Wikileaks: Geheimdokumente Die Bundeswehr - naiv in Afghanistan

In den mehr als 91.000 US-Dokumenten finden sich keine Belege dafür, dass sich deutsche Soldaten an illegalen Aktionen in Afghanistan beteiligten. Aber es wird deutlich, wie unvorbereitet die Bundeswehr ihren Einsatz anging - und wie gefährlich der Norden mittlerweile ist.

Der Bericht über jenes Ereignis, das in Deutschland so erbitterte Debatten über Sinn und Unsinn des Afghanistan-Einsatzes ausgelöst hatte, über Schuld und Pflicht der Bundeswehr in Kundus, er liest sich wie einer unter vielen Tausenden.

"(FRIENDLY ACTION) CAS RPT (Bomb) KDZ JTAC, F-15S : 56 UE KIA" - so lautet der nüchterne und für Laien unverständliche Titel des Berichts über den tödlichen Angriff auf zwei Tanklaster nahe Kundus, der die Bundeswehr im September vergangenen Jahres so sehr in Bedrängnis gebracht hatte. Das Protokoll des furchtbaren Luftangriffs, dem mehr als 140 Zivilisten zum Opfer fielen, ist eines von mehr als 91.000 internen Dokumenten, die dank Wikileaks an die Öffentlichkeit gekommen sind - und die ein niederschmetternd realistisches Bild des Afghanistan-Kriegs zeichnen.

Dass dieses Ereignis nahe Kundus, das in Deutschland den öffentlichen Diskurs über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan entscheidend geprägt hat, beinahe untergeht in dem Wust an Informationen, kann als Symbol verstanden werden: In Afghanistan passieren Dinge solchen Ausmaßes regelmäßig. Und so nimmt der Angriff auf befehl von Oberst Klein keinen besonderen Platz im Big Picture ein, im großen Ganzen. Und: Den Deutschen ist zu attestieren, dass sie mit ihrer Aufgabe überfordert sind.

Die New York Times, der britische Guardian und der Spiegel analysierten die Geheimdokumente. Während vor allem bei den Amerikanern ungeheuerliche Dinge zutage traten, geht aus den Protokollen nicht hervor, dass sich deutsche Soldaten an Gewaltexzessen gegenüber der Bevölkerung oder an anderen illegalen Geheimoperationen beteiligt haben. Allerdings wird ersichtlich, wie naiv, unbedarft und unvorbereitet die Bundeswehr diesen Einsatz angegangen ist - und wie sehr sich die Sicherheitslage im Norden des Landes, also im Einsatzgebiet der deutschen Isaf-Truppen, verschlechtert hat.

Die Dokumente belegen nach Analysen des Spiegel, wie sich die Situation Ende 2005, Anfang 2006 zu verschlechtern begann, als der Widerstand Gestalt annahm. Die Taliban boten der Bevölkerung für ihre Unterstützung auf einmal Geld an. So wurden Zivilisten angeheuert, um Minen an wichtigen Verkehrswegen in der Grenzprovinz Takhar zu platzieren. Erfolgreiche Anschläge ließen sich die Taliban dann schon mal 1000 Dollar kosten. Das Doppelte eines durchschnittlichen Jahreseinkommens.

Andere Informationen wiesen daraufhin, dass die Taliban von ihrer Strategie Abschied genommen hätten, bei ihren Angriffen zivile Opfer zu vermeiden. Außerdem versuchten sie auch verstärkt, die Bevölkerung gegen die Isaf-Truppen aufzuhetzen. Mit Erfolg, wie die vermehrt agitierenden Berichte in den lokalen Medien gegen die internationalen Truppen belegten.

Auch ersichtlich wird aus den Dokumenten, mit welcher Naivität die Deutschen in den Konflikt geschlittert sind. Deutsche Wiederaufbauteams sollten im relativ friedlichen Norden demonstrieren, wie dem Land wirklich geholfen werden könne. Doch "Bad Kundus", wie die vergleichsweise ruhige Stadt anfangs noch verharmlosend genannt wurde, sollte sich bald wandeln, wie auch die einzige deutsche Lageeinschätzung unter den mehr als 91.000 Dokumenten attestierte: "Entgegen den Erwartungen des Regionalkommandos Nord und wie vom Wiederaufbauteam Kundus vorhergesehen, halten die Attacken der Aufständischen an", heißt es in dem Bericht aus dem Mai 2007.

Unterwanderungsstrategien der Aufständischen

Damals schon lautete die Prognose: "Die Sicherheitssituation in der Provinz Kundus wird immer brüchiger und ist nicht stabil." Die Lage im Jahr 2009 beweist, wie zutreffend die Voraussage war. Regelmäßig kämpfen afghanische Polizisten an Checkpoints gegen Aufständische, geraten in Hinterhalte und fallen Sprengfallen zum Opfer. "Deutsche Soldaten sind dann meist als Berater präsent oder als Sanitäter", schreibt der Spiegel.

Einher geht die Einschätzung der verschärften Sicherheitslage auch mit Belegen, dass sich der Widerstand in der Region nicht nur etabliert hatte, sondern auch Unterwanderungsstrategien anwendete, um den Deutschen zu schaden. Geheimdienste berichten von Aufständischen, die im pakistanischen Waziristan Deutsch-Unterricht genommen hätten, um sich danach als Übersetzer ins deutsche Lager zu schleusen.

Vergleicht man die Erkenntnisse aus den Geheimprotokollen mit jenen offiziellen Aussagen der Bundesregierung, so wird ersichtlich: Der deutschen Öffentlichkeit ist bislang vieles vorenthalten worden - was vielleicht nicht unbedingt die deutschen Soldaten betraf, aber sehr wohl die Region, in der die Bundeswehr stationiert ist.

Außenminister Westerwelle reagierte am Montag als erster auf die Veröffentlichung. "Es muss jetzt ausgewertet werden, was es hier an neuen Erkenntnissen gibt", sagte er am Rande des EU-Außenministertreffens in Brüssel. Durch die Dokumentation der Schwierigkeiten der Verbündeten gegen die Aufständischen sieht er sich bestätigt. "Ich habe die Lage nie beschönigt und gewarnt, dass wir mit Rückschlägen rechnen müssen." Dennoch sei dieser Einsatz notwendig, "weil es auch um unsere Sicherheit in Europa und auch in Deutschland geht".

Jenen Versprechungen, dass von 2014 an die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen könnten, dass der Einsatz der internationalen Truppen also Fortschritte gebracht habe, war zuvor schon schwer zu glauben. Nach den Erkenntnissen aus mehr als 91.000 Dokumenten ist eindeutig: Die Öffentlichkeit hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie schlecht die Situation in Afghanistan wirklich ist.

Aber wie heißt es so zutreffend: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst.

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