Bundeswehrabzug aus Kundus Wo getötet und getröstet wurde

Nach zehn Jahren geht in Kundus eine Epoche zu Ende: Die deutschen Soldaten ziehen aus der afghanischen Provinz ab, das dortige Feldlager übernehmen nun einheimische Sicherheitskräfte. Bei einer feierlichen Zeremonie verspricht Außenminister Westerwelle dem Land weiter Unterstützung - die Sicherheitslage in der Region hat sich zuletzt verschlechtert.

Für die in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten war einer der gefährlichsten Orte die Provinz Kundus. Nun übernehmen die afghanischen Sicherheitskräfte das dortige Feldlager - damit endet ein Einsatz, der die Bundeswehr entscheidend geprägt hat.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière bezeichnete das Engagement in Kundus als Zäsur für die Bundeswehr und die gesamte deutsche Gesellschaft. "Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen", sagte der CDU-Politiker am Sonntag, als er zusammen mit Außenminister Guido Westerwelle das Feldlager in einer feierlichen Zeremonie an die afghanischen Sicherheitskräfte übergab.

"Auch wenn die Bundeswehr Kundus heute verlässt: Vergessen werden wir diesen Ort niemals", sagte de Maizière. Kundus habe die Bundeswehr geprägt wie kaum ein anderer Ort: "Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen." Die letzten Bundeswehrsoldaten sollen bis Ende des Monats das Camp verlassen.

Derzeit sind noch etwa 4000 deutsche Soldaten am Hindukusch, 900 davon in Kundus. In Kundus wurden 18 deutsche Soldaten bei Anschlägen und Gefechten getötet, mehr als an jedem anderen Ort seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt starben in Afghanistan 35 Bundeswehr-Soldaten durch Feindeinwirkung, 19 weitere kamen durch Unfälle und Selbstmorde ums Leben.

"Die Verantwortung ist groß"

De Maizière nahm die afghanischen Polizisten und Soldaten in die Pflicht, auf denen nun endgültig die volle Verantwortung für die Sicherheit in der Unruhe-Region lastet. "Wir hoffen und erwarten, dass die afghanischen Sicherheitskräfte die Sicherheit in und um Kundus bewahren und notfalls wiederherstellen", mahnte der Minister. "Die Verantwortung, die wir an Sie, unsere afghanischen Partner, übergeben, ist groß", sagte er. Deutschland wisse, was dies bedeute, habe großen Respekt vor der Tapferkeit und Standhaftigkeit der afghanischen Soldaten und Polizisten.

In das Bundeswehr-Lager soll künftig ein Bataillon afghanischer Soldaten sowie Bereitschaftspolizei einziehen. Die Sicherheitslage in der Unruhe-Provinz hatte sich zuletzt verschlechtert, mehrere prominente Politiker wurden in den vergangenen Wochen von den radikal-islamischen Taliban ermordet. Auch die Angriffe auf kleinere Posten der afghanischen Sicherheitskräfte häufen sich. Viele Afghanen befürchten eine weitere Verschärfung der Lage, wenn die Bundeswehr aus Kundus abgezogen ist.

Westerwelle versicherte, Deutschland werde Afghanistan auch nach dem Abzug aus Kundus nicht im Stich lassen. "Unsere Arbeit für eine gute Zukunft Afghanistans endet nicht hier", erklärte er. "Wir setzen unser ziviles Engagement für Afghanistan fort". Deutschland hat Afghanistan bis 2016 bis zu 430 Millionen Euro jährlich für den Wiederaufbau versprochen.

Verhandlungen über Truppenstatut stocken

Die Übergabe des Feldlagers ist der letzte große Meilenstein auf dem Weg zum Abzug aus Afghanistan. Zugleich markiert sie das weitgehende Ende des deutschen Kampfeinsatzes am Hindukusch: Nach der Räumung des Camps in Kundus im Laufe des Oktobers wird die Bundeswehr nur noch eine kleine Reserve an Kampftruppen für Notfälle im 200 Kilometer entfernten Hauptquartier in Masar-i-Scharif vorhalten. Der deutsche Einsatz wird sich damit grundlegend verändern.

Die Nato will ihren Kampfeinsatz am Hindukusch bis Ende 2014 abschließen. Danach soll nur noch eine wesentlich kleinere Beratermission die afghanischen Sicherheitskräfte unterstützen. De Maiziere geht davon aus, dass nach 2014 noch 600 bis 800 deutsche Soldaten am Hindukusch aktiv sind.

Voraussetzung für diesen Folge-Einsatz ist allerdings ein Truppenstatut. Die Verhandlungen darüber zwischen der Führungsnation USA und der afghanischen Regierung stocken jedoch seit langem, so dass auch ein vollständiger Abzug der ausländischen Truppen nicht ausgeschlossen ist. Ohne die USA und ihre gewaltige Militärmaschinerie gilt ein Einsatz am Hindukusch als nicht machbar. Vor einigen Jahren waren die USA bereits komplett aus dem Irak abgezogen, nachdem dort die Verhandlungen über ein Truppenstatut gescheitert waren.