Klimadialog in Unterschleißheim Doppelter Wohlstand ohne Reue

Tanken an der Zapfsäule oder an der Steckdose: Filmemacher Carl A. Fechner fährt seit vielen Jahren mit seinem Elektromobil. Und zwar mit "Genuss", wie er sagt. Er würde es nicht mehr gegen einen Spritschlucker tauschen.

(Foto: dpa)

Der Landkreis will Wachstum und Energiewende miteinander verbinden. Laut Filmemacher Carl A. Fechner ist das möglich - nur die Konzerne wollen es nicht.

Von Alexandra Vettori, Unterschleißheim

Ein Energie-Rebell ist der Landkreis München nun nicht gerade, die Klimavision aus Energiesparen und Umstieg auf erneuerbare Quellen, die er vor zehn Jahren beschlossen hat, ist gründlich gescheitert. Statt weniger wird immer mehr Energie verbraucht, und der Anteil der erneuerbaren Energieträger liegt laut Energieatlas Bayern bei gerade mal elf Prozent.

Doch aufgeben will man im Landkreis den Kampf um die Energiewende auch nicht, deshalb kommt nach der Vision jetzt die Kampagne, ihr Titel: "29++ Klima. Energie. Initiative". Noch vor dem offiziellen Start am kommenden Samstag hat das Landratsamt am Montagabend ausgewählte Gäste aus Politik und Wirtschaft in das Unterschleißheimer Capitol-Kino eingeladen. Dort wurde zum Einstimmen der Dokumentarfilm "Power To Change - Die Energie-Rebellion" gezeigt.

Fechners Botschaft: Die Bürger müssen kämpfen, weil die Konzerne nichts tun

Sparen war gestern

In der neuen Version seiner Energievision verabschiedet sich der Landkreis endgültig vom Ziel, den Verbrauch zu senken. Das Zauberwort heißt nun Dekarbonisierung: Mit externen Beratern, ansässigen Firmen und Bürgern soll der Abschied von Öl, Gas und Kohle vorangetrieben werden. Von Martin Mühlfenzl mehr ...

Auch Filmemacher Carl A. Fechner war da und unterhielt sich vor dem Film unter Moderation des BR-Journalisten Lorenz Storch mit Landrat Christoph Göbel (CSU) über das Thema Energiewende. Fechners Botschaft war klar: Weil sich Politik und Energiekonzerne gegen die Energiewende wehren, muss der Bürger selbst aktiv werden. "Deshalb der Titel Energie-Rebellion, die Menschen müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Energiewende nicht einfach passieren wird, sondern dass sie etwas dafür tun müssen und sogar dafür kämpfen müssen - leider", betonte Fechner.

Die Tragweite des Kampfes versteht, wer sich klar macht, dass die Energiekonzerne derzeit ihre Dominanz auf dem Energiemarkt schwinden sehen. Denn eine dezentrale, auf erneuerbare Energien beruhende Versorgung bedroht ihre Vormachtstellung. Wie sehr, auch davon erzählt der Film Power To Change. Danach kommen derzeit mehr als 40 Prozent der Investitionen in erneuerbare Energieformen aus Bürgerhand, nur sieben Prozent von den großen vier Energieversorgern in Deutschland. Was die Energie momentan so teuer mache, so der Film, ist die Tatsache, dass zwei Energiesysteme, das konventionelle und das regenerative, parallel betrieben werden.

Landrat Göbel denkt, dass die wenigsten ihr Leben einschränken wollen

Dass der Großteil der Menschen wirklich engagiert ist in Sachen Energiewende, davon war im Gespräch Landrat Göbel allerdings weniger überzeugt. "Abstrakt schon, aber wenn dann das Windrad vor der eigenen Haustür ist, eher nicht", sagte er. Göbels Plädoyer war daher, die Menschen mitzunehmen, "jeder Einzelne muss das machen, was er kann". Dabei sei nicht nur der Primärenergieverbrauch wichtig, sondern beispielsweise auch der Lebensmittelkauf. Allerdings, so Göbels Vermutung, "einschränken wollen sich die Menschen sehr wahrscheinlich nicht". Das trifft nicht nur auf den Einzelnen zu, wie die Ausführungen des Landrats zeigten. Der Landkreis sei ein boomender Wirtschaftsraum, so Göbel, "und wir wollen das Wachstum ja auch". Die Lösung liege im Ausbau der regenerativen Energien.

Filmemacher Fechner betonte, Energiewende habe nichts mit Askese oder Verzicht zu tun. Er selbst wohne in einem Passivhaus, fahre seit Jahren ein E-Auto - mit Genuss. "Wenn Sie da mal mit gefahren sind, wollen Sie kein anderes mehr", versicherte er. Seine Vision: neue Städte, neue Formen der Fortbewegung und "doppelter Wohlstand bei halbem Energiefaktor". Den Schaden dieser Energiewende hätten nur einige große Unternehmen, die dadurch Geschäftsanteile verlören. Dass die Politik zögere, die Weichen auf eine dezentrale Energieversorgung zu stellen, erklärte Fechner mit der Angst vor dem erwachenden Bürgerbewusstsein: "Wenn ich meine Energieversorgung in die Hand nehme, nehme ich vielleicht auch andere Dinge in die Hand. Ich werde kritischer, unbequemer und nicht so leicht manipulierbar."

Täglich scheint die Sonne

Der Landkreis ist auf der Suche nach einer neuen Energievision. Die Wende hin zu Erneuerbaren ist nötig: Bislang decken Solaranlagen, Wasserkraft, Biomasse- und Erdwärmekraftwerke nur zwölf Prozent des Stromverbrauchs. Von Markus Mayr mehr ...

Auftakt der Energiekampagne des Landkreises ist am Samstag, 12. März, von 10 bis 15 Uhr im Bürgerhaus Haar, Kirchenplatz 1. Dann sind alle interessierten Bürger, Unternehmen und Institutionen eingeladen, um sich über die geplanten Aktionen zu informieren und eigene Ideen einzubringen. Im zweiten Schritt gibt es von April bis Juni eine Reihe von Workshops an verschiedenen Orten, Themen sind unter anderem Mobilität, Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Landkreis, Mobilisierung für energetische Sanierung. Die dabei entwickelten Ideen sollen die Grundlage für einen Maßnahmenplan bilden, den der Kreistag beschließt. Außerdem geplant sind ein Jugendkongress in der Technischen Universität in Garching am 22. und 23. April sowie Ende Mai/Anfang Juni ein Kongress für die lokale Wirtschaft. Informationen unter www.landkreis-muenchen.de/umwelt-natur-bauen-wohnen/energie-und-klimaschutz