Süddeutsche Zeitung

Streit zwischen Rollstuhlfahrer und Krankenkasse:Geschichte einer Behinderung

Der Münchner Christian Klein sitzt im Rollstuhl - seit 14 Jahren im selben rostigen Ungetüm. Dann beantragt er bei seiner Krankenkasse einen neuen. Das ist jetzt mehr als ein Jahr her. Doch er sitzt noch immer im alten. Die Krankenkasse findet: Ein Rollstuhlfahrer muss nicht unbedingt überall hin.

Eine Reportage von Karin Steinberger

Wenn man Menschen braucht, die einen am Morgen aus dem Bett heben, die einen aufs Klo setzen, den Hosenlatz schließen, einem das Essen in den Mund schieben, den Speichel abwischen, wie einem Baby. Wenn man Beine hat, die nicht mehr laufen, und Hände, die nichts mehr halten, dann ist Scham etwas, was man hinter sich hat. Dachte er.

Bis er im Sommer 2011 einen neuen Rollstuhl bei seiner Krankenkasse, der Barmer GEK, beantragte. Da musste er plötzlich erklären, was er in seiner Bank in der Friedrichstraße will. Oder im Supermarkt am Hohenzollernplatz. In der Bäckerei Wimmer, im Getränkemarkt, im Waschsalon, im DB-Shop, beim Gemüsehändler, in der Apotheke, in der U-Bahn-Station, im Käseladen, in der Buchhandlung, beim Optiker.

Muss ein Behinderter da überall hin? Muss ein Mensch im Rollstuhl die Eltern besuchen, den Bruder, muss er in eine Kneipe? Muss er ein Leben haben, mitten in der Gesellschaft?

Na ja, sagt die Barmer GEK Krankenkasse und bettet alles in unverbindliche Worte. "Natürlich haben wir großes Verständnis dafür, dass Herr Klein seine Eltern besuchen möchte. Im Vordergrund steht jedoch die medizinische Notwendigkeit."

Rostiges Ungetüm, Baujahr 1998

Christian Klein, wohnhaft in München, geboren 1966, mit elf Jahren wurde bei ihm eine fortschreitende Muskelerkrankung diagnostiziert, neurale Muskelatrophie, mit 14 Jahren bekam er den ersten Rollstuhl, seit 1995 hat er Pflegestufe III. Wer ihm die Hand drücken will, muss sie sich selbst holen und gut festhalten, damit sie nicht wegsackt. Das ist die Geschichte: Christian Klein möchte ein Leben, seine Krankenkasse möchte sparen.

Er sitzt immer noch in seinem alten Elektro-Rollstuhl, Garant 24 S, Baujahr 1998, ein rostiges Ungetüm, das ächzt und knurrt wie ein alter Mann. Klein fährt zum Schreibtisch und sagt zum Computer: "Thunderbird öffnen, Maus 1 4 5 2, Mausklick, 11 nach unten." Dann ist er im Unterordner "Neuer E-Stuhl 2011". Ellenlange Korrespondenzen ploppen auf. Briefe von der Barmer an Klein, von Klein an sein Sanitätshaus, vom Sanitätshaus an die Barmer, von Klein an die Barmer. Erst verbindlich, dann zunehmend gereizt. Fünfzehn Monate Rollstuhlkorrespondenz.

Christian Klein lacht, schnappt nach Luft, lacht, schnappt. Er zuckelt mit seinem elektrischen Rollstuhl vor und zurück, um den Brustkorb hat er einen Gürtel geschnallt, ganz eng, er ist an der Lehne festgemacht. Sieht aus wie selbstgebastelt. Ist es auch. Im Sommer hatte er an den Druckstellen großflächige Entzündungen. Es ist halt ein Gürtel, nicht das, was er mit dem neuen Rollstuhl bekommen hätte, einen Oberkörpergurt, individuell einstellbar, breit, abgepolstert, 85 Euro, netto.

