Landgericht München Kampf um späte Gerechtigkeit

Pullach: BND, Bundesnachrichtendienst Foto: Claus Schunk

(Foto: Claus Schunk)
  • Unter Zwang soll Margarethe Pauckner Mitte der 1930er Jahre ihr Grundstück an den Hitler-Vertrauten Martin Bormann verkauft haben.
  • Heute steht auf dem Gelände in Pullach bei München die Zentrale des BND.
  • Karl Nikolaus Köhler zeiht nun vor das Münchner Landgericht. Er will erreichen, dass für einen kleinen Teil des Grundes die Pauckner-Erben ins Grundbuch eingetragen werden.
Von Katja Riedel

Lange hatte Karl Nikolaus Köhler Bedenken. Sollte er das wirklich tun? So tief in der Vergangenheit seines Ortes graben und das auch noch öffentlich machen? Inzwischen ist sich der ehemalige Hotelier aus Pullach sicher: "Hätte ich einen Rückzieher gemacht, wäre es ein Fehler gewesen". Die Pullacher, die ihn auf der Straße treffen, sagen ihm, dass er bloß weitermachen solle, weiter unangenehme Fragen stellen zu Pullachs Vergangenheit, in der erst die Nazis kamen und dann der deutsche Auslandsgeheimdienst.

Er freut sich über den Zuspruch, hatte er doch Widerstände, ja Beschimpfungen befürchtet. Doch er sagt auch: "Ich möchte nicht den Robin Hood spielen. Ich bin halt der, der's gerade macht, jeder andere in meiner Situation würde es wohl auch tun."

Nur für den Dienstgebrauch

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Und so zieht Karl Nikolaus Köhler vor das Münchner Landgericht, um klären zu lassen, was an der Pullacher Heilmannstraße während der Nazizeit und danach passiert ist. Er hat vor wenigen Wochen Zivilklage eingereicht: Köhler gegen die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Es geht um Land, auf dem sich die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) befindet und als dessen rechtmäßigen Erben er sich sieht. Etwa sieben Fußballfelder groß ist das Gelände, das seine Großtante Margarethe Pauckner Mitte der 1930er Jahre an Martin Bormann verkauft hat, einen Vertrauten Adolf Hitlers.

Für einen kleinen Teil des Geländes, etwa 0,2 Hektar, haben Köhler und seine Anwälte beantragt, dass nicht mehr die Bima, sondern Pauckner-Erbe Köhler im Grundbuch stehen soll. Tatsächlich sei das Eigentum nie auf Freistaat, Bund und zuletzt Bima übergegangen, Bau und Betrieb der BND-Zentrale seien eine "rechtswidrige Nutzung fremden Eigentums", argumentieren sie. Vorläufiger Streitwert für das Teilgrundstück, an dem sich auch die Gerichtskosten bemessen: etwa drei Millionen Euro.

Karl Nikolas Köhler geht es nicht um Geld

Sollte Köhler sich durchsetzen, ließe sich die Klage auf die gesamte Fläche von mehr als sieben Hektar aus ehemals Paucknerschem Besitz erweitern. Doch ihm, so sagt Köhler, gehe es nicht ums Geld. Ihm gehe es darum, die Geschichte aufzuarbeiten und mit den Behörden so viele Jahrzehnte später eine Lösung zu finden, die dem, was den früheren Eigentümern auch nach dem Krieg an Zurückweisungen widerfahren ist, gerecht werden solle. "Mir geht es nicht um Millionen, schon gar nicht um Milliarden, wie es immer wieder herumgeistert", sagt er. Köhler ist durchaus wohlhabend, als Erbe der früher einflussreichen Bauernfamilie Seitner, der viel Grund in Pullach gehörte.

Margarethe Pauckner, so zeigen es zahlreiche Schriftstücke, hat nach dem Krieg gegenüber bundesdeutschen und bayerischen Behörden immer wieder klargemacht, dass sie ihren Grund unter Wert und unter Zwang verkauft habe, um einer Enteignung und Repressionen zu entgehen. Doch immer wieder wurde ihr Gesuch, ihre Grundstücke wiederzubekommen, abschlägig beschieden. Teilweise, so bemängeln es die Anwälte ihres Erben und legen es Dokumente nahe, hätten die Behörden Pauckner sogar in die Irre geleitet. Irgendwann gab Pauckner auf. Ihre Wiesen, auf denen Bormann Ende der Dreißigerjahre die NS-Mustersiedlung hatte bauen lassen, gehörten längst zu einem anderen, für die neue Zeit überaus bedeutsamen Areal: Sie wurden Teil der BND-Zentrale und verschwanden hinter Stacheldraht und hohen, grauen Mauern.