Bei der Verleihung der "Goldenen Kamera" sah man in Monica Lierhaus und Rolf Hellgardt ein Paar, das durch die Hölle gegangen ist und seinen Triumph verkünden wollte. Warum ließ man diesen Auftritt zu?
Der Privatsender RTL hat den gebührenfinanzierten Anstalten ARD und ZDF gerade erst gezeigt, dass vor allem Geschmacklosigkeiten perfekt zubereitet werden müssen. Die im "Dschungelcamp" versammelten Ex- und Viertelprominenten blamierten sich nach Kräften, die Moderatoren verließen sich dabei auf etwas, was man sonst eher im amerikanischen Fernsehen findet, nämlich pointensichere Autoren. Lachte man unter Niveau? Naja, wie sagte Robert Gernhardt in seiner berühmten Negativgleichung?
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Niveauvolles Lachen gebe es so wenig wie einen niveauvollen Orgasmus. Die Frage des Volksmunds, ob die Teilnehmer des RTL-Ausflugs noch alle Tassen im Schrank hätten, konnte man ja klar beantworten. Diese Leute fand man schlimmstenfalls etwas bescheuert, aber sie wussten, was sie taten, denn sie wussten, in was für einem Zirkus sie gelandet waren: in einem Circus Maximus ohne Löwen, nur mit Kakerlaken. Es gibt anspruchsvolleres Fernsehen, aber in Deutschland, seit der Erlahmung Harald Schmidts, leider selten komischeres.
Am Wochenende trat bei der Verleihung der "Goldenen Kamera" im ZDF eine Frau auf, die sehr schwer krank war. Die ARD-Sportmoderatorin Monica Lierhaus erlitt vor zwei Jahren eine Hirnblutung. Sie fiel ins Koma. Wer je Bilder aus einem Computertomographen gesehen hat von beschädigten Hirnregionen eines lieben Menschen, der ahnt, was die Angehörigen von Monica Lierhaus - zuerst ihr Lebensgefährte, der Fernsehproduzent Rolf Hellgardt - durchgemacht haben. Man weiß in solchen Wochen oft nicht, auf was man hoffen soll, starrt in leere Augen, fleht in die Stille, und wenn es einen Rest Hoffnung gibt, dass dieser Mensch halbwegs gesund wird, so klammert man sich eben an diese Hoffnung. Woran denn sonst?
Monica Lierhaus, das kann man heute sagen, hatte gute Ärzte, gute Betreuer, gute Freunde; sie hatte sicher in der Katastrophe auch Glück - vor allem hat sie offenbar einen grandiosen Willen. Sie macht nun den Eindruck, als sei sie wieder halbwegs gesund. Dass sie halbwegs und nicht vollständig gesund ist, das sahen mehr als vier Millionen Menschen im ZDF, und seither sehen es viele Menschen auf Youtube. Man sieht eine Frau, die mühsam zum Pult kommt, mühsam spricht, deren Augen tiefe Anstrengung verraten. Man sieht eine Frau, die in dieser Verfassung ihrem Lebensgefährten einen Heiratsantrag macht, der daraufhin "Ja, ja!" ruft und auf die Knie sinkt.
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Kanzlerin Merkel und die Macht
Der Autor spricht mir aus dem Herzen. Allerdings dürfte doch zumindest einer der künftigen Ehe-Partner der Inszenierung zugestimmt haben!
http://rampen-licht.blog.de/2011/02/06/monica-lierhaus-grosse-gefuehle-geschickte-inszenierung-einfach-kitsch-10529895/#c15074658
Danke, Herr Gorkow, absolut auf den Punkt gebracht. Als in Kanada lebender Ex-Deutscher bin ich immer wieder aufs Neue erschüttert, wie sehr das Niveau im deutschen Fernsehen sinkt, wie der Rest des Landes inkl. Politik. Ich bin viel unterwegs und lebe in Kanada. Das Niveau des deutschen Fernsehens unterbietet alles, was ich bisher im westlichen Fernsehen gesehen habe. Keine Sportschau, kein Fußballer-Interview mehr ohne "Geil" (selbst die Reporter haben sich mittlerweile aufs gleiche Niveau begeben), die aufdringlichste Werbung, die Sprache, die sich durch alle Sparten zieht, die Programmwahl, das Niveau der Unterhaltung... Mit Ausnahme einiger weniger Lichtblicke lässt sich der Niedergang der deutschen Gesellschaft ganz wunderbar am Niedergang des deutschen Fernsehens beobachten.
Dass Gorkow richtig liegt, sieht man schon daran, dass er von der BILD-Zeitung heute in der Rubrik "Verlierer" ausgezeichnet wurde. Zur Begründung heißt es, Millionen Zuschauer seien von Lierhaus' Auftritt berührt gewesen, und nur einer, Gorkow, peste rum. Ich gehöre nicht zu diesen Millionen und finde Gorkows Kommentar richtig und mutig.
Respekt. Sie haben es getroffen. Die Ehre folgt heute:
bild.de/BILD/news/standards/gewinner-verlierer/gewinner-verlierer.html
Seien Sie stolz! Wie geschrieben: Guter und treffender Artikel.
Warum verstehen so viele Kommentatoren, dass es bei der Kritik um den Auftritt in seiner Gesamtheit geht?
Nein, peinlich berührt sind die Kritiker lediglich von dem Heiratsantrag!
Man muss doch nicht verklemmt sein, um so etwas peinlich zu finden. Vielmehr ist es eine Frage der Ethik.
Allerdings (und jetzt gebe ich mir die Antwort selbst) kann ich mir schon vorstellen, dass solche Denkansätze, in einer Zeit, wo Sendeformate wie "Bauer sucht Frau" und Dschungelcamp" höchste Einschaltquoten erzielen, oft nicht vermittelt werden können.
Paging