Durch das Geruckel fängt sein Oberkörper an zu schaukeln, er fällt nach vorne, nach hinten, der Gürtel schnürt den Brustkorb zusammen. Er japst nach Luft. Als würde ihm jemand den Schnorchel zuhalten. "Das ist kein Hospitalismus, ich habe nur Probleme mit der Atmung", sagt er, wackelt. Nur? Der Gürtel presst die Luft aus der Lunge, dann kann er einatmen. Das immerhin geht noch. Er will wenigstens am Tag ohne Beatmungsgerät leben.

Er hat gelernt, sich mit diesem Körper zu arrangieren. Er hat gelernt, dass sein Lebensraum kleiner wird. Er beschwert sich nicht, bei wem auch. Es ist halt so. Aber das mit der Krankenkasse. Ist halt so?

Er schaukelt, röchelt, der Rollstuhl knarzt. Als wieder Luft da ist, lacht Klein. Ja, die Krankenkasse. Schon lustig.

Nach Berechnungen des Schätzerkreises wird der Überschuss im Gesundheitsfonds Ende 2012 zwölf Milliarden Euro betragen. 2011 hatte die Barmer GEK einen Überschuss von 340 Millionen Euro. Rollstühle haben an den gesamten Leistungsausgaben der Barmer GEK einen Anteil von 0,3 Prozent.

Ein Mensch mit einer so starken Behinderung wie Christian Klein ist nicht billig. Es ist aber auch nicht so, dass Leute wie er die Barmer GEK ruinieren.

Aber die Barmer GEK kann sein Leben strapazieren, indem sie sagt: zahlen wir nicht. Der Stuhl muss seine Beine und seine Arme ersetzen. Wenn der Stuhl etwas nicht kann, kann er es auch nicht.

Jeder Rollstuhl wird für einen bestimmten Menschen gebaut

Im Sommer fuhr Christian Klein zum Sanitätshaus 4ma3ma in Dortmund, sein Sanitätshaus in München hat keinen Vertrag mehr mit der Barmer GEK. Es ist kompliziert für ihn, nach Dortmund zu kommen. Aber man muss Vertrauen haben zu den Menschen, die einem Füße und Arme bauen. Sie haben dort Schreiner, Schlosser, Mathematiker, KFZ-Mechatroniker, Orthopädiemechaniker, Fahrradmechaniker, Elektriker. Mehr als 50 Menschen, die die Form winziger Kinderpopos in Sitzkissen hineinfräsen und Rückenschalen aus Glasfaser formen, um kaputte Körper gerade zu halten. Keine Rollstühle von der Stange, die Menschen in Altersheimen für wenig Geld unter den Hintern geschoben werden. Jeder Rollstuhl wird hier für einen bestimmten Menschen gebaut.

Nach Gesprächen und Testfahrten entschied sich Klein für den Turbo Twist - mit diversen Umbauten. Mittelantrieb, weil weniger Fliehkraft auf den Körper wirkt, klein, damit er rangieren kann und in den Aufzug seiner Eltern passt, niedrige Sitzhöhe, weil der Stuhl stabiler ist und Tische unterfahren kann, kippbar, um auch hohe Stufen zu überwinden, Rückenlehnen-Verstellung, Sitzkantelung, weil mittlerweile sein Hintern abstirbt, wenn er länger sitzt.

Am 29. Juli 2011 stellte sein Arzt das Rezept für den Turbo Twist aus. Im August 2011 wurde die Verordnung zusammen mit dem Angebot an die Krankenkasse geschickt. Kosten: 25.988,05 Euro, mit allen Umbauten und Anpassungen.

Geteilt durch vierzehn Jahre wären das 1856,29 Euro pro Jahr.

Es folgte eine Art Schockstarre. Ende 2011 fragte Klein bei der Barmer GEK nach und erfuhr, dass die Angelegenheit bei einem externen Gutachter liegt, einem Orthopädie-Meister, der den Antrag überprüfe. Anfang Januar kam der Gutachter mit der Barmer-GEK-Sachbearbeiterin in Kleins Schwabinger Wohnung. Mehr als vier Monate nach Antragseinreichung.

