Neue Studie Ausschläge auf dem Kitabarometer

Große Aufgaben: Bis zum Jahr 2030 will die Stadt etwa 8500 neue Krippen- und 12 500 neue Kindergartenplätze.

(Foto: Alessandra Schellenegger)
  • Die Stadt hat alle Münchner Eltern mit Kindern jünger als vier Jahren nach ihrem Betreuungsbedarf befragt.
  • Aus diesen Angaben leitet das Referat für Bildung und Sport seine Strategie für die Kita-Versorgung bis 2030 ab.
  • Interessant ist die Studie, weil sie Besonderheiten in den einzelnen Stadtvierteln herausfiltert.
Von Ulrike Steinbacher

Es muss Leidensdruck bestehen, soviel steht fest. Andernfalls hätten sich die Eltern von 19 652 Münchner Kindern unter vier Jahren wohl kaum die Zeit genommen, einen vierseitigen Fragebogen zu ihrem Betreuungsbedarf auszufüllen. Aus diesen Angaben im sogenannten Kitabarometer leitet das Referat für Bildung und Sport (RBS) seine Strategie für die Kita-Versorgung bis 2030 ab: Für jedes Kind über drei Jahren soll rechnerisch ein Kindergartenplatz zur Verfügung stehen (das sind 100 Prozent statt bisher 97), für drei von fünf Kindern unter drei Jahren soll es Krippenplätze geben. Macht in konkreten Zahlen etwa 8500 neue Krippen- und 12 500 neue Kindergartenplätze bis 2030 - nach heutigem Stand wohlgemerkt, weiterer Zuzug ist noch nicht berücksichtigt. Das Kitabarometer ist an diesem Mittwoch Thema im Bildungsausschuss des Stadtrats.

Die Schlussfolgerungen des RBS fußen auf einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Markt- und Sozialanalyse (Amsa) aus Köln. Die Zahlen, die ihr zugrundeliegen, sind inzwischen schon ein bisschen älter. Erhoben wurden sie von Dezember 2015 bis Mai 2016. Wegen des großen Rücklaufs und der komplexen Aufbereitung dauerte es bis 2018, ehe die Amsa ihre Auswertung vorlegte. Die Sozialforscher kontaktierten die Eltern aller 60 004 beim Einwohnermeldeamt registrierten Kinder, die im ersten Halbjahr 2016 jünger als vier Jahre waren. Antworten kamen von 19 652 Müttern und Vätern, also von 35 Prozent. Sie hatten den Fragebogen auf Papier oder online ausgefüllt, meist auf Deutsch, in 226 Fällen auf Englisch oder in anderen Fremdsprachen. 18 885 Fragebögen waren auswertbar, das ergab eine Stichprobendichte von 31,5 Prozent. "Die Erhebung steht damit auf einem stabilen und belastbaren Fundament", heißt es im Abschlussbericht.

Die Antworten auf die 30 Fragen bergen an sich keine großen Überraschungen: Die gute Erreichbarkeit der Kita spielt für 97 Prozent der Eltern bei der Auswahl eine wichtige Rolle, die Höhe der Gebühren ist für 75 Prozent ein Kriterium. 84 Prozent der Eltern wollen für ihr Kind dort eine Betreuung finden, wo sie wohnen, für sechs Prozent ist die Nähe zum Arbeitsplatz ausschlaggebend, neun Prozent suchen eine spezielle Einrichtung.

Interessant ist die Amsa-Studie, weil sie aus diesen erwartbaren Erkenntnissen regionale Besonderheiten herausfiltert. Die Nachfrage nach Kinderbetreuung, wiewohl überall in der Stadt hoch, wird geografisch differenziert - nicht nur oberflächlich nach den 25 Stadtbezirken, sondern noch deutlich tiefenschärfer: Dafür wurden die Stadtbezirke in insgesamt 85 Planungsbereiche untergliedert, gewöhnlich begrenzt von Straßen oder Bahnlinien. Ramersdorf-Perlach etwa ist in sieben solche Segmente aufgeteilt, Feldmoching-Hasenbergl in drei. Die kleinteilige Betrachtung macht Abweichungen sichtbar, "die sich beispielsweise auf Grund unterschiedlicher sozialer Strukturen und unterschiedlicher Infrastrukturangebote ergeben", verdeutlicht das RBS.

