Zwangsverheiratungen in Indien Ein bisschen mehr Schutz für Indiens Mädchen

Eine Braut im indischen Bhopal nimmt an einer Massenhochzeit teil: 45 Brautpaare, die sich eine eigene Hochzeitsfeier nicht leisten können, schließen hier den Bund fürs Leben.

(Foto: Sajneev Gupta/dpa)
  • Arrangierte Ehen mit minderjährigen Mädchen sind vielerorts normal in Indien, nicht nur in unteren Schichten.
  • Sex mit Mädchen zwischen 15 und 18 galt bislang nicht als Straftat - wenn er innerhalb der Ehe passierte.
  • Nun hat das Verfassungsgericht ein Urteil gesprochen, das als bedeutsamer Schritt zum Schutz vor sexueller Gewalt gilt.
Von Arne Perras, Delhi

Der Vater ist zufrieden. Vor zwei Jahren hat Rajgopal Yadav seine Tochter Sushma verheiratet, da war sie 15 oder 16. Genau kann er das nicht sagen, er hat sich nicht gemerkt, wann sein Mädchen geboren wurde. Yadav ist froh, dass er sie jung in die Ehe geschickt hat. "Ich will, dass sie früh versorgt ist. Das ist sicherer." Ansonsten hätte es passieren können, dass sie sich in einen der Dorfburschen verliebt und mit ihm durchbrennt. So was finden sie im Dorf nicht gut. Und manche Eltern befürchten, dass Mädchen, die noch niemandem versprochen sind, eher von älteren Männern missbraucht werden könnten.

Niemand hatte Sushma gefragt, ob sie so früh heiraten wollte. Und auch bei der Wahl des Bräutigams hatte sie nicht mitzureden. "Das haben die Familien vereinbart", sagt Yadav, der aus einem Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh stammt und in Delhi arbeitet. Arrangierte Ehen sind vielerorts die Norm in Indien, nicht nur in unteren Schichten. "Viele Mädchen heiraten früh", sagt Yadav. "So war es immer." Dass das Gesetz keine Kinderehen zulässt, spiele in seiner Gegend noch kaum eine Rolle.

Nun hat aber das Verfassungsgericht ein Urteil gesprochen, das als bedeutsamer Schritt zum Schutz von Mädchen vor sexueller Gewalt gilt. Eine zweiköpfige Richterbank hat entschieden, dass Sex mit einer Braut unter 18 Jahren als Vergewaltigung zu gelten hat. Mädchen dürften nicht als Ware behandelt werden. Richter Madan Lokur: "Ein unverheiratetes Mädchen kann seinen Vergewaltiger gerichtlich verfolgen, aber ein verheiratetes Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren kann nicht einmal das tun."

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Das Gericht stuft die Ehe-Ausnahmeregel als ungerecht ein

Grund dafür ist eine Ausnahmeklausel im Strafgesetz, die dem Ehemann Sex mit einer minderjährigen Braut erlaubt, solange sie älter als 15 Jahre ist. "Die Regierung darf nicht blind sein gegenüber dem Trauma, das ein Mädchen erlebt, das zwischen 15 und 18 Jahren heiratet," kritisiert das Gericht. Es bemängelt die "künstliche Trennung zwischen verheirateten und unverheirateten Mädchen", so würde eine junge Braut um ihr Recht auf Unversehrtheit gebracht.

Kinderehen sind in Indien zwar rechtlich untersagt, das Mindestalter für Mädchen liegt offiziell bei 18 Jahren. Doch daran halten sich viele nicht. Und der Staat setzt das Recht nur unzureichend durch. Eine Studie hat ergeben, dass nahezu die Hälfte aller verheirateten indischen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren einst als Minderjährige in die Ehe kamen. Die Regierung beziffert die Zahl der Kinderehen auf 23 Millionen.

Und sie hat sich bislang gegen eine Kriminalisierung von Sex in diesen Verbindungen ausgesprochen, wo es doch zum alten Brauchtum gehöre. Das hat die Richter alles andere als überzeugt. Deepak Gupta stufte die Ausnahmeregel als ungerecht und verfassungswidrig ein. Sie müsse weg. Doch die Richter machten deutlich, dass ihr Urteilspruch nur für künftige Fälle gelte - nicht rückwirkend.