Es ging, sagt Klein, bei diesem Besuch vor allem darum, ihm den Turbo Twist auszureden: Man fragte, warum er eine Sitzhöhen-Verstellung brauche? Er sagte, weil es bei kaum mehr vorhandener Atemmuskulatur schwer ist, nach oben schauend zu sprechen. Er könne sich doch mit der Rückenlehnen-Verstellung hinlegen, wenn er mit stehenden Menschen spricht. Liegend, sagte Klein, bekomme er ohne Atemgerät keine Luft. Warum der Turbo Twist? Weil er klein ist und nach Modifikation des Stützrads als einziger Mittelantrieb-Rollstuhl auch hohe Stufen überwinden kann.

Der für ihn zuständige externe Mitarbeiter der Barmer GEK sagte, dass er auch nur einen Opel Zafira fahre, obwohl er lieber einen Porsche Cayenne hätte. Zu teuer. Aber nicht abgelehnt. Leider. Sonst hätte Christian Klein schon damals Einspruch einlegen können. Es folgte die Aufforderung, ein anderes Modell zu testen.

Kleins Anwältin Anja Bollmann sitzt in ihrem Büro, gleich an der S-Bahn-Station Bergisch Gladbach. Gut erreichbar. Erdgeschoss. Sie ist spezialisiert auf Behindertenrecht. Sie sagt, der Wind hat sich gedreht bei den Krankenkassen. Der Ton wird rauer. Sie hält Vorträge in ganz Deutschland, um zu zeigen, dass es sich lohnt, sich zu wehren. Die Leute seien zu respektvoll mit ihren Krankenkassen. "Viele sagen, ich kann nicht auftreten wie Zampano, sonst kriege ich den roten Querulanten-Hafti auf die Akte, dann kriege ich gar nichts mehr. Das ist Unsinn." Sie ist mittlerweile der Ansicht, dass man schon den Antrag auf ein Hilfsmittel über einen Anwalt stellen sollte. "Eigentlich traurig."

Mancher stirbt, bevor man sich einigt

Ihre Kollegin sitzt mit am Tisch, nickt. Sie haben hier viele Mandanten wie Klein, Bollmann blättert in der Akte: "Das ist doch keine Frage, dass der einen Anspruch auf einen neuen Rollstuhl hat. Vom Gefühl her hätte ich gesagt, er hat schon zwei übersprungen." Sie ist keine allzu empathische Frau, eher ergebnisorientiert. Sie weiß, dass bisweilen Unsinniges in Rezepten steht. Sie weiß aber auch, dass es der Kasse am liebsten ist, wenn überhaupt keiner einen Anspruch stellt. Und sie weiß, dass die Lebenszeit ihrer Mandanten begrenzt ist. Mancher stirbt, bevor man sich einigt. Ohne neuen Rollstuhl. Traurig, aber billig.

Im Sozialgesetzbuch, Fünftes Buch (SGB V), steht, dass man mit Arzneimitteln und Hilfsmitteln ausgestattet werden muss. Aber da steht auch § 12, das Wirtschaftlichkeitsgebot. "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten." Wirtschaftlichkeit? Bei behinderten Menschen? "Das steht nicht mit den Interessen von Herrn Klein im Einklang. Und da fängt der Streit an", sagt die Anwältin.

Kleins Garant 24 S ist jetzt 14 Jahre alt. Der Rahmen rostig, die Motoren nicht mehr zu ersetzen, weil nicht mehr im Handel, die Reifen, die Kugellager, das Sitzkissen, die Rückenlehne: alles so abgenutzt, dass er keinen ganzen Tag mehr drin sitzen kann. Wenn das Teil jetzt unter ihm zusammenbricht, müsste er sich ins Bett legen. Tag und Nacht.

Die Barmer GEK sagt, dass in circa 50 Prozent der Fälle die Versorgung innerhalb einer Woche durchgeführt ist.

Klein lacht: "Eine Woche? Da kriege ich vielleicht neue Filter für mein Atemgerät."

