München Wie Aubing seine Identität bewahrt

Das Aubinger Ensemble an der Ubostraße, das hier bei einem Rundgang der Denkmalpfleger begutachtet wird.

(Foto: Florian Peljak)
  • Der Dorfkern von Aubing behält seinen Denkmalschutz-Status genauso wie Ramersdorf, Englschalking und Feldmoching.
  • Aubings Dorfkern ist das größte von insgesamt 76 denkmalgeschützten Ensembles in der Stadt.
  • Der Ensembleschutz ist für die Stadt ein baurechtliches Instrumentarium, mit dem sie unangemessene Neubauten verhindern kann.
Von Ellen Draxel

Die Aubinger sind jetzt richtig stolz. Vor sechs Jahren sah es noch sehr danach aus, als würde der alte Dorfkern seinen Denkmalschutz-Status verlieren - als "ganz, ganz schwaches Ensemble" kennzeichnete der damalige Chef des Bayerischen Landesdenkmalrats, Bernd Sibler, damals den Ortskern.

Jetzt aber hat es der Wackelkandidat geschafft, ebenso wie Ramersdorf, Englschalking und Feldmoching, deren historische Zentren gleichfalls mit "dunkelgelber Karte" auf der Abschussliste standen. Thalkirchen und Untermenzing waren bereits 2012 von der Denkmalliste geflogen, die verbliebenen 18 Münchner Dorfkern-Ensembles jedoch sind nun wieder gesichert. Der Rat, Bayerns oberstes Fachgremium in Sachen Denkmalschutz, hat ihren Schutzstatus verlängert - bis zur nächsten Gesamtbetrachtung.

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"Der Warnschuss, von der Liste gestrichen zu werden, hat offensichtlich gefruchtet", konstatiert der derzeitige Vorsitzende des Landesdenkmalrats, Thomas Goppel (CSU). Die Sensibilität für den Erhalt der Münchner Dorfkern-Ensembles sei sowohl im öffentlichen Bewusstsein als auch der Politik gestiegen. Eine "erfreuliche Entwicklung", wie er findet: Sie spiegle sich im "starken Bemühen der Landeshauptstadt München um den Erhalt der historischen Elemente der Ensembles" wider, sodass baulicher Wildwuchs und weitere Verluste an historischer Bausubstanz vermieden werden können. Gleichzeitig merke man, "dass neu Zugezogene ihr Viertel so prägen wollen, wie sie sich das vorstellen".

Der Ensembleschutz, und das ist der Grund, warum die Untere Denkmalschutzbehörde im Planungsreferat ebenso wie Lokalpolitiker und engagierte Bürger so für dessen Erhalt gekämpft haben, ist für die Stadt ein bedeutsames baurechtliches Instrumentarium, mit dem sie unangemessene Neubauten verhindern kann. Denn stadtauf, stadtab bedroht moderne Investoren-Tätigkeit die historisch gewachsenen Ortsmitten.

Goppel lobt besonders den "Zündeffekt", der in Aubing entstanden ist. "Dort sind die Bürger in einer ungeheuren Weise mit Stadtteilspaziergängen, Workshops und Ausstellungen in Vorleistung gegangen." Positiv ist aus Goppels Sicht auch, dass die Planung des neuen Stadtteils Freiham, der direkt an Altaubing anschließt, die gewachsenen Strukturen berücksichtigen soll. Aubings Dorfkern ist das größte von insgesamt 76 denkmalgeschützten Ensembles in der Stadt - ein "Doppelstraßendorf", fast tausend Meter lang und etwa 300 Meter breit, dominiert von der Ubo- und Altostraße.

Klaus Bichlmayer und Werner Dilg vom Förderverein "1000 Jahre Urkunde Aubing" erinnern sich an die "Art Schocktherapie", die die Angst vor dem Verlust des Denkmalschutz-Status' bei ihnen auslöste. Sie und ihre Mitstreiter sind der beste Beweis dafür, dass die Menschen in den Stadtvierteln die härtesten Kritiker sein können - und die zähesten Kämpfer. "2011 haben wir erstmals eine Broschüre zum Thema ,Bauen in Aubing' herausgegeben." Mit Beispielen und Hinweisen, wie man Dächer, Fenster und Vorgärten unter Beachtung der Denkmalschutzauflagen schöner machen könnte.

Thujenhecken oder Metallzäune etwa sind den Denkmalschützern ein Dorn im Auge, Obstspaliere dagegen waren immer ein typisches Merkmal in Altaubing. "Mit dieser Broschüre wollten wir einerseits der Bevölkerung zeigen, dass Ensemble-Schutz nicht heißt, sämtliche Freiheiten beim Bau zu verlieren", erklärt Vereinsvorsitzender Bichlmayer.

