Streit zwischen Rollstuhlfahrer und Krankenkasse Opel Zafira statt Porsche Cayenne

Es ging, sagt Klein, bei diesem Besuch vor allem darum, ihm den Turbo Twist auszureden: Man fragte, warum er eine Sitzhöhen-Verstellung brauche? Er sagte, weil es bei kaum mehr vorhandener Atemmuskulatur schwer ist, nach oben schauend zu sprechen. Er könne sich doch mit der Rückenlehnen-Verstellung hinlegen, wenn er mit stehenden Menschen spricht. Liegend, sagte Klein, bekomme er ohne Atemgerät keine Luft. Warum der Turbo Twist? Weil er klein ist und nach Modifikation des Stützrads als einziger Mittelantrieb-Rollstuhl auch hohe Stufen überwinden kann.

Der für ihn zuständige externe Mitarbeiter der Barmer GEK sagte, dass er auch nur einen Opel Zafira fahre, obwohl er lieber einen Porsche Cayenne hätte. Zu teuer. Aber nicht abgelehnt. Leider. Sonst hätte Christian Klein schon damals Einspruch einlegen können. Es folgte die Aufforderung, ein anderes Modell zu testen.

Kleins Anwältin Anja Bollmann sitzt in ihrem Büro, gleich an der S-Bahn-Station Bergisch Gladbach. Gut erreichbar. Erdgeschoss. Sie ist spezialisiert auf Behindertenrecht. Sie sagt, der Wind hat sich gedreht bei den Krankenkassen. Der Ton wird rauer. Sie hält Vorträge in ganz Deutschland, um zu zeigen, dass es sich lohnt, sich zu wehren. Die Leute seien zu respektvoll mit ihren Krankenkassen. "Viele sagen, ich kann nicht auftreten wie Zampano, sonst kriege ich den roten Querulanten-Hafti auf die Akte, dann kriege ich gar nichts mehr. Das ist Unsinn." Sie ist mittlerweile der Ansicht, dass man schon den Antrag auf ein Hilfsmittel über einen Anwalt stellen sollte. "Eigentlich traurig."

Mancher stirbt, bevor man sich einigt

Ihre Kollegin sitzt mit am Tisch, nickt. Sie haben hier viele Mandanten wie Klein, Bollmann blättert in der Akte: "Das ist doch keine Frage, dass der einen Anspruch auf einen neuen Rollstuhl hat. Vom Gefühl her hätte ich gesagt, er hat schon zwei übersprungen." Sie ist keine allzu empathische Frau, eher ergebnisorientiert. Sie weiß, dass bisweilen Unsinniges in Rezepten steht. Sie weiß aber auch, dass es der Kasse am liebsten ist, wenn überhaupt keiner einen Anspruch stellt. Und sie weiß, dass die Lebenszeit ihrer Mandanten begrenzt ist. Mancher stirbt, bevor man sich einigt. Ohne neuen Rollstuhl. Traurig, aber billig.

Im Sozialgesetzbuch, Fünftes Buch (SGB V), steht, dass man mit Arzneimitteln und Hilfsmitteln ausgestattet werden muss. Aber da steht auch § 12, das Wirtschaftlichkeitsgebot. "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten." Wirtschaftlichkeit? Bei behinderten Menschen? "Das steht nicht mit den Interessen von Herrn Klein im Einklang. Und da fängt der Streit an", sagt die Anwältin.

Kleins Garant 24 S ist jetzt 14 Jahre alt. Der Rahmen rostig, die Motoren nicht mehr zu ersetzen, weil nicht mehr im Handel, die Reifen, die Kugellager, das Sitzkissen, die Rückenlehne: alles so abgenutzt, dass er keinen ganzen Tag mehr drin sitzen kann. Wenn das Teil jetzt unter ihm zusammenbricht, müsste er sich ins Bett legen. Tag und Nacht.