz macht das Verhältnis zur Sonderbeziehung.

Hinzu kommen die gemeinsame Geschichte, eine enorme deutsche Schuld, kulturelle Anziehung, Wirtschaftsinteressen und eine Vision: Falls sich Deutschland mit Russland künftig aussöhnen sollte wie mit Frankreich, könnte ein eurasisches Ordnungssystem vom Atlantik bis zum Pazifik entstehen. Dann wäre Europa wirklich vereint.

Merkel will Putin zur Mäßigung drängen

Trotz des brutalen Vorgehens des russischen Militärs in Syrien lädt die Bundesregierung Russlands Präsident nach Berlin ein. Nach SZ-Informationen wurden Bedingungen dafür gestellt, ihm eine solche Bühne zu bieten. Von Stefan Braun mehr ...

Die Bundesregierung kennt das Potenzial dieser Beziehung, bezweifelt aber, dass sie es mit dem Präsidenten Wladimir Putin ausschöpfen kann. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) haben den Kontakt zum Kreml dennoch nie abreißen lassen. Dadurch wurde zwar weder die Ukraine-Krise gelöst, noch Syrien befriedet, womöglich aber noch Entsetzlicheres verhindert.

Vom Krieg zum Frieden - in sieben Schritten

Nun kommt Putin erstmals seit Ausbruch der Ukraine-Krise nach Berlin, um mit Merkel sowie den Präsidenten aus Paris und Kiew über die Ukraine zu beraten. Besonders der Kanzlerin muss sich da Europas Schicksalsfrage stellen: Wie umgehen mit Putin? Die richtige Antwort ist noch nicht gefunden. Ansätze aber gibt es, egal wie unberechenbar Putin bleibt.

Erstens ist es richtig, wenn Berlin seinen Draht nach Moskau nutzt, um das Gespräch zwischen Ost und West in Gang zu halten. Zweitens muss Deutschland als verlässlicher Teil des Westens auftreten. Die Westbindung hat sich für die Deutschen als Segen erwiesen. Deutsche Politiker dürfen auf keinen Fall den Anschein erwecken, eine Sonderverständigung mit Moskau anzustreben. Putin würde dies sofort ausnutzen, um zu spalten, getreu dem Motto: Teile und herrsche.

Zudem haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht nur den Russen, sondern auch den Völkern in Mitteleuropa - etwa den Polen - Verderben gebracht. Diese erinnern sich genau daran, wie Hitler und Stalin in ihrem Pakt von 1939 über sie verfügten. Nie wieder darf Deutschland mit Russland einen Deal zu Lasten dieser Völker schließen.