KZ Theresienstadt Was Fußball im KZ bezwecken sollte

Ein Zugang zum Konzentrationslager Theresienstadt nahe Prag. Über dem Torbogen prangt der zynische Schriftzug "Arbeit macht frei".

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František Steiner hat ein wenig beachtetes Thema der NS-Zeit recherchiert - die Fußballspiele im KZ Theresienstadt und das zynische SS-Kalkül dahinter.

Rezension von Thomas Urban

Das Spiel war dynamisch, die Akteure kämpften aufopferungsvoll, es fielen Tore, allen machte es große Freude. Nicht nur den 22 Akteuren auf dem Platz, sondern auch mehreren Tausend Zuschauern.

Ein paar Szenen von jenem Fußballspiel sind auf Zelluloid verewigt, in dem Dokumentarfilm "Theresienstadt. Bericht aus dem jüdischen Siedlungsgebiet", der unter der nicht offiziellen Bezeichnung "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" bekannt wurde. Der Film war NS-Propaganda, er sollte der Weltöffentlichkeit, vor allem dem Roten Kreuz, eine Idylle vorgaukeln.

Überlebende des KZ Theresienstadt berichteten, dass diese Fußballpartie brüsk abgebrochen wurde, als der Kameramann glaubte, genügend Gute-Laune-Bilder im Kasten zu haben. SS-Leute jagten Akteure und Zuschauer zurück ins Lager, zur Zwangsarbeit.

František Steiner: Fußball unterm gelben Stern. Die Liga im Ghetto Theresienstadt 1943-44. Herausgegeben und übersetzt von Stefan Zwicker. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, 195 Seiten, 26,90 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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Doch wurde innerhalb des KZ unweit von Prag, das eine Zwischenstation zu den Vernichtungslagern im besetzten Polen war, regelmäßig Fußball gespielt, es gab sogar zwei Ligen, geduldet von den Aufsehern der SS.

Der "Sport im Angesicht des Todes", wie es ein Überlebender nannte, war eine besonders zynische Methode, die Arbeitsmoral zu heben; er sollte aber auch Energien binden, um einer Rebellion der Gefangenen vorzubeugen. Manchen von ihnen aber gab er auch Kraft zum Überleben.

Der Bonner Historiker Stefan Zwicker, ein Spezialist für die deutsch-tschechischen Beziehungen, hat nun einen detail- und anekdotenreichen Bericht darüber aus der Feder des bekannten Prager Sportkommentators František Steiner übersetzt und ausführlich kommentiert. Steiners Vater hat als "Halbjude" Theresienstadt überlebt, ist aber wenige Jahre nach dem Krieg an den Folgen der Entbehrung gestorben.

Im Durchschnitt acht Tore pro Partie

Der Sohn hat intensive Recherchen zu diesem wenig bekannten Kapitel aus der deutschen Vernichtungsmaschinerie angestellt. Sein ebenso farbiger wie beklemmender Bericht, streckenweise von sarkastischem Humor durchzogen, erschien vor acht Jahren.

Das Thema wurde stets kontrovers diskutiert, denn die Akteure waren privilegiert, sie bekamen größere Essensrationen und mussten weniger harte physische Arbeit leisten als ihre Schicksalsgenossen.

Einige frühere Spitzenspieler aus der Tschechoslowakei und Österreich liefen für die KZ-Mannschaften auf, die die einzelnen Arbeitsabteilungen aufstellten. Da das Spielfeld, ein Exerzierplatz, nicht die Ausmaße eines normalen Fußballfeldes hatte, zählte jede Mannschaft nur sieben Spieler.

In der "Ghettoliga" verliefen die Spiele oft turbulent, bei der Meisterschaft 1943 gab es im Durchschnitt acht Treffer pro Partie. Doch die meisten der jüdischen Sportler überlebten nicht, von Theresienstadt gingen zahllose Transporte nach Auschwitz.

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