Besatzungskinder nach Zweitem Weltkrieg Unerwünschte Kinder des Feindes

Kinder in einem französischen Waisenheim in Nordrach im Schwarzwald

(Foto: Historischer Verein Nordrach)

Alliierte Soldaten zeugten ab 1945 Hunderttausende Babys mit deutschen Frauen. Die Historiker Satjukow und Gries erklären, mit welchen rassistischen Vorurteilen diese Kinder zu kämpfen hatten und warum sich nur die Franzosen um ihren Nachwuchs kümmerten.

Von Oliver Das Gupta

Silke Satjukow und Rainer Gries lehren an den Universitäten Magdeburg beziehungsweise Jena. Gemeinsam haben sie das Buch "'Bankerte' - Besatzungskinder in Deutschland nach 1945" geschrieben. Es erscheint an diesem Montag.

SZ.de: Wie viele Kinder zeugten alliierte Besatzungssoldaten mit deutschen Frauen?

Rainer Gries: Für den Zeitraum von 1945 bis 1955 kamen wir auf etwa 400 000 Kinder. Mindestens 300 000 Babys hatten sowjetische Soldaten als Väter.

Das sind große Zahlen.

Silke Satjukow: Das sind geschätzte Mindestziffern. Die tatsächliche Anzahl der Kinder dürfte auf jeden Fall höher sein. Aber wir haben es nicht darauf angelegt, Aufmerksamkeit zu erheischen. Wir haben konservativ und vorsichtig gerechnet. Unter anderem stützen wir uns auch auf Berechnungen von Bevölkerungsstatistikern.

Gries: Belastbare Zahlen findet man kaum. In Ostdeutschland waren "die Russenkinder" offiziell ein Tabuthema, da man die sowjetischen "Freunde" nicht mit diesem heiklen Problem konfrontieren konnte. Im Westen haben wir spärliche aber flächendeckende Angaben durch eine Erhebung der Bundesregierung von 1955.

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Übernahmen die Siegermächte Verantwortung für die Kinder ihrer Soldaten?

Satjukow: Briten, Sowjets und Amerikaner kümmerten sich gar nicht. Überall galten die Frauen als Kriegsbeute der Soldaten. Die sowjetische Besatzungsmacht verwies auf die eigenen horrenden Verluste an Menschenleben; sie wollte daher keinerlei Verantwortung für die Frauen des Feindes und für ihre Kinder übernehmen. Auch und gerade dann nicht, wenn damit schlimmstes Unrecht - sexuelle Gewaltnahmen - verbunden waren. Die USA hatten eine andere Begründung: Für sie waren die Kinder ihrer Soldaten Privatangelegenheit der GIs und der jungen deutschen Frauen.

Gries: Nur bei den Franzosen war das anders, sie haben die Babys für die Grande Nation reklamiert. Nach ihrem juristischen und politischen Verständnis war jedes Kind eines französischen Vaters automatisch Bürger der Republik - auch die Nachkommen aus dem Land des Erbfeindes! Rechercheoffiziere kamen an die Betten der Wöchnerinnen und befragten sie peinlich. Die Mütter konnten jederzeit eine kurze Erklärung unterschreiben und die Kinder dem französischen Staat als "Enfants d'État" in Obhut geben. Sie kamen dann in ein spezielles Säuglingsheim und wurden nach einem harten Ausleseverfahren von dort nach Paris verbracht - zur Adoption. Noch heute kann man in Paris mehr als 17.000 Personaldossiers über diese Kinder einsehen.

Wie sind die Mütter mit den oft ungewollten Kindern umgegangen?

Gries: Etwa 70 Prozent der betroffenen Frauen respektive die Familien haben ihre Kinder angenommen. Das ist erstaunlich und verlangt Respekt, denn neben der gesellschaftlichen Stigmatisierung kam ja die allgemeine Notlage der Nachkriegszeit dazu. Das Land war kaputt, Essen gab es nur auf Marken und viele Menschen hatten alles verloren