20. November 2012, 09:48 Femen-Aktivistinnen eröffnen Trainingszentrum Brüste für eine bessere Welt

Polizistenhandschuhe auf nackten Mädchenkörpern. Mit solchen Bildern wurde die ukrainische Frauenrechtsgruppe Femen bekannt. Jetzt haben die Aktivistinnen in Paris ein Trainingszentrum eröffnet. Interessierte bekommen dort Lektionen in lautem Schreien und Protest-Marketing.

Eine Reportage von Katrin Kuntz, Paris

Kleiderloser Kampf an allen Fronten: Femen-Aktivistinnen stellten sich in Paris Demonstranten entgegen, die gegen ein neues Gesetz zur Gleichberechtigung Homosexueller protestieren.

(Foto: oh)

Die Brüste von Inna Schewtschenko sind klein und fest. Sie wogen nicht, sie hüpfen nicht, sie drängen sich nicht auf. Man kann sie auf Facebook sehen, auf den Straßen von Paris, in Frankreichs Eliteuniversität Sciences Po. Man kann auch diese Geschichte mit ihnen beginnen.

All das ist völlig in Ordnung, denn die Brüste von Inna Schewtschenko sind dann gerade nicht dazu da, um Männern zu gefallen. Sie sind ihr Arbeitsgerät, und sie sind natürlich auch der Grund dafür, dass Journalisten an diesem Novembertag ins Kulturzentrum Lavoir moderne nach Paris gekommen sind. Hier hat die ukrainische Frauenrechtsgruppe Femen vor zwei Monaten ihr erstes internationales Trainingszentrum aufgemacht. Nun trainierten die Frauen zum ersten Mal offiziell. In einer Art Bootcamp wollen sie zu "Soldatinnen" werden.

Ohne ihre Brüste würde das mit der Aufmerksamkeit wohl nicht funktionieren. Mit ihnen funktioniert es verdammt gut. So gut, dass man leicht mal vergisst, worum genau es eigentlich noch mal geht.

Sie wollen nicht sexy sein, sondern irritieren

Dass Menschen sich für ihre Überzeugungen ausziehen, ist nicht immer zielführend. Um ein Zeichen zu setzen, genügt es. Gegen Zensur, Fleischkonsum, Putin und Fußballer, die ihre Tore nicht treffen zum Beispiel. Die Frauen von Femen ziehen sich seit zwei Jahren aus. Sie sind gegen politische Willkür, das Patriarchat, die Sexindustrie und gegen Religion, weil mit ihr die Unterdrückung der Frau einhergehe.

Es gibt sie seit 2008, vier junge Frauen haben die Gruppe in Kiew aufgebaut, als erste feministische Bewegung in der Ukraine. Als sie angezogen protestierten, hat niemand hingeschaut. Dann gingen sie in Bikinis auf die Straße. Die Leute schauten. Seitdem ist das Prinzip klar. Wenn Femen sich ausziehen, sagen sie, wollen sie nicht sexy sein, sondern irritieren. In Westeuropa, wo es eine lange Tradition des Nacktprotests gibt, gelingt ihnen das nicht immer so gut.

Der Lavoir moderne ist ein gelbes Gebäude im Norden von Paris, drinnen hängt ein Poster, auf dem steht "Ziehen wir uns aus, Musliminnen". Vor der Tür riecht es nach blutigem Fleisch, reifem Obst, in der Auslage eines Imbiss schrumpelt Trockenfisch. Hier lässt Frankreich locker, es pulsiert wie Afrika, und das allein ist gut für Femen, schon die Örtlichkeit ist eine Provokation.

Im Dachzimmer des Lavoir sitzen nun 20 Frauen im Kreis, es gibt einen Tisch mit Lockenstab und Lippenstiften, ein zerwühltes Bett, ein Poster von der Aktivistin Schewtschenko, 22. Die Frauen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, sie tragen Sporthosen für das Protesttraining, das gleich beginnt, und T-Shirts auf den "Sextremism" steht, sie lachen. Es könnte die Umkleide von "Germany's Next Topmodel" sein. Modehefte liegen herum, Femen-Frauen haben sich für Elle ausgezogen und das Gesellschaftsmagazin Technikart.

Eine der Pariser Studentinnen, die auf dem Cover posieren, starrt auf ihr Bild, springt auf und zieht ihr T-Shirt hoch. Schaut nach unten. "Kann ja nicht sein", sagt sie. "Die haben meine Brüste größer gemacht!" Photoshop also, worum ging's noch mal?

