Süddeutsche Zeitung

Zwangsverheiratungen in Indien:Ein bisschen mehr Schutz für Indiens Mädchen

  • Arrangierte Ehen mit minderjährigen Mädchen sind vielerorts normal in Indien, nicht nur in unteren Schichten.
  • Sex mit Mädchen zwischen 15 und 18 galt bislang nicht als Straftat - wenn er innerhalb der Ehe passierte.
  • Nun hat das Verfassungsgericht ein Urteil gesprochen, das als bedeutsamer Schritt zum Schutz vor sexueller Gewalt gilt.

Von Arne Perras, Delhi

Der Vater ist zufrieden. Vor zwei Jahren hat Rajgopal Yadav seine Tochter Sushma verheiratet, da war sie 15 oder 16. Genau kann er das nicht sagen, er hat sich nicht gemerkt, wann sein Mädchen geboren wurde. Yadav ist froh, dass er sie jung in die Ehe geschickt hat. "Ich will, dass sie früh versorgt ist. Das ist sicherer." Ansonsten hätte es passieren können, dass sie sich in einen der Dorfburschen verliebt und mit ihm durchbrennt. So was finden sie im Dorf nicht gut. Und manche Eltern befürchten, dass Mädchen, die noch niemandem versprochen sind, eher von älteren Männern missbraucht werden könnten.

Niemand hatte Sushma gefragt, ob sie so früh heiraten wollte. Und auch bei der Wahl des Bräutigams hatte sie nicht mitzureden. "Das haben die Familien vereinbart", sagt Yadav, der aus einem Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh stammt und in Delhi arbeitet. Arrangierte Ehen sind vielerorts die Norm in Indien, nicht nur in unteren Schichten. "Viele Mädchen heiraten früh", sagt Yadav. "So war es immer." Dass das Gesetz keine Kinderehen zulässt, spiele in seiner Gegend noch kaum eine Rolle.

Nun hat aber das Verfassungsgericht ein Urteil gesprochen, das als bedeutsamer Schritt zum Schutz von Mädchen vor sexueller Gewalt gilt. Eine zweiköpfige Richterbank hat entschieden, dass Sex mit einer Braut unter 18 Jahren als Vergewaltigung zu gelten hat. Mädchen dürften nicht als Ware behandelt werden. Richter Madan Lokur: "Ein unverheiratetes Mädchen kann seinen Vergewaltiger gerichtlich verfolgen, aber ein verheiratetes Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren kann nicht einmal das tun."

Das Gericht stuft die Ehe-Ausnahmeregel als ungerecht ein

Grund dafür ist eine Ausnahmeklausel im Strafgesetz, die dem Ehemann Sex mit einer minderjährigen Braut erlaubt, solange sie älter als 15 Jahre ist. "Die Regierung darf nicht blind sein gegenüber dem Trauma, das ein Mädchen erlebt, das zwischen 15 und 18 Jahren heiratet," kritisiert das Gericht. Es bemängelt die "künstliche Trennung zwischen verheirateten und unverheirateten Mädchen", so würde eine junge Braut um ihr Recht auf Unversehrtheit gebracht.

Kinderehen sind in Indien zwar rechtlich untersagt, das Mindestalter für Mädchen liegt offiziell bei 18 Jahren. Doch daran halten sich viele nicht. Und der Staat setzt das Recht nur unzureichend durch. Eine Studie hat ergeben, dass nahezu die Hälfte aller verheirateten indischen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren einst als Minderjährige in die Ehe kamen. Die Regierung beziffert die Zahl der Kinderehen auf 23 Millionen.

Und sie hat sich bislang gegen eine Kriminalisierung von Sex in diesen Verbindungen ausgesprochen, wo es doch zum alten Brauchtum gehöre. Das hat die Richter alles andere als überzeugt. Deepak Gupta stufte die Ausnahmeregel als ungerecht und verfassungswidrig ein. Sie müsse weg. Doch die Richter machten deutlich, dass ihr Urteilspruch nur für künftige Fälle gelte - nicht rückwirkend.

Ein schnelles Umdenken ist nicht zu erwarten

"Dies ist ein wegweisendes Urteil", sagt Ranjana Kumari, Frauenrechtlerin beim "Centre for Social Research." Das Urteil könne langfristig eine abschreckende Wirkung entfalten. Aber schnell sei ein Umdenken nicht zu erwarten. Für die Regierung ist der Richterspruch jedoch bindend, sie muss der Linie des Supreme Courts folgen und das Strafrecht ändern.

Und wie findet Rajgopal Yadav das Urteil? "Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll." Er kann sich nicht vorstellen, dass sich an den Bräuchen zu Hause schnell etwas ändert. "Höchstens ganz langsam. Vielleicht." Frauenrechtlerin Kumari erzählt vom alten Glauben unter Hindus, wonach die Familie besonderen göttlichen Segen erfährt, wenn die Tochter noch vor der Menstruation verheiratet wird. Kleriker lehren in Indien, dass die Kinder mit dem Einsetzen der Pubertät bereit seien, Kinder zu bekommen.

Mädchen werden oft als ökonomische Last empfunden

Für die Mädchen sind die Traditionen verheerend. "Sie verlassen die Schule und frühe Geburten schaden ihrer gesundheitlichen Entwicklung", sagt Kumari. Dennoch ist es mühsam, dagegen anzukämpfen. "Das liegt auch daran, dass Mädchen oft als ökonomische Last empfunden werden. Familien glauben, es lohne sich nicht, in sie zu investieren, weil es später eben die Söhne sind, die sich um die Eltern kümmern, während die Töchter in die Haushalte ihrer Ehemänner abwandern."

So wie Sushma, die Tochter von Rajgopal Yadav. "Die Hochzeit hat mich viel Geld gekostet", erinnert sich der Vater. Die Familie des Bräutigams wünschte sich ein schickes Motorrad als Geschenk. Yadav hat nicht gewagt, das abzulehnen, obgleich die Zahlung einer Mitgift per Gesetz untersagt ist. Yadav hat sein Auto verkauft, um das Geld aufzutreiben. Aber er hat auch früh die Verantwortung für die Tochter abgegeben. Einmal groß zahlen. Und dann ist das Mädchen fort.

Yadav glaubt, dass es der richtige Weg war. Und das Trauma einer frühen Ehe, wie es die Richter geißeln? "Ich weiß nicht, darüber habe ich nie nachgedacht", sagt er. "Ich bin sicher, meiner Tochter geht es gut."

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SZ vom 13.10.2017/spes
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