Öffentlicher Nahverkehr Die Münchner S-Bahn erhält Rüffel von oben

Ein Zug der Münchner S-Bahn, die in den vergangenen Tagen wieder einige Pannen zu verantworten hatte.

(Foto: Robert Haas)
  • Nach der Pannenserie bei der Münchner S-Bahn hat die staatliche Eisenbahngesellschaft harsche Kritik geübt.
  • Die Gesellschaft fordert, das Schienennetz rasch zu verbessern.
  • Um das System generell leistungsfähiger zu machen, will die DB Netz dieses Jahr 20 Weichen im Bereich der Stammstrecke komplett erneuern.
Von Andreas Schubert

Mehr als 130 Störungen im Schienennetz seit Jahresbeginn, gipfelnd in einer Pannenserie zum Wochenbeginn: Die massiven Ausfälle bei der S-Bahn haben die staatliche Eisenbahngesellschaft zu einer harschen Kritik an der Bahn veranlasst. Ihre Tochter DB Netz müsse "die Infrastrukturstörungen bei der Münchner S-Bahn auf ein Minimum reduzieren", fordert die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die im Auftrag des Freistaats den Nahverkehr auf der Schiene bezahlt.

Die zunehmende Anfälligkeit sei "besonders in den kalten Wintertagen eine unzumutbare Belastung für die Fahrgäste", heißt es in einer Mitteilung der BEG. "Der Freistaat Bayern bestellt Verkehrsleistungen, für welche Infrastrukturgebühren in dreistelliger Millionenhöhe anfallen. Diese müssen insbesondere in die Zuverlässigkeit der Infrastruktur fließen", forderte Johann Niggl, Sprecher der Geschäftsführung der BEG. Die BEG könne und wolle den momentanen Zustand "nicht akzeptieren".

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Ein Bahnsprecher entgegnete am Mittwoch, das Münchner S-Bahn-Netz sei keinesfalls marode, sondern werde ständig instand gehalten. Und manche Störungen seien nicht zu vermeiden, etwa die Weichenstörung, die den Ostbahnhof am Mittwochmorgen für etwa eine Stunde komplett lahmgelegt hat - und in der Folge auch weitgehend die S-Bahn-Stammstrecke. Drei wichtige Weichen waren festgefroren, die Weichenheizungen waren für diese extremen Temperaturen zu schwach.

Um das System generell leistungsfähiger zu machen, will die DB Netz dieses Jahr 20 Weichen im Bereich der Stammstrecke komplett erneuern. Wegen einer Stellwerksstörung war am Dienstag unter anderem der Flughafen mehr als eine Stunde lang nicht zu erreichen, am Montag hatte eine ganze Pannenserie den Verkehr lahmgelegt.

Seit Mittwoch gibt es zumindest ein besseres Informationsangebot für die Fahrgäste. S-Bahnchef Heiko Büttner stellte die neue "München Navigator App" für Smartphones vor, die nun über ein Echtzeit-Informationssystem verfügt. Die App funktioniert so: Unter dem Menüpunkt "Live Map" ist eine Karte abrufbar, die die aktuelle Position der Züge anzeigt; sie werden mit GPS geortet. Fahrgäste können ihren Bahnhof anklicken und so sehen, wann ihre nächste Bahn kommt, wenn überhaupt. Auf den Anzeigetafeln in den Bahnhöfen ist dies technisch noch nicht möglich, die Bahn arbeitet aber daran.

Große Teile der Stammstrecke sind bereits eingezäunt

Die App sei die Verbesserung, die am schnellsten umzusetzen gewesen sei, sagte Büttner. Ganz einwandfrei funktioniert das System aber noch nicht: Denn sobald ein Zug im Stammstrecken-Tunnel fährt, kann er nicht mehr per GPS erfasst werden. Dass die S-Bahn im vergangenen Jahr mit 242 Millionen Passagieren einen neuen Rekord aufgestellt hat, darüber kann sich Büttner nur bedingt freuen. "Wir sind bei der Qualität noch nicht da, wo wir sein wollen."

Die Bahn plant noch weitere Maßnahmen für mehr Zuverlässigkeit. So sind bereits große Teile der Stammstrecke eingezäunt, damit sie nicht mehr betreten werden können. Denn "Personen im Gleis" ist noch immer die mit Abstand häufigste Störungsursache: 320 solche Meldungen gab es im vergangenen Jahr. Unter anderem musste der Zugverkehr wiederholt gestoppt werden, weil Flüchtlinge als blinde Passagiere mit Zügen angereist kamen und dann zu Fuß über die Gleise liefen.

Ein weiterer Schritt, um die Züge zu beschleunigen, sind die Einstiegslotsen, die im vergangenen Jahr am Hauptbahnhof getestet wurden - laut Bahn erfolgreich. Von April an sollen die Mitarbeiter zur Hauptverkehrszeit am Hauptbahnhof die Passagierströme lenken, von September an auch am Marienplatz. Pro Einstiegsvorgang bringt das bis zu vier Sekunden, was sich bei 30 Zügen pro Stunde und Richtung zu einem zwar kleinen, aber wertvollen Zeitpuffer summiert, wie Büttner sagte.

Der Umbau der Züge selbst, der 2020 abgeschlossen sein soll, soll einerseits mehr Platz im Inneren bieten und andererseits Zeitersparnis bringen, da die Fahrgäste schneller ein- und aussteigen können. Zudem bekommen die Lokführer künftig per Countdown die vorgesehene Haltezeit in einem Bahnhof angezeigt. Auch das soll bis zu zwei Sekunden bringen.

Die Bahnhöfe selbst sollen sicherer und kundenfreundlicher werden, erklärt die Münchner Bahnhofsmanagerin Mareike Schoppe, etwa mit neuen Wegeleitungen. Weiterhin werden die Tunneleingänge gegen unbefugtes Betreten gesichert. Und weil auch metallbeschichtete Ballons immer wieder Kurzschlüsse in der Oberleitung auslösen, will die Bahn ein neues System erproben, bei dem Lamellen an den Decken der Bahnsteige die Ballons von den Oberleitungen fernhalten sollen. Büttner räumt aber ein, dass es nie gelingen wird, die S-Bahn zu 100 Prozent zuverlässig zu machen: "Wir werden immer mit Störungen zu kämpfen haben."

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