Christian Kleins linke Hand liegt auf seinem Oberschenkel, sie ist weich und nutzlos und kalt wie Wachs. Die rechte liegt auf dem Steuer-Joystick - wie draufgegossen.

Wenn es möglich wäre, würde er seinen Garant 24 S behalten. Nichts ist schlimmer als ein neuer Rollstuhl. Der alte hat die Form seines verkorksten Körpers angenommen. Schon ein neues Sitzkissen kann monatelang Probleme machen. Aber es geht nicht mehr. Als er den Garant bekam, konnte er noch seine Arme bewegen. Das kann er seit zehn Jahren nicht mehr. "Oder elf? Ich weiß gar nicht. Unendlich lang", sagt Klein. Heute kippt seine Hand mit Joystick nach links, wenn der Gehweg ein bisschen nach links abfällt. Dann fährt Klein nach links, auch wenn er nach rechts will.

Mit der neuen Steuerung wäre das kein Problem. Sie ist so fein programmierbar, dass man die wenigen noch vorhandenen Bewegungsmöglichkeiten voll ausnutzen könnte. Kosten, im Gesamtpreis des Turbo Twist mit inbegriffen: 4470,11 Euro, netto.

"Da stehen noch acht. Wie viele dürfen rein?"

Klein schaut auf die Uhr, er muss einkaufen und zur Bank. Er ruft den Helfer aus dem Nebenzimmer: "Schau mal, wie es aussieht mit Brot, Milch, Saft." Der Helfer schaut, Klein rollt zum Eingang, der Helfer setzt ihm die Manchester-United-Mütze auf. Die Bayern-München-Mütze verrutscht immer, durch das Gewackel, leider, es wäre immer die Mütze seiner Wahl.

400 Karten von Bayern-Spielen hat Klein zu Hause liegen. Rollstuhlfahrer müssen bei den Bayern fünf Euro mit Begleitperson bezahlen. Früher nichts. Einmal, lange her, hatte er keine Karte. Sie standen mit ihren summenden Rollstühlen vor dem Stadion, da rief der Ordner Uli Hoeneß an und sagte: "Da stehen noch acht. Wie viele dürfen rein?" Hoeneß sagte: acht.

Es ist sonnig und kühl. Christian Klein rollt die Belgradstraße entlang, holpert über die abgesenkten Bordsteine, fährt bei einer kleinen Steigung plötzlich nach hinten, dreht sich im Kreis. Er schaut seinen Helfer an. Der übernimmt kurz das Steuer.

Früher hat Klein Elektrostuhlhockey gespielt, TSV Forstenried, zehnmal waren sie Meister. Jetzt kämpft er mit leicht abfallenden Gehwegen. Er kennt seine Grenzen, er kennt die Möglichkeiten der Technik. Er fährt auf Messen, ist Übungsleiter beim Kindersport, macht Mobilitätstrainingskurse. Er sieht Eltern, die nicht glauben, was ihre Kinder können, wenn man sie endlich auf den richtigen Rollstuhl setzt. Er kennt die Ungetüme, mit denen sogenannte Fachleute behinderte Menschen versorgen. Die Wirtschaftlichkeit im Nacken. Er weiß, dass er nicht im Kreis fahren müsste, wenn das Gerede von Integration und selbstbestimmtem Leben ernst gemeint wäre. Die Leute reden gern. Aber zahlen?

In den Siebzigerjahren fingen die Aktivrolli-Sportler an, ihre Rollstühle umzubauen. In den Neunzigerjahren die E-Rollstuhl-Sportler, sie sägten ihre Stühle auseinander, schweißten sie neu zusammen, bauten den Joystick auf die andere Seite, damit sie die kräftigere Hand frei haben. Sie wollten beweglicher sein, schneller. Sie fingen an, den Unsinn, den ihnen Fußgänger vorsetzten, infrage zu stellen.

