Dieter Reiter im Singspiel Alles, nur kein Lückenfüller

"Der goldige Reiter": Münchens OB kam zum ersten Mal im Singspiel auf dem Nockherberg vor - und spielte gleich eine tragende Rolle.

(Foto: dpa)
  • Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hat beim Singspiel auf dem Nockherberg eine tragende Rolle.
  • Gerhard Wittmann spielt Reiter als selbstbewussten, aber nüchternen Politiker.
  • Reiters CSU-Kontrahent Josef Schmid wird mit keinem Wort im Singspiel erwähnt.
Von Thierry Backes

Wofür steht dieser Dieter Reiter eigentlich? Was zeichnet ihn aus? Und was bleibt von den exakt 300 Tagen, die er München nun als Oberbürgermeister regiert? Es geht auf dem Nockherberg immer auch darum, Politiker auf markante Eigenschaften zu reduzieren. Nur: Was tut man mit einem, der sich als hart arbeitender, biederer Verwaltungsfachmann geriert?

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Für Singspiel-Autor Thomas Lienenlüke und Regisseur Marcus H. Rosenmüller wäre es ein Leichtes gewesen, Dieter Reiter in einer Nebenrolle zu besetzen. So hat es der OB selbst erwartet nach so kurzer Zeit im Amt. Doch Lienenlüke und Rosenmüller entschieden sich dafür, der Figur eine tragende Rolle zu geben - als Funker in Horst Seehofers Raumschiff. Denn: "Als bayerischer Sozialdemokrat bin ich in der Lage, auch das kleinste Fünkchen Hoffnung zu entdecken", sagt Gerhard Wittmann als Reiter-Double.

Der "goldige Reiter" ist die ganze Zeit auf der Bühne

Ohne Häme geht's natürlich nicht, doch es fällt auf, dass Reiter neben Seehofer (Christoph Zrenner), Markus Söder (Stephan Zinner) und Alexander Dobrindt (Stefan Murr) die ganze Zeit über auf der Bühne steht. Anders etwa als Bundespolitiker wie Ursula von der Leyen oder Gregor Gysi, die nach einem kurzen Auftritt schon wieder im All verschwinden. Wittmann hat gleich zu Beginn einen Soloauftritt, er greift wie Reiter in seiner Freizeit selbst zur Gitarre und besingt den "goldigen Reiter" (frei nach Joachim Witts "Goldener Reiter": "Hey, hey, hey! Ich bin der goldige Reiter/ Ich bin der Chef dieser Stadt!"). Es ist das Lied, das beim Publikum für die meisten Lacher sorgt.

Wittmann interpretiert Reiter als selbstbewussten, aber nüchternen und lernwilligen Politiker, mit zurückgezogenen Schultern und angewinkelten, eng angelegten Armen. Das erinnert aus der Ferne ein wenig an die berühmte Merkelraute, trifft es aber ziemlich gut. "Unglaublich gut sogar", sagt Reiter nach der Vorstellung, "die Gestik, die Mimik - frappierend ähnlich". In der Tat fällt es schwer, zu glauben, dass Wittmann die Rolle nur anhand von Videoschnipseln und in kurzer Zeit einstudiert haben soll.

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Doch zurück zu der Frage, was von den 300 Tagen Dieter Reiter bleibt. Da ist etwa die Sache mit den Flüchtlingen, die er "gut gemacht" habe, wie Mama Bavaria ihm schon in ihrer Fastenpredigt beschied. Reiter hatte die überfüllte Flüchtlingsunterkunft in der Bayernkaserne im Oktober schließen lassen. "Da wurdest du berühmt, zu Recht und zwar in einer der eisigsten Nächte der bayerischen Flüchtlingspolitik." Da ist auch die Sache mit dem Konzertsaal, die Wittmann im Singspiel genial aufgreift, als seine Gitarre zu Bruch geht. Sie sei eine echte "Gasteiger", sagt er, die könne man reparieren, sie habe eine Super-Akustik.

Josef Schmid spielt keine Rolle

Wer genau hinschaut, der entdeckt noch mehr Reiter in dem Singspiel. Oder zumindest den Wunsch eines jeden Münchner Oberbürgermeisters, auch über die Grenzen der Landeshauptstadt Gehör zu finden. Doch er wird von Seehofer abgebügelt, als er fordert: "Ich würde auf jeden Fall vorschlagen, dass ich als Experte für Münchner Asylpolitik ab sofort die Verhandlungen führe ..." Reiter rächt sich, indem er Seehofer mit einem Schlegel k. o. schlägt - und einem Spruch, den er bei seinem ersten Wiesn-Anstich gesagt haben soll: "Scheiß drauf! Wurscht! O'zapft ist!"

Münchens neuer OB Dieter Reiter (l.) stößt mit seinem Double Gerhard Wittmann an.

(Foto: Robert Haas)

Es ist ein Satz, der Geschichte schreiben könnte auf dem Nockherberg. Etwa so wie die Begrüßung, die Uli Bauer als Double des früheren OB Christian Ude immer und immer wieder in feinstem Münchnerisch aussprechen durfte - und die Lienenlüke und Rosenmüller im Jahr eins nach der Ära Ude charmant aufgegriffen haben. Als es Zeit wird zu schlafen im All, darf Wittmann ins Publikum rufen: "Gute Nacht, liebe Münchnerinnen und Münchner!"

Das dürfte Dieter Reiter gefallen haben. Nach dem Singspiel wandelt er jedenfalls strahlend durch den Raum. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass sein Kontrahent im Münchner Rathaus, der Zweite Bürgermeister Josef Schmid (CSU), mit keiner einzigen Silbe auf dem Nockherberg 2015 erwähnt worden ist.