Neue Regierung Deutschland braucht ein Heimatministerium

Es ist ein sinnvolles politisches Projekt, den Begriff Heimat prägen zu wollen. Aber muss das unbedingt die CSU machen?

Kommentar von Karin Janker

Horst Seehofer hat einen neuen Spitznamen. In sozialen Medien heißt er jetzt "Heimathorst", seine Attribute sind Maßkrüge und Sprechblasen mit markigen Sprüchen wie "Dahoam is Dahoam". Mit ihm als "Heimatminister" stehe die "Bayerisierung" Deutschlands bevor, spottet manch ein Kommentator. Zudem sei es lächerlich und rückständig, dass Deutschland künftig ein Heimat-, aber kein Digitalministerium bekommen soll. Armes, rückwärtsgewandtes, bald in Dirndl und Lederhosen gekleidetes Deutschland!

Doch der Kurzschluss von Heimat zu Heimattümelei ist ebenso falsch wie die Häme gegenüber dem geplanten Innenministerium, das um die Bereiche Heimat und Bauen erweitert werden soll. "Heimat" ist mitnichten ein rückwärtsgewandter Begriff. Im Gegenteil: Die Frage nach dem, was Heimat bedeutet - auch für Menschen, die nicht schon immer hier leben -, gehört zu den drängendsten unserer Zeit: Heimat ist der Gegenbegriff zu Globalisierung. Es ist ein sinnvolles politisches Vorhaben, diesen Begriff prägen zu wollen.

Das geplante Ministerium reagiert auf ein essenzielles Bedürfnis: "Heimat" greift Emotionen auf, die Sehnsucht nicht nur nach Überschaubarkeit, sondern nach Mitgestaltung. Wo Landstriche entvölkert sind, stellt sich die Frage nach der Heimat ganz neu und ganz anders als in den Großstädten. Es ist leicht, sich gegenüber einem "Heimatministerium" verächtlich zu zeigen, wenn man solche Regionen nur durch das Fenster des ICE kennt.

Ein deutscher Schäferhund für jeden?

Horst Seehofer könnte Innenminister, sein Ministerium um den Bereich "Heimat" erweitert werden. Was wird er da wohl durchsetzen? Auf Twitter wird wild spekuliert und viel gespottet. mehr ... jetzt

Noch ist gar nicht abzuschätzen, wie der genaue Zuschnitt des Ministeriums aussehen soll. Es gibt zwar mögliche Vorbilder in Bayern und Nordrhein-Westfalen, doch die Ausgestaltung der Heimatministerien in den beiden Ländern unterscheidet sich deutlich: Während der bayerische Heimatminister Markus Söder das Ziel hat, "gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Freistaat" zu schaffen, und eine erhebliche Machtfülle besitzt, mit der er sich in Felder wie Infrastruktur, Demografie oder Internetausbau einmischt, steht seine Amtskollegin Ina Scharrenbach in NRW einem Querschnittministerium mit geringem Budget und sehr viel bescheidenerer Aufgabenbeschreibung vor.

Was Seehofer am Donnerstagmorgen vor der CSU-Vorstandssitzung gesagt hat, deutet eher auf einen Zuschnitt nach bayerischem Vorbild hin. Er sieht seine Mission in innerer Sicherheit, Zuwanderungsfragen, Dorfentwicklung, Stadtentwicklung, Wohnungsbau. Das klingt tatsächlich nach einem einflussreichen Super-Ministerium. Und nicht nach der Bajuwarisierung des Abendlandes, als die es nun im Netz verbrämt wird.

Als symbolischer Abwehrzauber gegen die AfD funktioniert das Ministerium nicht

Ob es eine gute Idee ist, der CSU eben dieses Ministerium zu geben, ist eine andere Frage. Denn zwar ist es dringend notwendig, den Begriff "Heimat" nicht rechten Populisten zu überlassen. Heimat kann auch für Menschen, die nicht nationalistisch und noch nicht einmal konservativ denken, ein Begriff sein, der positiv besetzt ein Gefühl von Teilhabe vermittelt. Eben darum wäre es sinnvoll gewesen, nicht gerade der Partei, die sich der AfD immer mehr anzunähern scheint, das zuständige Ministerium zu überlassen. Auch Sozialdemokraten sollten den Anspruch haben, sich "Heimat" zu eigen zu machen.

Der Versuch, das erweiterte Innenministerium nur als eine Art symbolischen Abwehrzauber gegen Populismus und Protestwähler zu installieren, kann nicht das Motiv sein. Ohnehin wäre dies wenig erfolgversprechend. In Bayern feierte die AfD bei der Bundestagswahl gerade in jenen Landesteilen Erfolge, die in den vergangenen Jahren besonders von der Strukturpolitik des hiesigen Heimatministeriums profitiert haben.

Vorbild für die Ausgestaltung des erweiterten künftigen Innenministeriums sollte daher eher das Amtsverständnis der nordrhein-westfälischen Ministerin Scharrenbach sein. Diese hat kürzlich in einem Interview gesagt: "Heimat hat offene Arme, sie grenzt nicht aus." Davon sollte sich der künftige Heimatminister inspirieren lassen.

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