Flüchtlinge in Riemerling Mit dem Arbeitsvertrag kam die Ausweisung

  • Wegen des Kriegs in der Ostukraine kam Familie Arrian nach München. Die Familie hatte gute Aussichten auf Arbeit, jedoch wurde der Asylantrag abgelehnt.
  • Die Perspektive war nie gut: Weniger als zwei Prozent aller ukrainischen Flüchtlinge durften 2016 bleiben.
  • "Keine Gefahr für Leib und Leben" sah das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, während in der Ukraine noch gekämpft wird. Familie Arrian hat nun gegen den Bescheid geklagt.
Von Christina Hertel

Riemerling ist für Familie Arrian die Endstation. Neben einem Asia-Restaurant am Rand eines Gewerbegebiets lebten Vater, Mutter und zwei Söhne fast zwei Jahre. Nun geht es nicht mehr weiter. Sie sollen zurück in die Ukraine.

Frühling 2014, Luhansk in der Ostukraine: Shahid Arrian hört, wie Schüsse fallen und sieht, wie Freunde getötet werden. Er will nicht kämpfen, er hat einfach nur Angst - um seine Frau und seine beiden Söhne, inzwischen 18 und 13 Jahre alt. Familie Arrian flieht Richtung Westen. Nach 800 Kilometern und 13 Stunden Fahrt kommt sie in Kiew an. Hier schießt niemand, und trotzdem spüren alle: Bleiben können sie nicht. Sie finden keine Wohnung, schlafen zu viert im Auto.

Arbeit gibt ihnen niemand. Weil immer sofort klar ist, woher sie kommen: aus der Ostukraine, wegen der es diesen Krieg gibt. Man hört es - die Familie spricht nur russisch. "Geh doch nach Russland, haben sie gesagt. Unsere Soldaten kämpfen, sterben wegen euch." Shahid Arrian schreit das fast. Er sitzt neben seiner Frau in dem kleinen Zimmer in Riemerling. Stockbett, Tisch, Stühle. Der Fernseher läuft, ein altes Ding, das man wahrscheinlich gar nicht mehr kaufen kann. Die Nachrichten des Bayerischen Rundfunks, stummgeschaltet.

Ursprünglich kam die Familie mit einem Visum nach Deutschland. Er ist Arzt, sie Krankenschwester. Nach einem Monat lief es aus. Um es zu verlängern, hätten sie zurück in die Ukraine gemusst. Aber wohin hätten sie dort gehen sollen? Das Geld reichte nicht, um erst auszureisen und dann wiederzukommen. Schließlich beantragten sie Asyl.

Doch die Chance, bleiben zu dürfen, war nie besonders groß. 2016 lag die Schutzquote für ukrainische Flüchtlinge laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gerade einmal bei 1,5 Prozent, 2014 bei 5,5 Prozent. In der Öffentlichkeit wurden die Geschichten hinter diesen Zahlen kaum wahr genommen. Denn bei den vielen Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan wirken sie fast wie Einzelfälle: Zwischen 2014 und 2016 stellten gerade einmal 9800 Menschen aus der Ukraine einen Asylantrag. Zum Vergleich: Allein 2016 beantragten 260 000 Syrer Asyl.

Familie Arrian wohnt in Riemerling in einer Doppelhaushälfte mit Holzzaun außen herum. Hier wohnen noch Afrikaner, Syrer. Vor den Türen stehen ausgetretene Turnschuhe. Die beiden Söhne Tymur und Ruslan teilen sich ein Zimmer, die Eltern das daneben. Auf dem Schrank stehen Cornflakes und Dosen voll mit Tee. An einer Kleiderstange hängen Jacken, darüber liegen Koffer. Gestapelt wie Tetris, jeder Winkel ist ausgenützt. Es ist kein Zuhause. Aber weil es nun wieder zurückgehen soll, fühlt sich die Familie auch ein bisschen betrogen.

"Wir haben zwei Jahre nur Deutsch gelernt", sagt Shahid Arrian. Sein jüngster Sohn Ruslan geht zur Schule, der Große Tymur nahm eigentlich an einem Vorbereitungskurs für einen Ausbildungsplatz teil. Doch den Kurs brach er jetzt ab, tauchte einfach nicht mehr dort auf. Weil er ja eh zurück muss. Weil ja eh alles keinen Sinn hat. Denkt er - vielleicht. Aber tatsächlich sagt Tymur Arrian das so nicht. Er spricht gar nicht, starrt nur vor sich hin. "Er glaubt, er hat seine Zeit hier verschwendet", sagt der Vater.

Er hat Angst, dass sich Tymur auf eigene Faust auf den Weg zurück macht. Dass er doch in der Ostukraine kämpfen könnte wie seine Freunde in diesem Krieg, den der Vater nicht versteht. "Das war doch ein gutes Leben, früher", sagt er. Und jetzt ist alles kaputt. Shahid Arrian zeigt Fotos von zerstörten Häusern in seiner Nachbarschaft. Wohntürme, mehr als zehn Stockwerke hoch, mit Löchern, eingeschlagenen Scheiben, schwarzen Wänden.

Die Flüchtlinge leben im Konjunktiv

Dass sie nicht in Deutschland bleiben dürfen, erfuhr die Familie Ende Januar. Fast gleichzeitig bekam die Mutter Olena noch einen zweiten Brief: ihren Arbeitsvertrag von einem Krankenhaus in der Nähe. Sie war schon einmal dort, zum Probearbeiten. "Die Kollegen waren nett", sagt sie. Alles habe gepasst. Shahid Arrian, er ist Chirurg, machte auch ein Praktikum. Er glaubt, dass es geklappt hätte mit einem Job. Doch das Ganze bleibt im Konjunktiv. Es drohe ihnen "keine Gefahr für Leib und Leben", heißt es in dem Bescheid. Die Familie hat nun dagegen klagt.

Shahid Arrian versteht es nicht. "Die Regierung hat so viel Geld ausgegeben für uns." Für Sprachkurse, für die Unterkunft, für ihr Leben in Riemerling. "Wir hätten es doch jetzt zurückgeben können. Wir hätten gearbeitet und Steuern gezahlt." Shahid Arrian sieht müde aus. "Deutschland braucht doch Ärzte und Krankenschwestern." Ein Satz, den er immer wieder sagt.

Wie es weitergeht? Die Familie weiß es nicht. Zurück nach Luhansk? "Die Panzer fahren noch. Es gibt keinen Waffenstillstand", sagt Shahid Arrian. Einmal, vor zwei Jahren, hörte er, wie eine Bombe fiel. "Ich dachte, wir müssen alle sterben." Er will dort nicht mehr hin. Also zurück nach Kiew? "Wie könnten wir dort leben?", fragt Olena Arrian zurück. Sie würden immer jemanden treffen, der seinen Sohn, Mann, Nachbarn, Freund in diesem Krieg verloren hat. "Ihr sollt auch dort sterben, sagen sie dann."