Rassistische Drohungen "Schwamm drüber" soll es in Zorneding nicht geben

Am Sonntag vor einer Woche hat Olivier Ndjimbi-Tshiende hier in St. Martin in Zorneding verkündet, dass er die Gemeinde verlässt. In einem Buch bekunden nun Gläubige, wie sie die Vorgänge bestürzen. Und Generalvikar Peter Beer kommt eigens, hält den Gottesdienst und spricht mit den Gremien der Pfarrei.

(Foto: dpa)
  • Zum ersten Sonntagsgottesdienst nach dem großen Skandal um den Weggang des Zornedinger Pfarrers hat Kardinal Marx seinen wichtigsten Mann zur Predigt geschickt.
  • Generalvikar Peter Beer wählte dabei selbstkritische Worte - es geht auch darum, Schaden vom Ordinariat abzuwenden.
Von Karin Kampwerth und Inga Rahmsdorf

Haben wir etwas übersehen? Hätten wir früher eingreifen müssen?" Es sind selbstkritische Worte, mit denen sich der Generalvikar des Erzbischöflichen Ordinariats, Peter Beer, zur Rolle des Bistums zum Rücktritt des Zornedinger Pfarrers Olivier Ndjimbi-Tshiende geäußert hat. Beer ist formal der Verwaltungsleiter der Erzdiözese München und Freising. Tatsächlich ist er der engste Vertraute von Kardinal Reinhard Marx, der zweitwichtigste Mann. Ausgerechnet er ist am Sonntag nach Zorneding gekommen, um den ersten Sonntagsgottesdienst nach dem großen Skandal um den Weggang des Geistlichen aus dem Kongo zu halten, in dessen ehemaliger Kirche. Ndjimbi-Tshiende hatte die Gemeinde vorigen Montag nach Morddrohungen verlassen.

Dass das Ordinariat am Sonntag keinen üblichen Vertretungspfarrer aus der Nachbarschaft schickte, ist ein Zeichen: Die Vorgänge in der Zornedinger Pfarrei sind zur Chefsache erhoben worden. So gilt es auch, Schaden vom Ordinariat abzuwenden, denn die Probleme in der Pfarrei waren dort seit November bekannt.

Der habilitierte Philosoph Ndjimib-Tshiende hatte damals Stellung bezogen gegen einen hetzerischen Kommentar gegen Flüchtlinge der damaligen CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher. Ihr Stellvertreter Johann Haindl hatte ihn daraufhin als "Neger" beschimpft. Zwar soll sich Ndjimbi-Tshiende mit beiden ausgesprochen haben. "Schwamm drüber" und "jetzt vertragen wir uns alle wieder", könne das aber nicht bedeuten, versicherte Beer am Sonntag im Gottesdienst. Das würde nicht nur das Leid bagatellisieren, das die "abscheulichen" Drohungen und diskriminierenden Schmähungen ausgelöst hätten, sondern auch den Protest der Zornedinger gegen dieses Unrecht, etwa mit einer Lichterkette.

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Die weitere Aufarbeitung der Vorgänge wurde zunächst hinter verschlossenen Türen vorangetrieben. Dazu traf sich Beer direkt nach dem Gottesdienst mit allen Zornedinger Kirchengremien. Am Tag zuvor hatte sein Vorgesetzter, Kardinal Marx, genau das als Rolle der Kirche angekündigt: Es sei nun deren Aufgabe zu helfen, dass in Zorneding wieder eine Versöhnung möglich werde.

Vor dem Diözesanrat, dem obersten Laiengremium des Erzbistums, sagte Marx am Samstag, dass sich die Diskussionskultur in Deutschland verschärft habe und man die Ängste und Sorgen der Menschen auch ernst nehmen müsse. Aber der Kardinal rief auch dazu auf, sich immer wieder deutlich zu machen, dass der Großteil der Bevölkerung in Deutschland eben nicht rassistisch eingestellt sei. Deswegen sei es so wichtig, sich auszutauschen, und dazu könne und müsse die Kirche beitragen: als ein Ort, an dem man sich versöhnen könne.

Der Kardinal hatte sich zunächst lange nicht öffentlich zu den Vorfällen in Zorneding geäußert, vergangenen Donnerstag dann aber die rassistischen Angriffe scharf verurteilt. Deutlich waren auch die Worte, die der Kardinal und der Vorsitzende des Diözesanrates, Hans Tremmel, zur Asylpolitik fanden. Sie appellierten nicht nur an die Gläubigen, sich weiterhin entschieden für Flüchtlinge einzusetzen, Menschen in Not zu helfen und dabei an christlich-humanitären Grundlinien festzuhalten. Sondern sie distanzierten sich auch deutlich von der aktuellen Politik der CSU und kritisierten den Streit zwischen den Unionsparteien beim Flüchtlingsthema.

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Abschottung und Obergrenzen seien keine Lösung, betonten Marx und Tremmel. Viel eher gelte es, Fluchtursachen zu bekämpfen. "Sichere Grenze bedeutet nicht, wir sind vor euch sicher", sagte der Kardinal. Sichere Grenze bedeute: "Wer unsere Grenze, und das ist die Grenze Europas, erreicht, der ist vor Krieg und Verfolgung sicher." Dass Menschen an der europäischen Grenze sterben, das könne er nicht akzeptieren, sagte Marx.

Bei der Vollversammlung des Diözesanrats trafen sich am Samstag etwa 175 Teilnehmer in der Universität der Bundeswehr in Neubiberg zum Thema "Dienst am Frieden". Im Mittelpunkt standen nicht nur globale und sicherheitspolitische Fragen, sondern auch aktuelle Entwicklungen in den Pfarreien; deren Arbeit wird zunehmend geprägt durch die stark gestiegene Zahl der Flüchtlinge. Dabei wies Tremmel die Kritik am Einsatz der Kirchen für Flüchtlinge zurück: "Es ist beleidigend, wenn ich Politiker reden höre, die uns Kirchenleute lächerlich machen wollen, weil wir nach wir vor dezidiert eine humane Flüchtlingspolitik unterstützen."

Sie sei dankbar für so klare Worte, sagte eine Teilnehmerin während der Diskussion an Marx und Tremmel gewandt. Die Frau schilderte, wie sie und andere in der Flüchtlingsarbeit ehrenamtlich Tätige zunehmend beleidigt und beschimpft werden würden. Es gebe Menschen, die eigentlich helfen wollen, "aber sie sagen, das tue ich mir nicht mehr an".

Die ausführliche Reportage über die Entwicklungen in Zorneding lesen Sie hier mit SZ Plus:

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