Homophobie im Glockenbachviertel "Wir dachten, wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen"

Ein Viertel im Wandel: Am Mittwoch haben mehrere hundert Menschen in der Müllerstraße gegen homophobe Gewalt demonstriert.

(Foto: Florian Peljak)
Von Thomas Schmidt

Behutsam schwärzt Schwester Margot ihren Vollbart. Weiße Theaterschminke glitzert in ihrem Gesicht. Würde ihr jetzt eine Träne über die Wange rinnen, geriete das Kunstwerk ins Rutschen. "Als ich 18 war und mich gerade geoutet hatte", erzählt die Schwester, "da sagte meine Mutter zu mir: Deinen Strickpulli wäscht du gefälligst selbst, ich will kein HIV bekommen." Keine Träne ruiniert ihr Gesicht, wenn sie das erzählt. Sie kennt das ja, die Vorurteile, die Ausgrenzung. Ein Leben lang. Es wird nicht besser. Nein, es wird schlimmer.

Nur ein paar Tage ist es her, am vergangenen Wochenende: Gregor P. feiert seinen 30. Geburtstag im Glockenbachviertel. Samstagnacht, so gegen eins, begegnen er und seine zwei Freunde zufällig einem jungen Trio, das sich diese schöne Nacht für Krawall ausgesucht hat. Erst pöbeln sie beim schwulen Kulturzentrum, hämmern gegen die Fensterscheiben, reißen eine Regenbogenfahne herunter. Wenig später laufen sie Gregor P. über den Weg. Sie spucken, beschimpfen ihn als Schwuchtel - oder so ähnlich, ganz genau weiß er das nicht mehr. Statt den Kopf ängstlich einzuziehen, öffnet er den Mund: "Ja, ich bin schwul. Und? Hast du ein Problem damit?" Hat er. Einer der Männer schlägt zu. Einfach so.

"Bedrohungen und Beschimpfungen gehören zum Alltag"

Die schwul-lesbische Szene sieht den Angriff auf einen 30-Jährigen als Warnsignal. Und beklagt zunehmende Homophobie im Glockenbachviertel. Von Thomas Schmidt mehr ...

Der Schlag entfesselt eine Welle der Zuneigung. Anders als viele andere Opfer entschließt sich Gregor P., öffentlich zu machen, was ihm widerfahren ist. Zeitungen, Magazine und Fernsehsender berichten über ihn und seine schweren Verletzungen, Artikel werden tausendfach im Internet geteilt, Hunderte Menschen schreiben P., nehmen Anteil, geben ihm Kraft. Homophobie in München? Ausgerechnet im Glockenbachviertel? Längst überwunden, glaubten viele. Mit einem Schlag ist der Hass wieder Thema.

Tage später, es ist Mittwoch, der "Internationale Tag gegen Homo-, Inter- und Transphobie". Jedes Jahr zieht die Community zu diesem Anlass durch die Müllerstraße, um daran zu erinnern, dass die alltägliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben eben längst nicht verschwunden ist aus der Stadt. Aber heuer ist es anders. Trauriger. Und wütender. Auch Schwester Margot marschiert mit. Und deshalb verwandelt sie sich von einem Mann zwischen 30 und 40 in eine alterslose, strahlende Kunstfigur. Streng genommen ist sie noch gar keine vollwertige "Schwester der Perpetuellen Indulgenz", einer weltweiten Gruppe queerer Aktivisten. Margot Lovescock ist Aspirantin, Schwester in Ausbildung bei der "Abtei Bavaria zur Glückseligkeit des Südens". Ihr gegenüber pinselt sich Schwester Theresia ein Wölkchen mit Regenbogen auf die Wange.

Man muss das kurz erklären: Diesen Zungenbrecher, den sich die Schwestern als Name ausgesucht haben, perpetuelle Indulgenz, kann man übersetzen mit "immerwährender Ablass". Als Schwuler, erklärt Schwester Theresia, "wächst du mit der Prämisse auf: Was du bist, ist nicht okay. Es ist ein ständiger Kampf ums Selbstbewusstsein, ein ständiges Verwirrtsein." Und für viele lebenslang ein Verstecken. Vielleicht ist die schwule Szene auch deswegen so bunt: Wer sich jahrelang nur versteckt hat, will sich irgendwann zeigen, in ganzer Pracht. Selbst wenn er Gefahr läuft, dafür verprügelt zu werden.

Beleidigungen sind an der Tagesordnung

Die Gefahr wächst offenbar. "Beleidigungen sind inzwischen an der Tagesordnung", sagt Schwester Theresia. Es scheint so, als erzähle jeder im Glockenbachviertel die gleiche Geschichte. Als "Tunte" oder "Schwuchtel" tituliert zu werden, ist noch die harmlose Variante. "Ihr gehört alle vergast", spie irgendein Kerl Theresia mal an. "Du versuchst, es zu überhören", sagt Margot. "Aber es tut immer weh. Immer."

Es war, wie so oft im Leben, ein schleichender Prozess. Nachdem Margot ihre Mutter und die Strickpullis hinter sich gelassen hatte, fing sie vor elf Jahren als Bedienung im Ochsengarten an, ein Fetisch-Laden für Uniform- und Gummi-Kerle. "Damals hast du noch Männer auf der Müllerstraße gesehen, die andere Männer an der Leine geführt haben", erinnert sich Margot und zwängt sich in eine Strumpfhose. Doch mit den Jahren schloss ein schwuler Laden nach dem anderen. Die Schwestern zählen gemeinsam auf: "Teddy Bar, Spyke, Eagle, Pop-as, Selig, Inges Karotte, jetzt der Bau." Alle dicht. Den Schwulen gingen ihre Läden abhanden. Gleichzeitig, als die Klubs des Kunstpark Ost einer nach dem anderen verschwanden, verlagerte sich ein Teil des Partygetümmels ins Glockenbach. Mehr und mehr heterosexuelle junge Männer pilgern seither ins einstige Schwulenviertel. Wo Freddie Mercury früher im Pimpernel Mund-zu-Mund-Beatmung zelebrierte, baggern jetzt "Heten".

"Ein ständiger Kampf ums Selbstbewusstsein": Olga, Theresia und Margot (von links) nennen sich Schwestern der Perpetuellen Indulgenz.

(Foto: Florian Peljak)

Durchmischung ist gut, das finden viele Schwule und Lesben. "Ich finde es blöd zu sagen: Das ist unser Viertel. Die sollen mitfeiern!", meint Martin Jautz von der Aids-Hilfe. "Aber nicht rumpöbeln." Eine Gemeinschaft werde nicht lebendig, indem man ihr einen Stadtteil zuweise. Doch auch er berichtet davon, dass die Beschimpfungen, die Schmähungen spürbar zugenommen hätten. Meistens bleibt es bei verbalen Angriffen. Aber nicht immer. Auch das kann ein schleichender Prozess sein. Einer, bei dem Hemmungen fallen.