Es ist an diesem Tag fast egal. Als die Frauen in den Trainingsraum gehen, sind die Kameras schon da. Sie klicken, als Inna Schewtschenko den Frauen beibringt, wie man richtig schreit. Eine nach der anderen stellt sich vor die Gruppe, die Arme hoch, die Beine hüftbreit, ein Plakat in der Hand und brüllt: "Nudity is freedom", klick, "Poor because of you", klick, "Freedom for political prisoners", klick klick. Dann fällt eine der Aktivistinnen über einen Fotografen, der hinter ihr am Boden liegt.

Melanie Schmitz, 27, aus Köln ist dabei, weil sie etwas für Femen in Deutschland lernen will. Wenn sie schreien soll, lacht sie. "Hass mich", brüllt Schewtschenko, an ihrem Hosenbund hängen vier Minisender, fürs Fernsehen. Schmitz schreit.

Die deutschen Femen-Aktivistinnen haben das zuletzt nicht so hinbekommen. Es gibt Bilder, die sie bei Ikea in Hamburg zeigen, nachdem die Möbelkette alle Frauen aus ihrem Katalog in Saudi-Arabien wegretuschiert hatte. Sie hatten ihre Brüste in Deutschlandfarben angemalt, sie saßen auf Sofas. Sie lächelten. Schewtschenko sagt dazu: "Oh no". Schmitz sagt: "Sorry, die Sofas waren zu gemütlich." Für eine Aktion gegen Flatrate-Bordelle verhandelt sie, sehr korrekt, mit der Polizei in Köln.

In Paris haben die Frauen zuletzt bei einem Vergewaltigungsprozess protestiert, bei dem es lächerliche Strafen gab. Während eines Interviews bei al-Dschasira zog Schewtschenko als Protest gegen Burkas ihr T-Shirt aus. Der Sender brach die Übertragung ab. Bei einer Demonstration der katholischen Gruppe Civitas gegen die Schwulenehe traten die Femen-Frauen am Wochenende als halb nackte Nonnen auf.

Protest als Show

Der Körper ist es, der einer Frau im 21. Jahrhundert schaden kann, sagen sie. Jetzt soll er helfen. "Wir nutzen unsere Brüste, um die Demokratie zu testen", sagt Schewtschenko. "Je härter die Reaktion des Staats, desto schlechter sein Zustand."

Bei der Aktion zu Gunsten der Homo-Ehe passierte es zum ersten Mal, dass einige Pariser keinen Spaß verstanden. Etwa 30 radikale Katholiken hätten die Frauen verprügelt, berichteten französische Medien. Auch die Journalisten, die sie begleiteten, seien angegriffen worden. Danach standen vor dem Trainingszentrum von Femen zu ihrem Schutz Polizisten.

Vieles was Femen fordert, würden die meisten Frauen und auch Männer unterschreiben. Ihre radikalen Mittel aber machen den Protest zu einer Show. Die dient ihrem Schutz. Aber sie verwischt auch ihr Anliegen.

Zurück zum Trainingsraum. Hier ist die mediale Erregung nun kurz vor ihrem Höhepunkt. Die Frauen üben Selbstverteidigung: Wie wehrt man die Hände von Polizisten ab, die einen an den Haaren packen? An den Hüften? Am Arm? Die Aktivistinnen sagen, sie bereiten sich auf den "Heiligen Krieg" vor.

Eine Fernsehredakteurin brüllt, dass sie böse schauen sollen. Die Kameras richten sich auf die Mädchen, die schön und böse aussehen. Neben einer Jesusfigur aus Pappe trainiert die Malerin Oksana Schatschko, 26, sie ist blass, dünn, mit einem Puppengesicht ohne Emotion. Sie ist die zweite der vier Femen-Gründerinnen, die von Kiew nach Paris fliehen musste. Sie kam am Abend mit einem Bus, plötzlich stand sie da, in der Tür des Lavoir moderne, und seitdem bewegt sie sich durch diese Stadt, als sei sie betäubt.

Es sieht nicht nur brutal aus, es ist lebensgefährlich

Wie Schewtschenko musste auch Schatschko dem ukrainischen Geheimdienst entkommen, wegen der Sache mit dem Kreuz. Schewtschenko hatte es im August in Kiew mit einer Motorsäge gefällt, aus Solidarität mit Pussy Riot. Das Kreuz war sechs Meter hoch, Schatschko hatte ein Seil gehalten, damit es auf eine Wiese und nicht auf Menschen fällt. Jetzt gibt es einen Haftbefehl. Viele waren verletzt in ihren religiösen Gefühlen. Andere fanden das größenwahnsinnig oder wahnsinnig mutig. Zehn Verfahren laufen in der Ukraine gegen Femen. Es sieht nicht nur brutal aus, wenn Polizisten sie nach Aktionen von der Straße zerren. Es ist lebensgefährlich.

