Sport in Konzentrationslagern Fußball im Angesicht des Todes

Auch im KZ Dachau wurde Sport getrieben und Fußball gespielt. Ziel war unter anderem, das Lagerleben zu verharmlosen.

(Foto: SZ Photo)
  • In vielen Konzentrationslagern wurde während des Nationalsozialismus Fußball gespielt.
  • Die Nazis wollten den Sport für Propagandazwecke nutzen, aber damit auch Unruhen unterdrücken.
  • Die Initiative "Nie wieder!" bietet neuerdings Rundgänge zu diesem Thema in der Dachauer Gedenkstätte an.
Von Felix Wendler, Dachau

Professionell sieht es aus, wie die Mannschaften einlaufen. Sie tragen Trikots, knielange Hosen und Stutzen. Die Mannschaftskapitäne begrüßen am Anstoßpunkt den Schiedsrichter. Der Platz ist etwas kürzer als ein normales Fußballfeld, der Boden etwas härter, die Tore etwas kleiner. Die Zuschauer jedoch jubeln ihren Teams zu, wie in jedem gewöhnlichen Fußballstadion. Auf dem Spielfeld herrscht der gleiche Ehrgeiz: Zweikämpfe, Kopfballduelle, Flankenläufe und Torschüsse werden mit großem Elan vorgetragen.

Diese Szenen stammen aus dem Propagandafilm "Theresienstadt. Ein Bericht aus dem jüdischen Siedlungsgebiet", der das Alltagsleben im sogenannten Musterghetto verklärt. Mehr als drei Minuten widmet der 1944 gedrehte Film den fußballspielenden Häftlingen.

Was Fußball im KZ bezwecken sollte

František Steiner hat ein wenig beachtetes Thema der NS-Zeit recherchiert - die Fußballspiele im KZ Theresienstadt und das zynische SS-Kalkül dahinter. Rezension von Thomas Urban mehr ...

Fußball und Konzentrationslager. Zwei Dinge, die nicht wirklich zueinander zu passen scheinen und erst seit einigen Jahren gemeinsam betrachtet werden. Vor allem über das Erinnern an die vielen Fußballer, die in den Konzentrationslagern inhaftiert und teilweise ermordet wurden, hat man sich diesem Thema genähert. Trotzdem kennen auch heute nur wenige Menschen die Schicksale von Alfred Strauß, Max Moritz Klar und Anton Reitlinger. Alle drei waren Mitglieder des FC Bayern München und starben im KZ Dachau.

Es ist zynisch, dass Freude und Leidenschaft unmittelbar neben dem alltäglichen Grauen stattfanden

Von 16 in Dachau inhaftierten Mitgliedern, darunter der Vereinspräsident Kurt Landauer, weiß man heute, so erzählt Klaus Schultz bei einem Themenrundgang in der Gedenkstätte. Fast alle davon wurden im Zuge der Novemberpogrome verhaftet. Seit einigen Jahren recherchiert der Diakon der evangelischen Versöhnungskirche zu diesem Thema. Dabei stieß er in den Archiven auf Belege, dass auch im KZ Dachau Fußball gespielt wurde. So existieren bereits aus dem Jahr 1933, also direkt nach Errichtung des Lagers, Aufnahmen, die fußballspielende Häftlinge zeigen.

Es mutet zynisch an, dass Freude und Leidenschaft des Sports unmittelbar neben dem alltäglichen Grauen stattfanden. Ferdinand Hackl, Spanienkämpfer und Kommunist, war seit Juni 1941 im KZ Dachau inhaftiert. In seiner Biografie berichtet er: "Auf dem Appellplatz, wo Häftlinge täglich schikaniert und sehr oft auch zu Tode gequält wurden (...), durfte jetzt an freien Sonntagen Fußball gespielt werden." Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Intention, Häftlinge in den Konzentrationslagern Fußball spielen zu lassen, verändert. Zielte die SS in den Jahren davor hauptsächlich darauf ab, mit dem Fußball das Lagerleben zu verharmlosen, stand von 1942 an die Hebung der Arbeitsmoral im Vordergrund.

Für die Häftlinge selbst machte das jedoch wenig Unterschied. Auch deshalb sind die Szenen im Propagandafilm falsch und echt zugleich. So trügt die perfide Inszenierung der glücklichen Gesichter in Theresienstadt, auf welche die Kamera im Film zoomt. Viele der Spieler und Zuschauer aus dem Film wurden später nach Auschwitz deportiert, wo sie ihr Leben ließen.