"Andererseits sollte damit allen Verantwortlichen demonstriert werden, seht her, wir Aubinger sind aktiv." Die dicke Empfehlungsmappe machte bei der Stadt solchen Eindruck, dass die Verwaltung zwei weitere Auflagen drucken ließ. Inzwischen gilt sie als Musterbeispiel und wird bei Bauherrenberatungen herangezogen.

Zusätzlich organisierte das Vereins-Team in den vergangenen sechs Jahren aber auch Ausstellungen, Ortsrundgänge und Vorträge. Und führte viele Gespräche mit der Lokalbaukommission und dem Bezirksausschuss, um die Genehmigungsbehörde und die Lokalpolitiker für das Problem zu sensibilisieren. "Dort wissen sie jetzt, worauf sie achten müssen."

Der Derzbachhof in Forstenried.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dilg, früher bei der Regierung von Oberbayern für Stadtsanierungen zuständig, ging in die Grundschule an der Gotzmannstraße, um mit den Schülern alte Aubinger Bauernhäuser zu zeichnen. Er brachte zwei Kinderbücher über Altaubing heraus, die in der Schule heute als Lesestoff und Basis für den Heimatkunde-Unterricht dienen.

Das Landesamt für Denkmalpflege hat für Aubings Dorfkern mittlerweile, basierend auf einer vertieften städtebaulichen Untersuchung, ein Kommunales Denkmalkonzept (KDK) erarbeitet. Ein solches Konzept gibt es nur zwölf Mal in Bayern, es enthält neben positiven Kriterien auch eine Negativliste sowie To-Do-Empfehlungen an die Kommune.

Die Fachleute des Landesamts schlagen darin nicht nur eine Erweiterung des Schutzgebietes vor, sie bitten die Stadt überdies, sich ernsthaft mit einer Gestaltungssatzung zu beschäftigen. Um das Ensemble dauerhaft zu sichern, brauche es rechtliche Instrumente wie eine Bauleitplanung oder eben die Gestaltungssatzung, so Dilg und Bichlmayer. Voraussichtlich kommendes Frühjahr wird der Stadtrat entscheiden, ob Aubing Sanierungsgebiet werden und damit Fördergelder für den Städtebau erhalten soll.

Froh über die Entscheidung des Landesdenkmalrats ist man indes nicht nur im Westen. "Der Erhalt der Dorfkerne ist fundamental, um unsere Identität zu bewahren, um nicht gesichtslos und beliebig zu werden", sagt Angelika Pilz-Strasser (Grüne), Vorsitzende des Bogenhauser Bezirksausschusses. Die Ortsmitte von Englschalking liegt in ihrem Stadtbezirk, ebenso wie die von Daglfing, Oberföhring und Johanneskirchen. In den vergangenen Jahren hätten die Lokalpolitiker bei Baugenehmigungen "aufgepasst wie die Haftlmacher, damit ja keine falsche Entscheidung die Ensembles gefährden könnte". Und hätte der Rat jetzt nicht "so klug" entschieden, sagt die BA-Chefin, "wären wir garantiert wieder aktiv geworden".

In Feldmoching dagegen, sagt der Landtagsabgeordnete Joachim Unterländer (CSU), ging es seit 2012 "in erster Linie um eine Bewusstseinsbildung". Viele bauliche Änderungen rund um die Kirche und das landwirtschaftliche Anwesen längs der Feldmochinger Straße 373 - 396 habe es in jüngster Zeit nicht gegeben, der dörfliche Charakter aus der Zeit Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhundert sei noch erhalten. Die Kritik stamme aus der Zeit, als Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des Ensembles abgerissen und neu gebaut worden seien. Inzwischen habe man vieles wieder verbessert, aus Flachdächern wurden wieder Giebeldächer.

In Forstenried, ebenfalls unter Ensembleschutz, ist die erhöhte Sensibilität der Anwohner, Politiker und Immobilienentwickler wohl am augenfälligsten. Dort hat sich nach Jahrzehnten stillen Verfallens sogar ein Investor gefunden, der den Derzbachhof, Münchens ältesten Bauernhof, erhalten und als Wohnungsstandort revitalisieren will.

Zu den verbliebenen 18 Münchner Dorfkern-Ensembles gehören die ehemaligen Ortskerne von Allach, Aubing, Daglfing, Englschalking, die Feldmochinger Straße, Forstenried, Großhadern, Johanneskirchen, Langwied, Lochhausen, Moosach, Oberföhring, Obermenzing mit Schloss Blutenburg, Perlach, Pipping, Ramersdorf, Solln inklusive Bertelestraße sowie Untersendling.

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