Nach einem Protest gegen Präsident Lukaschenko vor knapp einem Jahr hat der weißrussische Geheimdienst Schewtschenko, Schatschko und eine dritte Aktivistin entführt und einem stundenlangen Martyrium ausgesetzt. Die Männer verbanden ihnen die Augen, zogen sie aus, übergossen sie mit Öl. Sie sagten, wir zünden euch an und vergewaltigen euch. Dann schnitten sie ihnen die Haare ab und setzten sie im Wald aus.

Inna Schewtschenko steht auf einem Podium der Universität Sciences Po, als sie davon erzählt. Ein Abend mit künftigen Führungskräften in Paris, die über postsowjetische Protestformen diskutieren. Ihre Stimme zittert kurz, das Wort Angst vermeidet sie. Es ist ein Moment, der daran erinnert, dass hinter dem Pariser popkulturellen Spektakel auch Menschen stecken.

Kurz zuvor war sie mit einer Horde Aktivistinnen in die Eingangshalle der Uni getreten, man hatte sie am Arm berührt und zu einem Foto geführt. Es war ihr eigenes, es zeigt sie stark, schön, halb nackt und mit erhobener Faust vor einer Trabantensiedlung in der Ukraine, World Press Photo 2012 steht darunter. Es ist wirklich ein gutes Bild.

"Do you like it?", fragt die Organisatorin. Schewtschenko ist ein Knopfdruck-Mädchen, sie kann sehr schüchtern und im nächsten Moment eiskalt sein. Sie reißt die Faust hoch, klick, klick. Femen nennen sich selbst "Pop-Feministinnen".

Im Vortragssaal zeigt Schewtschenko ein Video von der Sache mit dem Kreuz, Musik von Marilyn Manson läuft darin. Auf Fotos von Aktionen ist eine Frau zu sehen, die 120 Kilo wiegt, 200 Studenten kichern. Die Quotendicke. Schaut her, bedeutet das Bild, eine Femen muss nicht schön sein.

In Wirklichkeit sieht man bei Femen nur schöne Frauen. Nach dem Vortrag rennt ein junger Deutscher Schewtschenko nach, er will wissen, was sie übers Heiraten denkt (warum nicht, wenn es sich ergibt), ob sie einen Freund hat (manchmal), ob sie sich nie schämt, wenn sie nackt ist (am Strand ja, beim Protest nein). Würde Sie sich für den Playboy ausziehen? (Ja, ein wenig Botschaft kommt doch immer an).

Dass Femen mit der Macht der Bilder spielen, kann man ihnen nicht vorwerfen. Schewtschenko hat Journalistik studiert, sie weiß, dass man Emotionen schaffen muss, um sich in die Köpfe der Leute zu schleichen. Dass man ökonomisch arbeiten muss - minimaler Aufwand, maximale Wirkung. Dass Bilder oft besser funktionieren als Worte.

Voll drauf zu auf den Feind

Die Strategie von Femen geht daher so: Kameras bestellen. Ausziehen. Voll drauf zu auf den Feind. Botschaft in sein Gesicht brüllen. Fotos von Polizistenhandschuhen auf nackten Mädchenkörpern. Zack. Die Bilder sind es, die aus Femen eine globale Marke gemacht haben. Sie flirren durchs Netz, provozieren Antworten von Frauen aus Brasilien, Tunesien, den USA. Sie sorgen dafür, dass Menschen Tassen, T-Shirts und Brustabdrücke von Femen kaufen. Und manchmal wollen Menschen von dem Ruhm etwas abhaben.

Der belgische Filmemacher Wayn Traub hat eine Satire über Religion gedreht, Femen kommen auch vor. Er zeigt den Frauen sein Werk an einem weiteren Abend in Paris. Im Kino stellt sich heraus: Traub hat aus Versehen russisches Propaganda-Material in seinen Film geschleust. Comicfiguren mit animierten Brüsten. Sie halten Schilder auf Russisch hoch: "Ich protestiere gegen alles. Miete mich für deine Geburtstagsparty." Femen Frankreich finden das gar nicht lustig. Auch das russische Fernsehen ist an diesem Abend dabei.

Im Lavoir moderne geht an dem Tag im November das Training zu Ende. Die Journalisten haben Bänder und Blöcke gefüllt, und Schewtschenko spricht die Antwort auf die immer gleiche Frage in Mikrofone: "Warum habt ihr euch nicht ausgezogen?" Schewtschenko sagt: "Es war nicht nötig". Sind doch alle auch so gekommen.