Organspende-Skandal in München Prüfer bestätigen Mängel am LMU-Klinikum

Im Münchner Universitätskrankenhaus Großhadern haben 2010 und 2011 vier Patienten eine Spenderleber erhalten - obwohl ihr Krebsherd noch sehr klein war. Laut den Prüfern der Bundesärztekammer war das ein klarer Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien. Die verantwortlichen Ärzte sehen das anders.

Von Christina Berndt

Auch die Prüfer der Bundesärztekammer (BÄK) haben am Klinikum Großhadern Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen festgestellt. Bei ihrem Besuch in dem Klinikum der Universität München am Mittwoch kamen sie zu dem Schluss, dass dort in den Jahren 2010 und 2011 vier Patienten mit Leberkrebs eine Spenderleber transplantiert wurde, obwohl ihr Krebsherd noch sehr klein war. Wie die SZ erfuhr, beurteilen die Prüfer dies als klare Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen.

Anfang der Woche war bereits bekannt geworden, dass eine Kommission unter dem Wiener Chirurgieprofessor Ferdinand Mühlbacher in ihrem noch unveröffentlichten Bericht sechs solcher Fälle in den Jahren 2007 bis 2012 moniert. Die Mühlbacher-Kommission prüft im Auftrag des bayrischen Wissenschaftsministeriums alle fünf Universitätsklinika im Freistaat, an denen Lebertransplantationen vorgenommen werden. Die sogenannte Task Force der BÄK prüft dagegen die Transplantationen an allen 24 deutschen Zentren in den Jahren 2010 und 2011.

Bei den Großhaderner Patienten, um die es beiden Kommissionen geht, betrug der Durchmesser der Krebsherde weniger als zwei Zentimeter. Nach Ansicht der Prüfer erlauben die Richtlinien die Zuteilung einer Spenderleber an Krebskranke mit einem Tumor aber lediglich, wenn dieser zwischen zwei und fünf Zentimeter groß ist. Nur wenn sich bei einem Patienten bereits mehrere Krebsherde gebildet haben, dürfen diese auch kleiner als zwei Zentimeter sein.

Das Klinikum verteidigte seine Entscheidung, die Patienten in diesem frühen Stadium zu transplantieren: "Es ist doch Unsinn zu warten, bis der Krebs wächst", sagte der verantwortliche Chefarzt, Karl-Walter Jauch. Die Richtlinien ließen sich auch so lesen, dass diese Entscheidung erlaubt sei. Außerdem seien die diagnostischen Verfahren heutzutage so ausgereift, dass auch kleine Herde sicher als Krebs erkannt werden könnten, ergänzte der Ärztliche Direktor des Klinikums Großhadern, Burkhard Göke.

Die Prüfer sehen das anders. Die Großhaderner Transplanteure seien "die Einzigen, die die Richtlinien so auslegen", heißt es aus den Kommissionen. Es gehe nicht um die Sicherheit der Diagnostik, sondern um die Schwere der Erkrankung. Es gebe gute Gründe dafür, dass Patienten mit einem kleinen Krebsherd noch kein Organ bekommen. Kleine Tumore ließen sich gut lokal behandeln. Die Kranken könnten dann noch lange leben, bevor eine Transplantation nötig werde, sagten mehrere Ärzte der SZ. "Andere Patienten brauchen die Organe in dieser Zeit dringender."

Allerdings betonen die Prüfer der Mühlbacher-Kommission auch, dass sie die sechs Fälle, die nur einen kleinen Teil der 270 in Großhadern durchgeführten Lebertransplantationen ausmachen, nicht als schwerwiegenden Verstoß gegen die Richtlinien werten. Insgesamt habe es in den Jahren 2007 bis 2012 nur drei vorsätzliche und als kriminell zu beurteilende Verstöße bei Lebertransplantationen im Freistaat gegeben. Die große Serie von Manipulationen am Universitätsklinikum Regensburg, die derzeit auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt, hat schon vor dem Jahr 2007 stattgefunden.

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