Debatte um Seehofer Das Schauspiel der CSU beschädigt Jamaika

Mit der Debatte um Horst Seehofer schadet die CSU nicht nur sich selbst, sondern auch dem Bemühen um eine Regierungsbildung. Dabei hat bereits die FDP Probleme mit ihrer Rolle.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Die CSU mag das Christliche und das Soziale im Namen tragen - mit ihren Chefs ist sie nie christlich und sozial umgegangen. So lange die den vollen Erfolg versprachen, wurden sie gefeiert. Sobald es schwierig wurde, hat man sie gefeuert. Max Streibl, bieder und brav, hat das genauso zu spüren bekommen wie Edmund Stoiber, der überfleißige Pedant und leidenschaftliche CSU-Weltverbesserer, der Streibls Sturz einst mitorganisiert hatte. So gesehen darf sich Horst Seehofer nicht wundern. 38,8 Prozent bei der Bundestagswahl - das kann die CSU nicht auf sich sitzen lassen.

Trotzdem ist das, was derzeit abläuft, noch nie da gewesen. Während der angeschlagene Parteichef in Berlin ein kompliziertes Jamaika-Bündnis sondieren muss, sorgen zu Hause mehr und mehr Leute dafür, dass er immer schwächer wird. So deutlich hat noch selten eine Partei sich selbst geschadet. Wenn die CSU jene Staatspartei bleiben will, die sie nach eigenem Verständnis unbedingt sein muss, darf sie nicht in ihren Ängsten versinken. Andernfalls bestätigt sie, was ihre Kritiker ohnehin glauben: dass für sie die Partei alles und das Land nichts ist.

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Sicher, Seehofer hat schwere Fehler gemacht. Seine vielen Pirouetten haben alle schwindlig zurückgelassen. Aber die Debatte darüber jetzt auf die Spitze zu treiben, schwächt alle. Sie schwächt Seehofer genauso wie jene, die ihn ablösen möchten. Es gibt einen Ausdruck für so ein Verhalten: sich selbst ins Knie schießen.

Das Schauspiel der Bayern und der FDP beschädigt Jamaika

Problematisch ist das bayrische Schauspiel nicht nur für die Christsozialen. Es trifft alle Parteien, die in Berlin Jamaika ausloten. Das ist nicht etwa deren Privatvergnügen. Es ist Ergebnis einer Bundestagswahl, die Union, FDP und Grünen auferlegt hat, ernsthaft eine Koalition zu versuchen. Umso dringlicher wäre es für alle, dass selbstzerstörerische Scharmützel ausblieben. Man kann Wahlergebnisse beklagen, aber man muss sie ernst nehmen.

Damit freilich tut sich nicht nur die CSU schwer. Auch die FDP hat Probleme mit ihrer Rolle. In den ersten zwei Wochen Sondierung hat sie kaum über Gemeinsames, aber viel und provokant über Trennendes gesprochen. Was immer sie damit bezweckt - konstruktiv ist das für keinen. Kommt es zu Jamaika, wird es für die FDP immer schwerer, das zu begründen. Kommt es nicht zu Jamaika, wird das Scheitern bei allen, also auch bei ihr, abgeladen. Der Wahlkämpfer Christian Lindner wirkte offener und mutiger als der Sondierer.

Für die kommenden Tage heißt das: Entweder es kommen auch die zur Vernunft, die sich damit schwer tun. Oder Jamaika scheitert. Das wäre angesichts der Lage in einem verunsicherten Europa nicht etwa ein kleiner Unfall. Es würde in einer Welt, die immer weniger zusammenhält, die Legitimation von Demokratie gefährden.

Ein bisschen Hoffnung machen da immerhin die Grünen. Ausgerechnet sie, die im Wahlkampf wenig Emotionen zeigten, treten in diesen Tagen leidenschaftlich konstruktiv auf. Offenbar haben sie die Bedeutung des Augenblicks verstanden.

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