Sexuelle Übergriffe in Köln Wenn Verlierer in der Übermacht sind

Silvester am Kölner Hauptbahnhof: Mehrere Faktoren feuerten die Täter an.

(Foto: dpa)
  • Fachleute erkennen in den Kölner Übergriffen bestimmte Muster: Alkohol, Anonymität und Gruppendruck befördern solche Straftaten.
  • Psychologen wissen, wo Gruppen merken, dass sie Oberwasser haben, werde das ausgenutzt.
  • Außerdem würden sexuelle Beleidigungen zu wenig geahndet.
  • Machokultur könne ebenfalls zu solchen Taten beitragen, lasse sich aber überwinden.
Von Andrea Bachstein

Es kam vieles zusammen in dieser Kölner Silvesternacht, zu einer explosiven Mischung. So viel ist klar, auch wenn manches Detail der Angriffe noch analysiert werden muss. Kulturelle Hintergründe spielten eine Rolle, Sexismus und männliche Machtfantasien, die sich freilich länderübergreifend finden lassen. Die feministische Forscherin Shere Hite fragte für einen ihrer berühmten Reports 1981 Männer in den USA: Wollten Sie schon mal eine Frau vergewaltigen?", 46 Prozent antworteten: Ja.

Fachleute erkennen in den Kölner Übergriffen Elemente wieder, die aus vielen Zusammenhängen bekannt sind. Für den Kriminologen Christian Pfeiffer, jahrzehntelanger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hat der Exzess sexistischer Übergriffe zwar entscheidend mit der Ursprungskultur von Tätern zu tun, die "ihr Machogehabe ausgetobt haben". Doch die Umstände, in der Machos zur entfesselten Horde werden, gleichen sich über die Kulturen hinweg. Pfeiffer nennt Alkohol, der enthemmt, und die Anonymität, aus der heraus sich die Täter sicher fühlten. Dazu kommt der Druck der Gruppe mitzumachen und die Einschätzung, dass sie in Köln mit wenig oder keinen Konsequenzen für ihre Übergriffe rechnen müssen.

Die Psychologie kennt diese Effekte aus vielen Experimenten; wenn die normalen Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt werden, keine Sanktionen drohen, sind Menschen schnell bereit, völlig rücksichtslos zu handeln. "Dass ein anderes Frauenbild dahinter stehen soll, interessiert mich nicht", sagt Ulf Küch, der Leiter der Braunschweiger Kriminalpolizei und Landesvorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten in Niedersachsen. So etwas wie die zehn Gebote gebe es schließlich in jeder Kultur.

Erfahrung keine Konsequenzen befürchten zu müssen, befördere Straftaten

Parallelen der Schreckensnacht zu anderem, was die Polizei beschäftigt, sieht auch er: "Alkohol war ein Faktor in Köln, und dass sich die Gruppe offenbar übermächtig fühlte. Das erleben Polizeibeamte immer wieder. Wo Gruppen merken, dass sie Oberwasser haben, wird das ausgenutzt. Das passiert auch bei Demonstrationen oder Fußballspielen. Hooligans gibt es immer noch, auch wenn sie sich jetzt im Wald treffen, um sich zu prügeln." Auch Küch betont, die Erfahrung, keine Konsequenzen befürchten zu müssen, befördere Straftaten. Mit Flüchtlingen hat er sich besonders beschäftigt.

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Es gab Probleme in Braunschweig, wo jedes Jahr 40 000 Menschen in einer großen Aufnahmestelle anlanden. Diebstähle häuften sich. Küch setzte ein Sonderteam für Delikte von Asylbewerbern ein. "Nach acht Monaten war die Lage befriedet", sagt der Kriminalpolizei-Chef. Sein Fazit: "Es gibt unter den Flüchtlingen keine Auffälligkeiten, die abweichen von der übrigen Bevölkerung, sie unterscheiden sich in nichts." Ganz wesentlich sei gewesen, dass die Justiz eingebunden wurde und Strafverfahren schnell durchzog.

Fehlende Sanktionen sind ein Schlüssel zum Verständnis von Attacken. Sexuelle Beleidigungen, und darum geht es in der Domstadt vielfach, würden kaum geahndet, sagt Küch. Er vermisst auch sonst die Justiz. Straftäter würden nicht konsequent abgeschoben, obwohl dies möglich wäre. Lange habe die Polizei schon gewarnt, es gebe Schwierigkeiten mit Gruppen von Nordafrikanern - die nun offenbar unter den Tätern sind. Aber in Politik und Justiz habe das wenig Gehör gefunden.

Weltweit begehen junge Männer am häufigsten Straftaten

Es gebe unter ihnen viele abgelehnte Asylbewerber, die mit Duldungsstatus bleiben. Man könne sie oft gar nicht abschieben, weil ihr Herkunftsland unklar ist. Aus diesen Kreisen hätten sich marodierende Banden gebildet. Politik und Justiz seien gefragt, "Sicherheit kostet Geld", sagt Küch. Die Polizei allein könne das nicht lösen, sie erhalte immer mehr Aufgaben, aber das Personal wurde abgebaut. Mehr als eine vorübergehende "Lagebereinigung" sei oft nicht drin.

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Der Kriminologe Pfeiffer glaubt nicht, dass sich die Kölner Szenen wiederholen, die Polizei werde daraus lernen. Auch technische Instrumente wie eine moderne Videoüberwachung und gute Beleuchtung würden helfen. Für das Wichtigste aber hält er, was Gesellschaft und Politik angesichts der vielen Flüchtlinge leisten müssten. Lösbare Aufgaben, wie er meint. Der große Anteil junger, alleinstehender Männer unter den Flüchtlingen - laut Bundesamt für Migration sind in den Altersgruppen von 16 bis 35 Jahren 70 bis 80 Prozent der Asylbewerber Männer - brauche besondere Beachtung.

Es ist schließlich weltweit so, dass im Schnitt junge Männer am häufigsten Straftaten begehen. In Köln, glaubt Pfeiffer, seien es neben Neuankömmlingen wohl vor allem gescheiterte Migranten gewesen, die außer Rand und Band gerieten, Verlierer, nicht integriert und "hungrig nach Sex und Geld". Dann spiele es eine Rolle, wenn sie aus "Pascha-Kulturen" stammten, in denen der Mann sich fast alles erlauben kann.