Atomkatastrophe in Fukushima Der unbemerkte GAU

Eine Analyse des Energiekonzerns Tepco kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Die Kernschmelze im AKW Fukushima-1 begann direkt nach dem Erdbeben. Damit ist eine wichtige Schutzbehauptung der Atomlobby endgültig widerlegt.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Die Brennstäbe im Reaktor 1 des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima sind bereits am ersten Abend nach dem Erdbeben vom 11. März geschmolzen. Zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt die Betreiberfirma Tepco in einer neuen Analyse.

Bisher war angenommen worden, dass erst der dem Beben folgende Tsunami die Kühlung des Reaktors und seine Notsysteme knackte. Das Erdbeben hatte den Reaktor Leck geschlagen, deshalb begann sein Kühlwasserspiegel noch am selben Nachmittag zu sinken. Schon nach fünf Stunden begann die Kernschmelze.

Tepco und die japanische Atom-Aufsicht hatten stets betont, Fukushima 1 habe das Erdbeben schadlos überstanden. Zur Havarie sei es bloß gekommen, weil der Tsunami die Not-Kühlsysteme ausgeschaltet habe. Und mit einem solchen Tsunami habe niemand rechnen können. Diese Schutzbehauptung ist indes längst widerlegt: Tepco, das Parlament und die Aufsichtsbehörden waren von Wissenschaftlern vor einer Nuklearkatastrophe wegen eines Mega-Bebens oder eines Killer-Tsunamis gewarnt worden.

Japans Atomlobby hatte dem Publikum aber stets versichert, ihre AKWs seien sicher. Absolute Sicherheit könne es aber nicht geben, sagte indes vor vier Jahren Haruki Madarame, damals Professor der renommierten Universität Tokyo: "Irgendwo muss man einen Strich ziehen. Es wäre unmöglich, ein AKW zu entwerfen, wenn die Ingenieure jede einzelne Möglichkeit berücksichtigen müssten." Madarame ist als Chef der Kommission für Nuklearsicherheit inzwischen der oberste Wächter über Japans AKWs.

Die Erkenntnis, dass die Kernschmelze in Reaktor 1 vom Erdbeben ausgelöst wurde, widerlegt die Verteidigung der Atomlobby, das AKW habe dem Beben standgehalten. Es war zwar eines der stärksten, die je registriert wurden. Aber frühere Beben entlang der Bruchlinie vor der Sanriku-Küste waren nur unwesentlich schwächer.

Die frühe Kernschmelze erklärt auch, warum Reaktor 1 nicht heißer geworden ist, obwohl er nur wenig Wasser enthält. Das nukleare Brennmaterial liegt vermutlich zu Klumpen geschmolzen auf dem Reaktorboden; also im Rest Wasser, das noch im Reaktor verblieben ist.