Hamburger Türsteher "Die größten Probleme machen nicht Flüchtlinge, sondern Anzugträger über 30"

Auf der Hamburger Reeperbahn gab es an Silvester zahlreiche sexuelle Übergriffe und Diebstähle.

(Foto: dpa)

Der Hamburger Türsteher Viktor Hacker spricht über die Übergriffe von Silvester und über Gäste, denen man den Ärger schon von weitem ansieht.

Interview von Hannah Beitzer, Hamburg

SZ: Herr Hacker, Sie sind seit fast 30 Jahren Türsteher auf dem Kiez. Haben die Übergriffe von Silvester die Stimmung dort verändert?

Viktor Hacker: Allerdings. Es sind weniger Leute unterwegs und das Publikum ist anders zusammengesetzt. Frauen, die alleine oder zu zweit zu uns kommen, sieht man gar nicht mehr. Sie gehen jetzt immer in größeren Gruppen weg oder haben mindestens einen Typen dabei.

Wie haben Sie selbst Silvester erlebt?

Ich habe an Silvester nicht an der Tür gearbeitet, das mache ich schon seit einigen Jahren nicht mehr. Die Stimmung ist mir da meistens zu gereizt, zu viele betrunkene Menschen. Stattdessen hatte ich einen Auftritt auf einer Kleinkunstbühne. Später bin ich dann privat ein wenig mit einer Freundin herumgelaufen und habe gleich gemerkt: Es ist eine ganz seltsame Atmosphäre. Ich hörte viele Leute sagen: Hey, hier ist es komisch, lass uns mal lieber woanders hin, hier hat mich gerade jemand angefasst. Es waren auch so viele Leute dort, dass man sich nicht bewegen konnte, fast eine Loveparade-Situation. So voll war es auf der Reeperbahn an Silvester seit Jahren nicht mehr.

Woher kamen die ganzen Menschen?

Einerseits zieht Hamburg schon seit einiger Zeit immer mehr Touristen an. Für Engländer zum Beispiel ist es billiger, sich ein Flugticket zu kaufen, eine Übernachtung zu bezahlen und dann in Hamburg wegzugehen, als eine Nacht in England zu trinken. Auch das allgemeine Weggehverhalten hat sich verändert. Die Leute verteilen sich nicht mehr so sehr auf alle Wochenenden, sondern treffen sich zu bestimmten Ereignissen wie Silvester oder zum Schlagermove.

Früher war das Publikum auf dem Kiez auch gemischter. Es gab Clubs, die gut davon leben konnten, ganz bestimmte Musik zu bringen - zum Beispiel Metalcore, Alternative oder Indie. Heute gehen viele Betreiber nur noch auf Masse, spielen lieber alle Helene Fischer. Dazu kamen an Silvester dann eben auch noch viele Flüchtlinge, die sich das alles einmal anschauen wollten. Das ist ja ganz normal. Wenn man irgendwo neu hinkommt und da passiert etwas Aufregendes, dann will man das sehen.

Im Gedränge gab es an Silvester zahlreiche sexuelle Übergriffe und Diebstähle, fast 200 Frauen haben inzwischen Anzeige erstattet. Können Sie sich das erklären?

Meiner Einschätzung nach haben dieselben Leute Ärger gemacht, die auch sonst Ärger machen. Schon seit einigen Jahren sind immer mehr - ich sage mal: freiberufliche - Menschen auf der Straße unterwegs, die irgendwie versuchen, zu überleben, als Drogendealer, als Taschendiebe. Sei es, weil sie keine Chance auf Integration haben, oder weil sie es so wollen. Schwarzafrikanische Dealer dominieren an manchen Ecken das Straßenbild. An den Wochenenden werden teilweise ganze Busse von bulgarischen Taschendieben nach Hamburg gekarrt, um für ihre Chefs Geld einzusammeln.

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An Silvester haben Leute wie sie die Masse der Flüchtlinge, die auf dem Kiez waren und ihnen ähnlich sehen, gewissermaßen als Tarnung benutzt. Das ist natürlich eine sehr fiese Masche - weil inzwischen die Leute schon misstrauisch werden, wenn sie einen dunkelhäutigen Menschen auf der Straße sehen. Auch, wenn der vielleicht ein ganz normal integriertes Mitglied der Gesellschaft ist.

Einige Kollegen von Ihnen haben vorgeschlagen, dass Türsteher auf dem Kiez Patrouille laufen sollen, damit sich die Menschen wieder sicher fühlen. Was halten Sie davon?

Von dieser Idee halte ich gar nichts. Das ist eine schlecht ausgedachte PR-Maßnahme. Erstens vermittelt man den Gästen damit: Wir Clubs sorgen jetzt mal für Sicherheit, weil die Polizei es nicht kann. Aber wir haben hier nicht den Wilden Westen auf der Straße, die Polizei tut ja was. Hundertprozentige Sicherheit kann es beim Weggehen einfach nie geben, das muss sich jeder klarmachen. Und vielleicht nicht die Abkürzung durch die dunkle Straße nehmen.

Abgesehen davon fürchte ich, dass viele Leute, die sich für so was melden, eine Art Heldenkomplex haben. Zum Beispiel beobachte ich bei vielen Kollegen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, eine Über-Integration, nach dem Motto: Wir, die guten Migranten, beschützen euch Deutsche. Da wird es schnell sehr emotional, unsachlich. Ich jedenfalls möchte nicht, dass drei Jungs mit schwarzen Haaren irgendwo rumstehen, sich beratschlagen, wo sie als Nächstes hingehen - und dann kommt so eine Patrouille vorbei und fragt: Was macht ihr hier? Zeigt mal eure Ausweise! Das kann doch nur eskalieren!

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Das finde ich auch falsch. Es erschreckt mich, wie polarisiert die Debatte inzwischen verläuft. Ich habe das Gefühl, dass Leute, die sonst ihre rechte Gesinnung für sich behalten, sie an der Tür nun voll rauslassen mit dem Argument: Wir wehren uns ja nur. Zumal das nicht einmal zu einem Aufschrei führt, sondern zu Zustimmung. Es gibt so viele Leute, die das nie öffentlich zugeben würden, aber es insgeheim toll finden, wenn es so einen Rechtsruck gibt. Dabei dachte ich, wir hätten das hinter uns.

Wie gehen Sie persönlich mit der Problematik um?

Ich versuche mich noch mehr als früher selbst zu hinterfragen: Sind diese arabischen oder türkischen Jungs wirklich komisch? Oder bin ich ungerecht? Ich will nicht jeden schwarzhaarigen Mann sofort verdächtigen. Ich habe ja selber schwarze Haare und relativ dunkle Haut, meine Vorfahren sind spanische Zigeuner. Aber Rassismus steckt in jedem von uns. Ich bin mit Star Trek aufgewachsen, fand die Idee von "One World, one Nation" immer toll. Aber in der Realität reagieren wir alle misstrauisch auf Menschen, die anders aussehen und aus einem anderen Kulturkreis kommen als wir. Leider.