Brand in Textilfabrik in Bangladesch "Die Arbeitsbedingungen waren wohl furchtbar"

Arbeitstage von bis zu 13 Stunden, Frauen werden brutal schikaniert: Mehr als 100 Menschen sind bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch gestorben. Hasan Ashraf hat selbst in einer solchen Produktionshalle gearbeitet. Der Südasien-Experte über die Arbeitsbedigungen vor Ort - und die Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten.

Interview: Titus Arnu

Ein verheerender Fabrikbrand hat in Bangladesch mehr als 100 Textilarbeitern das Leben gekostet. Weitere 200 Menschen wurden mit Verbrennungen in Krankenhäuser gebracht. Als das Feuer am Samstagabend im Erdgeschoss der Fabrik ausbrach, nähten dort rund 1000 Arbeiter und Arbeiterinnen Bekleidung für ausländische Textilfirmen. Auch C&A ließ in der Firma Tazreen Fashion produzieren. Wie kann es zu so einer Katastrophe kommen? Und sind auch die Arbeitsbedingungen Schuld? Ein Interview mit dem Südasien-Experten Hasan Ashraf, der die Situation von Textilarbeitern in Bangladesh erforscht und selbst in einem ähnlichen Betrieb in Dhaka gearbeitet hat.

SZ: Herr Ashraf, kennen Sie die betroffene Fabrik? Und wie sah es dort mit den Sicherheitsstandards aus?

Hasan Ashraf: Ja, ich kenne den Betrieb. Eigentlich galt er als modern und gut ausgestattet. Es gab genug Feuerlöscher und Treppenaufgänge, doch offenbar sind die Arbeiter in Panik zum Hauptausgang gestürmt. Sie werden zur Reduzierung der Raumkosten so eng wie möglich zusammengepfercht, sodass die Notausgänge bei Weitem nicht ausreichten. Das Feuer brach unten aus, und die Menschen in den oberen Stockwerken wurden eingeschlossen, viele sprangen aus dem Fenster. Die Feuerwehr brauchte wohl fünf Stunden, um den Brand unter Kontrolle zu bringen.

Laut einer Studie der Kampagne Saubere Kleidung kam es seit dem Jahr 2005 zu sieben tödlichen Bränden und Fabrikeinstürzen in Bangladesch, bei denen insgesamt 145 Menschen starben. Die vielen Toten seien mit mangelhaften Sicherheitsmaßnahmen zu erklären. Trifft das Ihrer Meinung nach zu?

Nicht in jedem Fall. Der Betrieb, in dem es nun gebrannt hat, war nach lokalen und internationalen Standards zertifiziert und hat sogar Richtlinien der Europäischen Union eingehalten. Trotzdem waren die Arbeitsbedingungen dort wohl furchtbar.

Wie kann man sich die Arbeitsbedingungen in so einer Textilfabrik vorstellen?

Die Fabrik, in der ich mehrere Monate gearbeitet habe, stellt T-Shirts, Pullover und Jacken für europäische Discounter her wie H&M. Die Grundarbeitszeit ging von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr, aber wir wurden meistens gezwungen, Überstunden und Nachtschichten einzulegen. So kam man schnell auf 11 bis 13 Stunden täglich. Wenn die Nachtschicht um 3 Uhr früh vorbei war, musste man trotzdem wieder um 8 Uhr am Arbeitsplatz sein. Drei Viertel der Arbeitskräfte sind weiblich, die Aufseher sind männlich - und teilweise werden die Frauen brutal schikaniert. Zum Beispiel ist es nicht erlaubt, von seinem Sitz aufzustehen. Zur Toilette darf man, aber nur kurz.

Wie viel verdienen die Arbeiter?

Monatlich 30 Euro, mit Überstunden 40 bis 45 Euro. Der Lohn deckt nicht mal die Kosten für Wohnung und Essen. Bangladesch hat die billigsten Arbeitskräfte der Welt - deshalb ist das Land der zweitgrößte Textil-Exporteur, nach China. Die meisten westlichen Markenhersteller und Discounter lassen in Bangladesch produzieren, von C&A über H&M bis S. Oliver. Die Fabriken arbeiten zu 100 Prozent für den Export - doch die Herkunft der Ware ist in Europa praktisch nie ein Thema, höchstens mal bei Katastrophen wie dieser.

Was sollte man tun, um die Bedingungen in den Textilfabriken zu verbessern?

Die Gewerkschaften und die Politiker in Bangladesch müssten sich mehr um das Thema kümmern. Es gibt etwa 5000 Textilfabriken in Bangladesch, aber nur 100 davon haben einen Betriebsrat. Das wird in den meisten Firmen nicht erlaubt oder sogar mit Gewalt bekämpft.

Was kann man als Konsument tun?

Die Konsumenten sollten mehr wissen darüber, wie Billig-Klamotten hergestellt werden. Und es muss sichergestellt sein, dass die Firmen internationale Qualitäts- und Sicherheitsstandards einhalten.

Und sollten die Modefirmen auch etwas ändern?

Die Eigentümer der Modemarken sollten ehrlicher sein und ihren Kunden offenlegen, wo die Sachen produziert werden. Im Dezember 2010 starben bei einem Großbrand in einer Firma, die für Tommy Hilfiger produziert, 29 Menschen. Fernsehreporter konfrontierten Hilfiger auf der New York Fashion Week damit. Security-Mitarbeiter warfen die Berichterstatter raus.