Christian Klein rumpelt die Hohenzollernstraße runter Richtung Friedrichstraße, bleibt vor der Bank stehen. Eine Stufe, vielleicht 15 Zentimeter. Der Helfer nimmt Kleins Hand vom Joystick, stellt sich hinten auf den Stuhl, die Vorderräder hängen in der Luft, er schiebt, hebt die Hinterräder über die Stufe, legt Kleins Hand wieder auf den Joystick. Am Automaten holen sie Geld, dann rollt Klein in die Schalterhalle, sagt: "Ich habe Falschgeld dabei." Der Bankangestellte versteht nicht: "Sollen wir es wechseln?" - "Wenn es falsch ist, schon", sagt Klein, lacht, wippt, japst.

Es passiert nur noch selten, dass Leute seinem Helfer antworten, obwohl er fragt. Bei der Rollstuhlversorgung hat man früher die Behinderten gar nicht gefragt. Und heute? Klein sagt: "Manche kommen nicht damit klar, wenn Behinderte sagen, was sie brauchen." Er rollt rückwärts zur Stufe am Ausgang, gleiche Prozedur: Hand runter, Hand rauf. Es dauert nur Sekunden.

Die Frage ist jetzt: Ist das eine relevante Stufe im Leben des Christian Klein?

Nur wenn eine Stufe zwingend überwunden werden muss, sagt die Barmer GEK. Eine Stufe zum Arzt ist relevant. Zum Bruder nicht. Und die Eltern? Kein Grundbedürfnis, das die Krankenversicherung sicherstellen müsste. Mit freundlichem Gruß.

Ein Stuhl, der weniger kann als der alte?

Mitte Januar probierte Klein den vom externen Berater vorgeschlagenen alternativen Rollstuhl aus. Mit Verstellmodul war er zu hoch und man konnte mit ihm keine hohen Stufen überwinden. Ein Stuhl, der weniger kann als der alte? Ein Stuhl, mit dem er nicht in Geschäfte kommt? Ein Stuhl, mit dem er an keinem Tisch sitzen kann, weil er nicht unter den Tisch passt? Ein Stuhl, der nicht in den winzigen Aufzug zur Wohnung der Eltern passt?

Weil die es so wollen.

Mitte Februar kam von der Barmer GEK die Bitte nach einer Liste aller 10 bis 15 Zentimeter hohen Stufen.

Er schickte die Liste.

Der zweite Hausbesuch war im April: externer Berater, Barmer-GEK-Sachbearbeiterin, ein Vertreter der Firma Sopur. Er hatte den Alternativrollstuhl dabei. Der externe Berater eine faltbare Rampe. Es wurde vorgeführt, wie geschmeidig der Rollstuhl über die Rampe auf die Terrasse fahren kann. Sie hingen an ihrem Rollstuhl, der weniger kann. Klein sagte: nein.

Er düst hinein in den Penny, Hohenzollernstraße, es ist so eng, dass er links und rechts an den Regalen scharrt, in den Kurven muss er rangieren. Sein Rollstuhl knarzt lauter, als die Kühltruhen brummen. Der Helfer holt Gorgonzola, Sahne, Milch. Klein rangiert, vor, zurück, wippt, japst, stellt sich vor, wie das wäre, mit einem größeren Gefährt, und der Helfer mit sperriger Rampe. Kein Problem, sagt der externe Berater der Barmer GEK.

Tüten tragen, lenken, vor, zurück, Rampe schleppen, aufbauen, abbauen, aufbauen. Klein sagt, einer wie er steht sowieso immer im Weg. Dann noch die Rampe auspacken, hinlegen, Moment bitte. Die Leute würden kotzen: bleib zu Hause, Krüppel!

Eben: Es wäre so viel einfacher, wenn die behinderten Menschen schön unmündig bleiben, wenn sie sich sagen lassen, was sie brauchen, wenn sie brav zu Hause bleiben. Oder in Heimen. Billiger sowieso.

Nach dem zweiten Hausbesuch forderte der externe Berater Kleins Sanitätshaus auf, einen Kostenvoranschlag für den Alternativrollstuhl zu schreiben. Das Sanitätshaus schrieb, dass es wenig Sinn mache, ein Angebot für einen Rollstuhl zu erstellen, der die Mobilität des Versicherten mehr einschränkt als der bisherige. Der externe Berater drohte mit Beendigung des Falls wegen "fehlender Mitwirkung". Das Sanitätshaus schrieb den Kostenvoranschlag: 23.573,43 Euro mit Umbauten und Anpassungen und faltbarer Rampe.

