Datenmissbrauch bei Facebook Die schmierigen Geschäfte von Cambridge Analytica

Die umstrittene Daten-Firma hat weltweit 200 Wahlkämpfe unterstützt. Sie brüstet sich mit Trumps Sieg, dem Brexit und der Wiederwahl von Kenias Präsidenten. Dabei ist unklar, ob ihre Methoden wirksam waren.

Von Matthias Kolb

Enthüllungen von New York Times und Guardian über die britische Daten-Firma Cambridge Analytica (CA) sorgen weltweit für Aufsehen. Die Reporter haben aufgedeckt, dass sich die Firma widerrechtlich Zugang zu Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern besorgt hat - dabei könnten theoretisch alle betroffen sein, die Freunde in den USA oder Großbritannien haben. Zudem wirbt CA damit, wesentlich zum Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump beigetragen zu haben.

Ein 20-minütiges, mit geheimer Kamera gefilmtes Video der TV-Reporter von Channel 4 lässt erahnen, dass CA dubiose Machenschaften (Recherchen im Privatleben der Gegner, Inszenierung von Sexskandalen und das Anheizen von Ängsten in der Bevölkerung) überall in der Welt eingesetzt haben könnte. Alexander Nix, der nun suspendierte Chef, legt sich im Video mächtig ins Zeug, um den angeblichen Kunden aus Sri Lanka für "eine geheime und langfristige Zusammenarbeit" zu gewinnen. So behauptet er, CA sei "die größte politische Beraterfirma der Welt" und habe die "größte Erfolgsbilanz" bei der Arbeit "im Verborgenen".

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Auf der Website heißt es, CA verfüge über "mehr als 25 Jahre Erfahrung" und habe mehr als 100 Wahlkämpfe auf allen fünf Kontinenten unterstützt. CA unterhält fünf Büros weltweit: Neben London, New York und Washington DC sitzen auch Mitarbeiter in Brasilien und Malaysia.

Wahlkampfberater als Söldner

Das Phänomen, dass Polit-Berater ihre Erfahrung aus US-amerikanischen Wahlkämpfen für teures Geld verkaufen, existiert seit einem halben Jahrhundert. Bereits 1969 ließ sich Joe Napolitan seine Expertise aus der Zusammenarbeit mit John F. Kennedy fürstlich vom philippinischen Diktator Ferdinand Marcos bezahlen.

Sasha Issenberg zufolge, Autor des Buchs "Victory Lab" und Kenner des datengestützten Wahlkampfs, werden Berater gerade in solchen Jahren im Ausland aktiv, in denen keine Kongress- oder Präsidentschaftswahlen stattfinden. Sein Urteil aus einem Gespräch mit der SZ im September 2017: "Sie sind Söldner und kassieren ohne viel Aufwand gutes Geld." Issenberg hatte im November 2015 die CA-Zentrale besuchen dürfen. Deren Ansatz der Psychographics, durch die Wähler passgenaue Botschaften erhalten sollen, überzeugte ihn aber nicht. Nach den jüngsten Enthüllungen warnt er in einem Tweet vor zu großer Aufgeregtheit: Trump habe diese Methoden nie benutzt und für Außenseiter seien die Behauptungen über Wirksamkeit nicht überprüfbar.

Fakt ist jedoch, dass CA sowie deren Mutterfirma Strategic Communication Laboratories (SCL) auf mindestens vier Kontinenten tätig waren.

Europa

Im Gespräch mit den verdeckt arbeitenden Reportern von Channel 4 sagt CA-Vize Mark Turnbull, dass SCL gerade ein "sehr, sehr erfolgreiches Projekt in Osteuropa" abgeschlossen habe. Dafür, so prahlt Turnbull, sei eine Scheinfirma eingesetzt worden: "Niemand weiß, dass die überhaupt dort aktiv waren." In anderen Gesprächen sei explizit Tschechien genannt worden, so die BBC. Dort ging die ANO-Partei des Milliardärs Andrej Babiš im Oktober 2017 als stärkste Partei hervor, wobei der EU-Skeptiker nicht explizit als Kunde genannt wird.

Die britische Firma CA behauptet, die Brexit-Abstimmung im Vereinigten Königreich zugunsten der "Leave"-Kampagne beeinflusst zu haben; allerdings wird der Fall in der Sektion "Fallstudien" der Firmen-Website nicht näher geschildert. Dort ist mit Italien nur ein europäisches Land vertreten. 2012 sei eine ausführliche Studie "für eine wiederauflebende Partei" erstellt und ihr inmitten der "politischen Turbulenzen in Italien" zu einem guten Abschneiden verholfen worden.

