München Stadtrat gibt Einwilligung für Projekt Bellevue di Monaco

Applaus, Applaus: Till Hofmann (links) und die Sportfreunde Stiller bei einer Aktion an der Müllerstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der Stadtrat hat beschlossen, das Grundstück an der Müllerstraße 2 bis 6 an die gemeinnützige Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco in Erbbaurecht auf 40 Jahre zu vergeben.
  • Dort sollen nun ein Begegnungszentrum und Wohnungen für Flüchtlinge enstehen.
  • Der lange Prozess war für Verwaltung und Stadtrat schmerzhaft. Er begann vor knapp drei Jahren mit einer Bloßstellung des Kommunalreferats.
Von Thomas Anlauf

Die frohe Botschaft kam in Form einer Rakete, auf die ein grünes Haus geschnallt war. "Hurraaahhh Bellevue kann starten", stand am Mittwochnachmittag plötzlich auf der Homepage des Integrationsprojekts "Bellevue di Monaco". Die Nachricht verbreitete sich rasant, und als am Abend um kurz nach acht Till Hofmann und Matthias Weinzierl im Wappensaal des Hofbräuhauses vor 150 Anhängern des Projekts auftreten, brandet Applaus auf. Am Mittag hatte der Stadtrat mit überwältigender Mehrheit in nichtöffentlicher Sitzung entschieden, dass aus den ehemaligen Abbruchhäusern der Müllerstraße 2 bis 6 ein Begegnungszentrum und Wohnungen für Flüchtlinge entstehen - mitten in der Münchner Altstadt.

Aktivisten stellten Kommunalreferat bloß

Es war ein langer und für die Verwaltung und Stadtrat zum Teil schmerzhafter Prozess. Denn die Geschichte begann mit einer Bloßstellung des Kommunalreferats. Anfang März 2013 tauchte im Internet ein Video auf, in dem als Gorillas maskierte Gestalten im Handumdrehen eine städtische Wohnung sanierten.

Hinter der Maskerade steckten der Kleinkunstbetreiber und Veranstalter Till Hofmann, Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt und Luise Kinseher, Regisseur Marcus H. Rosenmüller und die Münchner Band Sportfreunde Stiller. Die Aktivisten um Hofmann wollten die Stadt vorführen, indem sie eine leer stehende kommunale Bruchbude über Nacht bewohnbar machten.

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Eigentlich sollte das markante grüne Eckhaus samt den angrenzenden beiden Gebäuden abgerissen werden. Doch die spektakuläre Aktion rief den damaligen Oberbürgermeister Christian Ude auf den Plan: Er forderte sein Kommunalreferat auf, das Haus umgehend günstig zu sanieren und wieder bewohnbar zu machen.

Andere Gebäude sollten abgerissen werden

Doch die Sanierung galt zunächst nur für das Eckhaus mit der Adresse Müllerstraße 6, die beiden anderen Gebäude waren aus Sicht der Stadt einsturzgefährdet und nicht sanierbar. An ihrer Stelle sollte ein städtischer Wohnkomplex entstehen. Doch die Aktivisten gingen aufs Ganze. Sie ließen einen Statiker die alten Häuser untersuchen, der sie für erhaltenswert einstufte.

Einen Abend, bevor der Stadtrat den Abriss beschließen sollte, trommelte Hofmann noch einmal die Sportfreunde Stiller, Blumentopf, die Wellküren, Kabarettistin Martina Schwarzmann und den Münchner Schriftsteller Friedrich Ani zusammen, um künstlerisch für den Erhalt der Häuser zu kämpfen.

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Auch Kulturveranstaltungen und Diskussionsrunden geplant

Die Aktivisten, die ursprünglich als Satire-Gruppe "Goldgrund" auf Missstände auf dem Münchner Wohnungsmarkt aufmerksam machten, dachten trotzdem nicht ans Aufgeben. Im Juli 2014 präsentierte Lustspielhaus-Chef Hofmann mit den Jugendhilfeträgern Verein für Sozialarbeit, Condrobs, HPKJ, der Initiative für Münchner Mädchen (Imma), Intendant Matthias Lilienthal und den Betreibern des "Import Export" die Pläne für ein spektakuläres Projekt in den städtischen Häusern an der Müllerstraße: Bellevue di Monaco.

In einem Infocafé und Kulturräumen in der Müllerstraße 2 und 6 soll es Beratungs- und Hilfsangebote für Flüchtlinge geben. Der Cafébetrieb soll nach den Plänen gemeinsam mit Flüchtlingen organisiert werden. In den Häusern 4 und 6 werden demnach junge Menschen mit und ohne Fluchthintergrund wohnen und werden von der Jugendhilfe betreut, außerdem sollen sechs Wohnungen für Familien und Alleinerziehende mit Fluchthintergrund entstehen.

Auch Kulturveranstaltungen und Diskussionsrunden sind beim Projekt Bellevue di Monaco geplant. Vorbild für das Leuchtturmprojekt, wie es Till Hofmann nennt, sind das "Integrationshaus" in Wien und das "Grandhotel Cosmopolis" in Augsburg, wo aus einem ehemaligen Altenheim ein Haus für Flüchtlinge und Hotelgäste, für Kunst und Kultur wurde.

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Zunächst reagierte die Stadt skeptisch auf den Coup. Erst nach einem gemeinsamen Treffen der Stadtspitze, Sozialreferentin Brigitte Meier und Kommunalreferent Axel Markwardt sowie CSU-Fraktionschef Hans Podiuk und SPD-Stadträtin Beatrix Zurek mit Hofmann und Mehmet Scholl kam Bewegung in die Angelegenheit. Vor genau einem Jahr genehmigte der Stadtrat das Projekt Bellevue di Monaco - die Abrisspläne waren vom Tisch.

Am Mittwoch beschloss der Münchner Stadtrat nun, das Grundstück an der Müllerstraße 2 bis 6 an die gemeinnützige Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco in Erbbaurecht auf 40 Jahre zu vergeben. Zudem erhält Bellevue einen einmaligen Sanierungszuschuss in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Till Hofmann, der neben Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat und Angela Bauer vom Kinder- und Jugendhilfeträger HPKJ den Vorstand der Sozialgenossenschaft bildet, zeigte sich erleichtert. "Wir werden jetzt zackig loslegen", rief Hofmann am Abend den Mitstreitern im Hofbräuhaus zu. Bereits an diesem Freitag soll es ein Treffen mit Architekten geben, dann werden die drei Häuser in Etappen saniert und umgebaut. Spätestens im Frühjahr kommenden Jahres soll das Projekt voll in Betrieb sein. Statt Abriss heißt es nun Aufbruch.

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