Naturkatastrophe Giftiger Klärschlamm verseucht Fluss in Brasilien

Eigentlich ist der Fluss Rio Doce blau - doch das giftige Abwasser hat ihn verfärbt.

(Foto: REUTERS)

Hunderte Kilometer des Rio Doce sind zerstört und vergiftet: Brasilien droht eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Der Fotograf Sebastião Salgado, geboren in Brasilien, wohnhaft in Paris, hielt sich in China auf, als er von der Katastrophe erfuhr. Er hat dann sofort seine Sachen gepackt und ist nach Hause geflogen. Nach Brasilien, nicht nach Frankreich. Er wollte den Fluss, an dem er seine Kindheit verbrachte, noch einmal lebend sehen.

In einem bewegenden Interview mit der Zeitung O Globo erzählte Salgado, wie er vom Bundesstaat Minas Gerais den Rio Doce flussabwärts reiste, wie er überall zu spät kam, weil die rotbraune Schlammlawine schon vor ihm da war. Und wie er Hunderte Kilometer weiter unten im Flussdelta, auf Höhe der Stadt Colatina, schließlich doch noch eine Stelle fand, an der das Wasser bläulich schimmerte. Wie früher.

Hunderte Kilometer des Rio Doce sind zerstört

Brasilien erlebt eine der schlimmsten Umweltkatastrophen seiner Geschichte. Bilder eines toten Flusses. mehr ...

Das war vor sechs Tagen. Inzwischen wurde auch Colatina vom Klärschlamm heimgesucht. "Jetzt ist der Fluss tot", sagt Sebastião Salgado.

Giftiges Abwasser löst Schlammlawine aus

Der Tod kam aus der Eisenerzmine Samarco unweit der Bergbaustadt Mariana. Vor zwei Wochen brachen dort zwei Staudämme von Rückhaltebecken voller Abraum und Abwässer aus der Mine. Ungefähr 62 Millionen Kubikmeter eines toxischen Gemisches aus Arsen, Aluminium, Blei, Kupfer und Quecksilber ergossen sich in die Landschaft; die Nachrichtenagentur Reuters hat errechnet, dass dies der Füllmenge von 25 000 Olympia-Schwimmbecken entspricht.

Die Fluten lösten eine Schlammlawine aus, die das Bergdorf Bento Rodrigues binnen weniger Minuten unter sich begrub. Nach offiziellen Angaben starben mindestens elf Menschen, ebenso viele werden noch vermisst. Betroffene berichten von bis zu 40 Toten.

Das war der erste Teil der Tragödie. Der zweite Teil ist eine Umweltkatastrophe, wie sie Brasilien selten erlebt hat, vielleicht sogar noch nie.

Viele Orte ohne sauberes Wasser

Der Dreck hat sich über Täler und Zuflüsse in den Rio Doce geschoben, und der verteilte ihn im Südosten des Landes. Der Rio Doce ("Süßer Fluss") ist von seiner Quelle in den Mittelgebirgen von Minas Gerais bis zur Atlantikmündung im Bundestaat Espirito Santo 853 Kilometer lang, davon sind nun 666 Kilometer zerstört, verseucht, vergiftet.

Die Katastrophenregion in Brasilien (SZ-Grafik).

"Das Wasser, das dort fließt, ist kein Wasser mehr. Sondern ein sauerstofffreies Gel", so beschreibt es Sebastião Salgado. Im Rahmen seines weltberühmten Genesis-Projektes machte sich der Fotograf auf die Suche nach der Schönheit der Schöpfung. Einige Bilder sind auch in jener Gegend entstanden, in der es jetzt nach Apokalypse aussieht.

Viele Ortschaften und indigene Dörfer entlang des Flusses sind von der Wasserversorgung abgeschnitten. Sie werden notdürftig mit Tanklastwagen und Mineralwasser beliefert. Betroffen sind auch die Städte Governador Valadares, Baixo Guandu und Colatina mit insgesamt fast 400 000 Einwohnern. Dort haben die Behörden begonnen, das Flusswasser mit chemischen Mitteln aufzubereiten, um die Wasserversorgung zumindest teilweise wieder in Gang zu bringen. Der Bürgermeister von Baixo Guandu teilte gleichwohl mit, es sei weder trinkbar noch zur Bewässerung der Felder geeignet.