Die BBC berichtet, dass die Mutterfirma SCL früher stolz auf ihrer Website vermerkte, 2004 in der Ukraine dem prowestlichen Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko zum Sieg verholfen zu haben. Zuletzt habe SCL für die Regierung in Kiew den Auftrag übernommen, durch "lokalisierte Kommunikationsstrategien" die Kontrolle über die Ostukraine zurückzugewinnen.

Dass gerade Osteuropa für Politberater sehr lukrativ sein kann, zeigt das Beispiel von Paul Manafort, dem mittlerweile angeklagten Ex-Wahlkampfchef von Donald Trump: Manafort kassierte für seine PR-Arbeit zugunsten des Putin-treuen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch mindestens 15 Millionen Euro, die er jedoch nicht versteuerte.

Afrika

Sehr prominent tauchen Wahlkämpfe in Kenia in der Channel-4-Reportage auf. Sowohl 2013 als auch 2017 hat CA für Präsident Uhuru Kenyatta gearbeitet, heißt es auf der Firmen-Website. Während CA-Vize Turnbull damit angibt, die "Partei zwei Mal als Marke neu erfunden zu haben", spielen die Vertreter der Präsidenten-Partei den Einfluss herunter. Wo die Wahrheit liegt, ist momentan völlig offen: Dass Marketing-Experten wie Turnbull in einem Werbegespräch ihre Erfolge womöglich übertreiben, würde nicht verwundern.

Der Fall Kenia ist aber besonders brisant, weil die CA-Verantwortlichen an diesem Beispiel beschreiben, wie wichtig der Faktor "Angst" sei, um Wähler zu beeinflussen. Wie die New York Times meldet, hat CA angeblich 47 000 Kenianer befragt, um deren "Bedürfnisse (Jobs) und Ängste (Gewalt zwischen den Stämmen)" zu identifizieren. Der "Fallstudien"-Sektion ihrer Website zufolge war CA auch in Südafrika aktiv; der Guardian berichtet von einem Engagement in Nigeria.

Amerika

Am ausführlichsten beschreibt CA die Unterstützung verschiedener US-Wahlkämpfe. Neben ihrer Arbeit für den heutigen US-Präsidenten Donald Trump war die Firma etwa für den Republikaner Thom Tillis tätig, der 2014 in den Senat gewählt wurde.

Auf der Übersichtsseite finden sich aber auch zwei Beispiele, die Zweifel an der Wirksamkeit der "Zaubermethode" von Cambridge Analytica wecken: Vor Trump zahlten bereits die Präsidentschaftskandidaten Ben Carson und Ted Cruz für die Dienste von CA - und bekanntlich ist keiner von beiden US-Präsident geworden. So schockierend der Wahlsieg von Trump für viele war (und ist): Big Data allein kann ihn nicht erklären, wie es das Magazin des Tages-Anzeigers Ende 2016 darstellte.

Die vielen Berichte nach Trumps Sieg haben CA aber sicher geholfen, weitere Aufträge zu generieren. Bloomberg berichtete schon Mitte 2017, dass die Firma in Mexiko ihre Dienste für die Präsidentschaftswahl am 1. Juli 2018 anbiete. Auch in Kolumbien war CA demnach aktiv und versuchte, mithilfe einer Telefon-App namens Pig.gi an Daten von dortigen Wählern zu kommen. Über diese App, so berichtet die BBC, erhalten die Kunden kostenlose Dienstleistungen, wenn sie an Online-Umfragen teilnehmen. Auch in Brasilien, wo Ende Oktober gewählt wird, soll die Firma um Kunden geworben haben.

Asien

Ein besonderes Beispiel für die Aktivitäten von Cambridge Analyticas Mutterfirma SCL in Asien ist Indien, wo die Firma nach eigener Darstellung sowohl für die regierende BJP von Premierminister Narendra Modi als auch für die oppositionelle Kongresspartei gearbeitet hat. BBC berichtet jedoch, dass die Kongresspartei eine Kooperation abstreitet: Sie verfüge über ein eigenes Datenanalyseteam.

Neben Indien werden auch Thailand (dort wurde angeblich das "weltweit größte Wahlkampfzentrum" betrieben), Indonesien (dort sei die Firma 1999 beauftragt worden) und Malaysia auf der CA-Website als Einsatzorte genannt. Dort soll das Unternehmen 2008 für die Regierungskoalition Barisan Nasional gearbeitet haben. Deshalb verlangt die Opposition nun von Premierminister Najib Razak Auskunft darüber, ob er auch 2013 die Dienste von CA in Anspruch genommen habe, um "die Wähler zu manipulieren" und er diese "unethischen Methoden" auch künftig einsetzen wolle.

Von einer Antwort ist bisher nichts bekannt, aber dieser Fall macht eines deutlich: Spätestens seit dieser Woche ist es politisch ziemlich schädlich, mit Cambridge Analytica in Verbindung gebracht zu werden. Zumindest mittelfristig dürfte dies den Geschäftserfolg der Polit-Berater stören.

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