US-Strafrecht Was Strafjustiz mit Kindererziehung zu tun hat

  • In den Vereinigten Staaten hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Zahl polizeilich registrierter Straftaten verringert, die Gefangenenzahlen sind jedoch stark gestiegen.
  • Das extrem starke Strafbedürfnis der US-amerikanischen Gesellschaft könnte Christian Pfeiffer zufolge mit der Kindererziehung zusammenhängen.
  • Ausgehend von den Untersuchungen soll in den USA deshalb eine öffentliche Debatte über die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts angestoßen werden.
Gastbeitrag von Christian Pfeiffer

Barack Obama besuchte kürzlich als erster amtierender Präsident der Vereinigten Staaten ein Gefängnis. Seine damit verknüpfte politische Botschaft stimmte mit der überein, die Hillary Clinton bereits drei Monate zuvor in einer innenpolitischen Grundsatzrede verkündet hatte.

Beide kritisierten, dass sich die Gefangenenzahlen in den vergangenen 40 Jahren auf mehr als zwei Millionen vervierfacht haben und betonten die Notwendigkeit, das Strafrecht zu reformieren. Clinton ergänzte, die USA seien inzwischen für fast 25 Prozent der weltweit registrierten Strafgefangenen verantwortlich, obwohl sie weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung stellten.

Beide betonten zudem, diese Entwicklung sei mit einer krassen Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung verbunden. "Da liegt etwas im Argen, wenn jeder dritte afroamerikanische Mann im Laufe seines Lebens im Gefängnis landet" konkretisierte Clinton.

Obama und Clinton verdienen Respekt dafür, dass sie dieses heikle innenpolitische Thema angesprochen haben. Zweifel erscheinen allerdings angebracht, ob ihre Analyse des Problems reichen wird, um die nötigen Reformen einzuleiten.

Weniger polizeilich registrierte Straftaten, mehr Gefangene

Seit 1991 hat sich in den Vereinigten Staaten die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten um 45 Prozent verringert. Die entscheidende Frage lautet deshalb, warum sich in den folgenden 23 Jahren die Gefangenenzahlen trotzdem verdoppeln konnten und heute, bezogen auf die Größe der Bevölkerung, neunmal so hoch liegen wie in Deutschland.

Hierzu eine erste Antwort: Die amerikanische Gesellschaft ist von einem extrem starken Strafbedürfnis geprägt. Dies belegt der General Social Survey (GSS), eine seit 1972 von der Universität Chicago durchgeführte Repräsentativbefragung. Trotz des Rekordanstiegs der Gefangenenzahlen stimmten im vergangenen Jahr 63 Prozent der Amerikaner der These zu, die Strafgerichte seien "nicht hart genug".

Mitte der Neunzigerjahre lag diese Quote sogar bei 89 Prozent. Diesem populistischen Druck konnte der damalige Präsident Bill Clinton nicht widerstehen. Gemeinsam mit den meisten Bundesstaaten veranlasste er, dass die Justiz auf harte Strafzumessungsregeln mit hohen Mindeststrafen festgelegt wurde. Doch woher kommen diese hohen Strafbedürfnisse?

Repressive Kindererziehung

Zur Klärung dieser Frage nun eine weitere Besonderheit der amerikanischen Gesellschaft: ihre im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern sehr repressive Kindererziehung. Landesweit besteht ein elterliches Züchtigungsrecht. In 19 fast durchweg im Süden liegenden Staaten dürfen zudem die Lehrer ihre Schüler schlagen.

Nach einer 2010 von Liz Gershoff veröffentlichten Untersuchung wurden nur 15 Prozent der damals erwachsenen Amerikaner völlig gewaltfrei erzogen. Dazu passt, dass in den letzten vier GSS-Befragungen jeweils 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung folgender Aussage zugestimmt haben: "Manchmal ist es nötig, ein Kind mit ein paar guten, harten Schlägen zu disziplinieren."

In Europa wurde dagegen seit 1979 (Schweden) das elterliche Züchtigungsrecht in 22 Ländern abgeschafft. Den Lehrern ist es durchweg verboten, Kinder zu schlagen.

Zwei 1992 und 2011 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) durchgeführte Repräsentativbefragungen zeigen nun: Im Verlauf der 19 Jahre ist der Anteil derjenigen, die völlig gewaltfrei erzogen wurden, von 26 auf 52 Prozent angestiegen. Bei den 16- bis 20-Jährigen liegt er inzwischen schon bei 63 Prozent, in Schweden sogar bei 86 Prozent.

Der Gastautor Christian Pfeiffer.

(Foto: Ole Spata/picture alliance/dpa)