"Silvia S. - Blinde Wut" im ZDF Warum läuft Frau S. Amok?

Als Ex-Biathletin hat Silvia S. (Maria Simon) nicht nur den Willen zur Tat, sondern auch die Waffe dafür.

(Foto: Internationale Münchner Filmwochen)

Mit "Silvia S." mutet das ZDF seinen Zuschauern den Blick in die Psyche einer Frau zu, die zur Amokläuferin wird. Man weiß, wie der Film endet, denkt aber trotzdem nicht ans Ausschalten.

Von Katharina Riehl

Natürlich wird das alles kein gutes Ende nehmen, das behauptet nicht einmal das ZDF. Schon in der Programmankündigung auf der Webseite des Senders steht geschrieben, worauf die ganze Geschichte am Ende hinauslaufen wird: Silvia S. wird Menschen töten.

Man kann bei diesem Amokalarm im Fernsehprogramm kaum von einem Spoiler sprechen, das ZDF hat sich entschieden, den Film Silvia S. - Blinde Wut mit seinem Ausgang zu bewerben: als Charakterstudie einer Amokläuferin. "Kränkung, die nicht bewältigt wird, führt zur blutigen Tat", heißt es. Bemerkenswert ist, dass man das zwar alles weiß, aber trotzdem nicht einen Moment lang ans Ausschalten denkt. Der Weg zur Tat trägt 90 Minuten.

Die Geschichte der Silvia S.beginnt ganz hübsch-freundlich mit Kuchen, in einem schönen Haus und mit einem Ehemann, der seiner Frau zum Geburtstag der Tochter einen Strauß Blumen mitbringt. Silvia S. ist studierte Architektin, glücklich verheiratet, mit einer gesunden, wohlgeratenen Tochter. Wenn es so nicht aussieht, das gute Leben, wie dann?

Der Zuschauer als Voyeur

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Katrin Bühlig (Buch) und Friedemann Fromm (Regie) erzählen die Geschichte einer menschlichen Entgleisung. Silvia S., dieser Frau, die doch eigentlich alles haben müsste, fehlt etwas in ihrem Leben, man ahnt das schon, als sie während jener Geburtstagsfeier ihrer Tochter im Bad an ihren blutigen Armen herumkratzt.

Was ihr fehlt? Womöglich ein zweites Kind, das sie sich sehr gewünscht hätte; außerdem wohl auch die berufliche Anerkennung, als sie beschließt, nach vielen Jahren wieder in ihren Beruf einzusteigen. Aber bald wird es ohnehin egal sein, warum Silvia S. sich vom Leben betrogen fühlt. Sie wird den Blick für das Tatsächliche verloren haben.

Wer Hauptdarstellerin Maria Simon zusieht, schwankt zwischen Mitleid und Fremdscham

Dem deutschen Fernsehen wird ja gern zurecht vorgeworfen, sich nicht ausreichend auf seine Figuren zu verlassen, den Figuren zu wenig charakterliche Vielschichtigkeit zuzutrauen. Das alles nur im Sinne des Zuschauers natürlich, weil dieser an die Grenzen seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit geraten muss, wenn ein guter Mensch etwas Böses tut, oder - Gott bewahre - gar andersherum.

In Silvia S. - Blinde Wut wird eine zierliche blonde Frau, eine Ehefrau und Mutter, ein unglücklicher Mensch, zur Mörderin. Wer ihr zusieht, schwankt zwischen Mitleid und Fremdscham für diese Hauptfigur, der man im Film keine Minute entkommen kann. So penetrant konfrontiert das deutsche Fernsehen sein Publikum normalerweise nicht mit menschlichen Abgründen.

Maria Simon spielt diese Silvia S. großartig gruselig, so dass es tatsächlich nervös macht, wenn sie relativ zu Beginn des Films zum ersten Mal ihre Sportausrüstung aus der Tasche holt: eine Waffe; Silvia S. war früher erfolgreiche Biathletin.

Maria Simon spielt eine Frau, die sich bis heute nicht von dem dringenden Wunsch befreien konnte, ihrer eigenen Mutter (Ulrike Kriener) zu gefallen. Die ist ein wahnsinniges Biest, verteilt Beleidigungen wie andere Omas Zwei-Euro-Stücke. Bestes Zitat der Mutter zu Tochter Silvia: "Du hast weder einen Job, der dich aufreibt, noch kannst du dich als Mutter überfordert fühlen - du hast doch nur ein Kind."

Im Presseheft erklärt ein Psychologe den Film für "sehr glaubwürdig"

Silvia S. aber kann nicht anders, als trotzdem immer wieder um die Anerkennung der Mutter zu buhlen, besonders weil ihre große Schwester (Sophie von Kessel) - kinderlos, aber im Beruf schwer erfolgreich - in dieser Disziplin sichtlich bessere Ergebnisse erzielt.

Das ist schon ziemlich schwer auszuhalten, richtig furchtbar wird es aber erst, als Silvia ihre dringende Suche nach Liebe und Anerkennung auf ihre eigene Tochter richtet, die schnell von der Situation völlig überfordert ist. Und umso heftiger Laura (Paula Hartmann) ihre Mutter von sich stößt, desto enger versucht diese natürlich, das Kind an sich zu drücken.

Das ist alles toll erzählt und gespielt, und es ist deshalb ein bisschen ulkig, dass das ZDF im Pressematerial zum Film einen Psychologen in einem länglichen Text erklären lässt, warum all das, was man da sieht, total plausibel ist. So etwa: "Die Geschichte der Silvia S. kann aus psychotherapeutisch-psychologischer Sicht als sehr glaubwürdig und authentisch angesehen werden."

Nur für den Fall, dass ein Kritiker das vielleicht beim Filmanschauen nicht von alleine einsehen mag. Vertrauen in die Filmfiguren ist schon gut. Aber so ein Psychologe im Presseheft ist natürlich noch viel besser.

Silvia S. - Blinde Wut, ZDF, 20.15 Uhr.