Das fängt beim Rücklauf an: In Lochhausen und Umgebung (Planungsbereich 22/1) füllten mehr als 45 Prozent der Eltern den Fragebogen aus, also praktisch jeder zweite. In dieser Gegend wird besonders viel gebaut, zugleich gibt es noch kaum soziale Infrastruktur. Entsprechend groß dürfte die Angst sein, keinen brauchbaren Kitaplatz zu finden. Offenbar gut versorgt ist hingegen der nördliche Harthof (11/1), wo weniger als 18 Prozent der Eltern die Fragen beantworteten, nicht einmal jeder fünfte. Ähnlich gering war der Rücklauf in Neuperlach (16/6) und im Hasenbergl (24/3), Viertel mit eher älteren Bewohnern und ebenfalls guter sozialer Versorgung.

Die Stadt ist offenbar bereit, auf Elternwünsche einzugehen

Während für nahezu alle Kinder im Kindergartenalter ein Betreuungsplatz gesucht wird (96 bis 98 Prozent), zeigten sich bei Krippenkindern unter drei Jahren große lokale Unterschiede. Noch über dem Versorgungsziel von 60 Prozent lag zum Beispiel der Bedarf im Neubaugebiet Domagkpark (12/4), aber auch in der Ludwigsvorstadt (2/2), die zum Teil von Gentrifizierung geprägt ist, wo im Bahnhofsviertel aber auch viele kinderreiche Familien mit Migrationshintergrund leben. Am anderen Ende der Skala mit weniger als 48 Prozent Betreuungsbedarf für Krippenkinder lagen das Moosfeld (15/2) mit seinen Gewerbeansiedlungen und Viertel wie Perlach (16/3) und die Lerchenau (24/2) mit eher älteren Bewohnern. Ein Sonderfall ist die Gegend ums Olympia-Einkaufszentrum (10/4). Dort ist der Betreuungsbedarf generell gering, als einziger in der ganzen Stadt blieb dieser Planungsbereich sogar bei Kindergartenkindern unter 90 Prozent. Das Viertel ums OEZ ist größtenteils von Gewerbe geprägt, und in der einzigen größeren Wohnsiedlung, der Olympia-Pressestadt, lebt eher eine ältere Klientel.

Interessant waren die Antworten auf die Frage nach dem Wunsch-Stadtbezirk, in dem Eltern ihr Kind am liebsten betreuen lassen würden. Für gut 15 Prozent der Väter und Mütter ist er nicht identisch mit dem Stadtbezirk, in dem sie wohnen. Vor allem für die Innenstadtgebiete ergab sich starke Fluktuation: Zum Beispiel würden 29 Prozent der Eltern aus der Altstadt und dem Lehel ihr Kind gern anderswo betreuen lassen. Zugleich möchten aber 31 Prozent aus den anderen 24 Stadtbezirken einen Kitaplatz im Zentrum. In Sendling liegt das Abwanderungspotenzial bei 27 Prozent, der Zugang bei 45. Hohe Werte verzeichnen auch Maxvorstadt und Schwabing-West (jeweils minus 19 und plus 28 Prozent) sowie Sendling-Westpark (minus 32 und plus 17 Prozent).

Zwar sind diese Wunsch-Standorte tatsächlich bloße Wünsche, wie die Amsa in ihrem Abschlussbericht extra betont, denn ein Anspruch besteht nur auf Kinderbetreuung in der Nähe des Wohnorts. Doch die Stadt ist offenbar durchaus bereit, auf solche Elternwünsche einzugehen und eine Art Schwerpunkt-Krippen und -Kindergärten zu ermöglichen. So lässt sich zumindest die Vorlage für den Bildungsausschuss interpretieren: In Gegenden mit vielen Arbeitsplätzen, wo die Anbindung mit Bus und Bahn gut und die Nachfrage nach Betreuung hoch ist, soll der Versorgungsgrad mit Kindergarten- und Krippenplätzen noch über die durchschnittlichen 100 respektive 60 Prozent angehoben werden.

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