Kammerspiele "Wir glauben, dass sich alles wieder einrenkt"

"Trommeln in der Nacht" (Regie: Christopher Rüping) ist eine der zwei Kammerspiele-Inszenierungen, die zum renommierten Theatertreffen eingeladen sind.

(Foto: Julian Baumann)
  • Die Auslastung der Münchner Kammerspiele lag in der vergangenen Saison 2016/2017 bei 63 Prozent.
  • Nach Angaben von Intendant Matthias Lilienthal zieht das Haus weniger klassisches Abopublikum an, sondern Menschen, die spontan Karten kaufen wollen.
  • Das Haus freut sich über zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen.
Von Christiane Lutz

Matthias Lilienthal freut sich in diesen Tagen in erster Linie. Das kann der Intendant auch, denn die Münchner Kammerspiele sind gerade mit zwei Produktionen zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Jenes Branchentreffen, zu dem jährlich die zehn Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum geladen werden, die eine Fach-Jury für besonders bemerkenswert befindet.

Die Kammerspiele sind mit Christopher Rüpings "Trommeln in der Nacht" sowie mit "Mittelreich" von Regisseurin Anta Helena Recke dabei. Recke kopiert darin eine Inszenierung von Anna-Sophie Mahler aus dem Jahr 2015 in jedem Detail - nur mit einem komplett schwarzen Ensemble.

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Zwei von zehn Einladungen - das ist eine Auszeichnung für Lilienthal, vor allem natürlich für die beiden jungen Regisseure. Es ist aber auch ein wichtiger Beleg dafür, dass die Arbeit der Kammerspiele, seit Lilienthals Übernahme nicht unumstritten, wertgeschätzt wird.

Trotzdem sieht der Intendantenalltag vor, dass sich der Chef eines städtischen Theaters einmal im halben Jahr vor dem Kulturausschuss erklären muss. Stadtrat und ehemaliger Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) wünscht sich eine Rechtfertigung des Intendanten bezüglich Auslastungs- und Abozahlen. Die Auslastung lag laut Kammerspiele in der vergangenen Saison 2016/2017 bei 63 Prozent. In der vorausgegangenen Saison, also 2015/2016, lag sie bei 73 Prozent. Die verkauften Abos gingen von 4661 auf 3808 zurück. Die Gesamtbesucherzahl lag 2016/2017 bei 142 000, ein Rückgang von rund 10 000.

Matthias Lilienthal sagt, er bedaure den Rückgang der Abos, verweist aber darauf, dass rund zwei Drittel des Verlustes an der Abendkasse kompensiert würden. Übersetzt: Die Kammerspiele ziehen weniger klassisches Abopublikum an, sondern Menschen, die spontan Karten kaufen wollen. In der aktuellen Spielzeit hätte er aber bewusst ein paar Klassiker ins Programm genommen (Brecht, Feuchtwanger, Strindberg), um jene anzusprechen, die mit dem Theater zur Zeit fremdeln.

Das Publikum ist gut durchmischt

Die 63 Prozent Auslastung beziehen sich auf die gesamte Zahl von 657 Veranstaltungen. Davon waren 336 Repertoirevorstellungen. 321 Termine setzen sich aus Gesprächsreihen und Konzerten zusammen, die genauso zu Lilienthals Theaterverständnis gehören, wie eine Shakespeare-Inszenierung. "Wir glauben, dass sich alles wieder einrenkt", sagt Lilienthal.

In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung spricht Lilienthal von einem "starken strukturellen Wandel", der gerade in den Kammerspielen stattfände. "Ich finde, es gelingt uns, junges Publikum ans Haus zu binden und das Theater somit für die Zukunft zu öffnen." Wer am Theater unterwegs ist, sieht, dass er recht hat: Das Publikum ist durchmischt, es sind junge Menschen da, ältere, auch Menschen mit Migrationshintergrund, die Lilienthal mit seinem Programm auch ansprechen möchte. "Aber klar wünsch auch ich mir eine Auslastung von hundert Prozent", sagt er.

Sein Vertrag läuft bis 2020. Über eine eventuelle Verlängerung will am Donnerstag niemand reden. Lilienthal sagt: "Ich mache mir da noch keine Gedanken drum. Aber ich empfinde ein großes Verantwortungsgefühl für meine Mitarbeiter. Und wir müssen uns fragen: Was können wir als künstlerisches Team den Kammerspielen geben? Und was können die Kammerspiele uns geben?"

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