Krankenversicherungen feilschen um winzige Rollstühle

Wer zu Kleins Sanitätshaus 4ma3ma in Dortmund will, muss durch eine Einfahrt, die aussieht wie eine Rennstrecke, Mittellinie, Leitplanken. Überall stehen Rollstühle, manche so winzig, dass man nicht glauben kann, dass es Krankenversicherungen gibt, die da noch feilschen. Gibt es, sagt Kleins Rehafachberater Stephan Frantzen, und erzählt von Eltern, die so verzweifelt waren, dass sie ihre schwer behinderten Kinder zur Krankenkasse gefahren und für ein paar Stunden dort gelassen haben. "Da ist dann plötzlich viel möglich."

Aber dieser Fall sei schon extrem, sagt Frantzen und holt Kleins Unterlagen aus dem Hängeregister: "Das Buch", er lacht.

Dann führt er einen durch enge Gänge und kleine Büros, in Werkstätten und noch mehr Werkstätten. Er holt einen XS-Rollstuhl aus dem Regal, der Sitz so groß wie seine Hand. Er sagt: "So ein Stuhl muss passen wie ein Schuh." Sie bauen und beantragen hier jeden Tag Rollstühle. Sie verhandeln Details, natürlich, aber so was?

Erst passiert monatelang nichts. Dann lehnt der externe Berater das vom Versicherten gewünschte Modell ab und beharrt auf einem Modell, das weniger kann als das alte. Zwei Hausbesuche, unzählige Briefe, immer wieder Fragen, die längst beantwortet wurden. So viel Arbeitszeit. Was kostet das eigentlich? Im Juli 2012 der dritte Hausbesuch mit einer Ärztin vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Klein erinnert sich, sie sagte gleich mal: Ist ja alles sehr teuer. Und schrieb ein Gutachten, ein neutrales?

Betteln um Ablehnung

Dann, aufgepasst, heißt es: Beide Modelle übersteigen das Maß des Notwendigen. Nach einem Jahr - alles auf Anfang.

Am Ende bettelte Christian Klein geradezu um Ablehnung mit Rechtsbehelf. Um endlich Einspruch einlegen zu können. Die Ablehnung kam am 21. August 2012.

Stephan Frantzen schiebt den winzigen Rollstuhl hin und her. Die Barmer GEK bietet Klein jetzt eine Versorgung nach DLK an, nach Dienstleistungskonzept. Und teilte Frantzen mit, dass sein Sanitätshaus dafür keinen Vertrag hat: "Insofern erübrigen sich weitere Diskussionen mit Ihnen." Nach achtmonatiger Korrespondenz.

Vom Umgangston redet Frantzen erst gar nicht. Er sagt, das sei im Prinzip eine Pauschalversorgung. Die Barmer GEK nennt es eine "individuell angepasste Versorgung", weil Rückenverstellung, Sitzkantelung, Schulter-, Brust-, Beckengurt zusätzlich genehmigt werden. Rollstühle, die das bieten, fallen eigentlich nicht in die Pauschalversorgung, sagt Frantzen. An Klein schreibt er: "Der Rollstuhl soll für fünf Jahre 3100 Euro kosten, inklusive aller Reparaturen, exklusive Zusatzausstattung. Das liegt weit unter Einkaufspreis."

Christian Klein steht jetzt vor der Bäckerei, starrt die Stufe an. Kategorie: unrelevant? Er wackelt, japst, wackelt. Und sagt: "Den neuen Rollstuhl habe ich doch nicht ausgesucht, weil er teuer ist, sondern weil ich ihn brauche." Dann fährt er die Belgradstraße runter, immer weiter. Die Manchester-United-Mütze hält sich tapfer.

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Quelle:
SZ vom 24.11.2012/mahu/sonn
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