Hamburg nach dem Messerangriff Fassungslos in Barmbek

Hamburg trauert - doch hätte der Messerangriff im Stadtteil Barmbek verhindert werden können? Ahmad A. war den Behörden bereits als psychisch instabiler Islamist bekannt.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Am Tag nach der Bluttat liegt eine Insel der Traurigkeit im geschäftigen Alltag des Hamburger Stadtteils Barmbek. Der Edeka-Markt in der Fuhlsbüttler Straße, in dem am Freitagnachmittag ein 26-jähriger Palästinenser einen Mann erstochen und weitere Passanten verletzt hat, ist geschlossen. Unter dem Vordach vor dem Eingangsbereich ist eine kleine Gedenkstätte in Form des Friedenszeichens entstanden. Menschen haben Blumen niedergelegt, Kerzen brennen. Regen klatscht daneben auf den Asphalt. Zwei Fernsehteams sind da. Ein Anwohner will sich vor den Blumen in andächtiger Pose fotografieren lassen. Er wolle mit dem Bild seine Facebook-Freunde dazu animieren, für die Seele des Getöteten zu beten, sagt er. Die Tat kommt ihm so unwirklich vor. "Der Mann war einfach nur einkaufen." Er ist fassungslos.

Alle in Hamburg sind fassungslos, seit Ahmad A., ein ausreisepflichtiger Mann mit islamistischen Tendenzen, die Hansestadt zum zweiten Mal binnen drei Wochen aus ihrer friedlichen Selbstverständlichkeit gerissen hat. Der G-20-Gipfel mit den schweren Krawallen durch vermummte Linksautonome und deren Trittbrettfahrer hat hier zuletzt die Seelen belastet. Jetzt ist der nächste Akt sinnloser Gewalt da, und diesmal fühlt sich die Ohnmacht noch schlimmer an, weil die Tat aus dem Nichts kam, weil sie sich in einer Alltagssituation ereignete, die jeder kennt, und weil sie tödlich war.

Am Samstag gab die Polizei neue Einzelheiten zu dem Horror von Barmbek bekannt. Demnach hatte der Angreifer den Supermarkt schon verlassen und war in den Bus gestiegen. Kehrte aber zurück in den Edeka. Nahm sich ein Küchenmesser aus der Auslage, riss es aus der Verpackung und stach "zielgerichtet", wie Kathrin Hennings, die Vize-Chefin des Hamburger Landeskriminalamtes, sagte, auf den ledigen 50-jährigen Mann ein, der noch am Tatort starb. Gleich danach stach der Angreifer eine zweite Person nieder, im Eingangsbereich eine dritte. Auf der Flucht verletzte er weitere Passanten, ehe andere ihn überwältigten und die Polizei ihn festnehmen konnte. Die Schilderung zeigte die Willkür des Verbrechens. Hamburgs Innensenator Andy Grote beschrieb die Dimension der Tat ziemlich gut, als er sagte: "Es hätte jeden von uns genauso treffen können."

Ahmad A. war für die Behörden kein Unbekannter

Von übertriebener Angst ist in Barmbek allerdings nichts zu spüren am Morgen nach der Tat. Die Fuhlsbüttler Straße ist eine lebendige Einkaufsmeile ohne übertriebene Eleganz. Trotz und Mitgefühl für die Opfer scheinen hier größer zu sein als die Furcht vor einer weiteren Attacke. Die Menschen wirken unbeirrt auf ihren Wegen durch die Läden, die anders als der Edeka nicht geschlossen haben. Und der Tag des Angriffs hatte ja auch gezeigt, dass Barmbeker sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Grote dankte am Samstag noch einmal den mutigen Passanten, die den Täter mit Stühlen und anderen Gegenständen aufhielten und so die Vorarbeit leisteten für die herbeieilenden Zivilbeamten. "Das war sehr mutig", sagte Grote.

Staatsanwaltschaft und Polizei sind nun mit der Aufklärung des Verbrechens beschäftigt. Eine Frage lautet: Hätten die Behörden die Tat verhindern können? Denn unbekannt war Ahmad A. ihnen nicht. "Er ist einer von 800 gespeicherten Islamisten", sagt Torsten Voß, Leiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Auf den Hinweis eines Freundes hin wurden die Behörden auf ihn aufmerksam. Dieser Freund teilte im Sommer 2016 mit, dass A. sich verändert habe, viel über den Koran spreche und vieles infrage stelle. Der Verfassungsschutz führte ein Gespräch mit Ahmad A., auf Englisch und Schwedisch, weil A. Deutsch nicht so gut beherrscht. A. machte einen verunsicherten, aber zunächst harmlosen Eindruck. Später fiel A. immer wieder auf, indem er zum Beispiel in Flüchtlingscafés laut und in traditioneller Kleidung Koran-Suren vortrug. Der Verfassungsschutz empfahl deshalb der Polizei, Ahmad A. dem sozialpsychologischen Dienst des Bezirksamtes vorzustellen. Dazu kam es nicht. Warum? "Die Frage hätte ich auch", sagt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Er könne sie nicht abschließend beantworten, weil die zuständigen Beamten noch nicht erreichbar waren.

Verleitete sein mentaler Zustand den Flüchtling zu der Tat?

"Unsere Bewertung war eine Mischform zwischen psychischer Instabilität und religiös motivierten Radikalisierungsprozessen", sagt Torsten Voss. Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass Ahmad A. in ein islamistisches Netzwerk eingebunden war oder dass er eine angeleitete Tat begangen haben könnte. Derzeit - darauf legt Voß wert. Trotzdem ist es nach aktuellem Stand wahrscheinlich, dass weniger seine religiöse Anschauung als vielmehr sein mentaler Zustand Ahmad A. zu der Tat verleitete.

Sein bisheriges Leben wirkt wie eine rastlose Flüchtlings-Odyssee. Norwegen, Schweden, Spanien, Norwegen waren seine Stationen, ehe Ahmad A. im Frühjahr 2015 nach Deutschland kam. Auch in Deutschland wurde sein Asylantrag abgelehnt. Das Verfahren zur Ausreise lief. Es verzögerte sich, weil Ahmad A. zwar eine Geburtsurkunde aus den Vereinigten Arabischen Emiraten besitzt, aber keinen Pass. Passersatzdokumente waren beantragt, die Palästinensische Mission in Berlin arbeitete daran. Sowas dauert. Ahmad A. wehrte sich nicht gegen die Ausreise, er arbeitete mit bei der Beschaffung eines Ersatz-Passes. Er schien sogar darauf zu warten. Noch am Tag des Angriffs habe er sich bei der Ausländerbehörde erkundigt, ob die Dokumente schon eingetroffen seien, sagte Innensenator Grote. In ein paar Wochen hätte Ahmad A. vielleicht seine neuen Dokumente gehabt. Dann hätte er weiterreisen können, möglicherweise in ein besseres Leben. Jetzt erwartet ihn ein Verfahren. Am Abend erließ ein Richter Haftbefehl wegen Verdachts auf vollendeten Mord sowie fünffachen versuchten Mord.

Ahmad A. selbst hat noch nichts gesagt. Die mutigen Barmbeker haben ihn verletzt, als er vor ihnen weglief. Der Täter schweige nicht, weil er das Recht dazu habe, hieß es. Sondern weil ihn Kopfschmerzen plagen.

Mit Stühlen gegen den Messerstecher

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