"Tatort" aus Frankfurt Wie der sadistische Vater, so der psychopathische Sohn

Eine gesunde Vater-Sohn-Beziehung sieht anders aus: Joachim Voss (Golo Euler, links) und Felix (Juri Winkler) im neuen Frankfurter "Tatort".

(Foto: HR/Bettina Müller)

Der Frankfurter "Tatort" erzählt von einer zutiefst gestörten Kleinfamilie und ist so toll besetzt, dass man ewig zuschauen könnte - wenn nur nicht alles so furchtbar wäre.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Der letzte Frankfurter Tatort wollte sein Publikum mit allerlei Knalleffekten das Fürchten lehren, war dabei aber allenfalls unfreiwillig komisch. Der neue Fall der Kommissare Anna Janneke und Paul Brix kommt ganz ohne Untote aus, und ist trotzdem ungleich gruseliger als sein Vorgänger. Womit "Unter Kriegern" mal wieder belegt: Am Schaurigsten ist immer noch der gute alte Psychoterror, je subtiler desto schlimmer.

Darum geht es:

Im Keller eines Sportleistungszentrums wird der junge Malte Rahmani tot aufgefunden. Schnell verdächtigen Janneke und Brix den Hausmeister der Einrichtung, immerhin hatte er ein besonders enges Verhältnis zu dem Jungen und ist in der Vergangenheit durch seine Gewalttätigkeit aufgefallen. Doch auch mit dem überambitionierten Sportfunktionär und Leiter des Leistungszentrums, Joachim Voss, scheint etwas nicht zu stimmen. Verbissen versucht er, den Fall aus den Medien herauszuhalten und ist ansonsten damit beschäftigt, alle um ihn herum zu quälen, mit Vorliebe die eigene Ehefrau. Sein Sohn Felix steht ihm in dieser Hinsicht in nichts nach, stattdessen übertrumpft er ihn im Laufe der Geschichte noch gehörig.

Bezeichnender Dialog:

Nachdem Joachim Voss mit Kristof Waldner, dem Therapeuten des Hausmeisters, aneinandergeraten ist, sucht Voss' Ehefrau Waldner auf. Ihr Anliegen: Sie möchte in Waldners Selbsthilfegruppe aufgenommen werden.

Waldner: Warum kommen Sie ausgerechnet zu mir?

Voss: Ich fand das gut, wie Sie meinem Mann so Paroli geboten haben.

Waldner: Hören Sie, bei mir geht es ausschließlich um junge Menschen mit hoher Gewaltbereitschaft und ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf Sie zutrifft.

Voss: Ich glaube, ich bin eine Mörderin.

Waldner: Sie glauben?

Voss: Also, in Gedanken. Aber ich glaube, ich werde das tun.

Waldner: Wen wollen Sie umbringen?

Voss (flüstert): Meinen Mann.

Top:

"Unter Kriegern" erzählt davon, wie ein Trauma von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Joachim Voss sah als Kind dabei zu, wie sein Vater die Mutter und sich selbst tötete. Diese Erfahrung machte ihn, so die Logik dieses Tatorts, zu einem Sadisten, der Felix' Mutter vergewaltigte und sie dazu zwang, mit ihm und dem gemeinsamen Sohn unter täglichen Demütigungen zu leben. Felix, der Sohn, ist mit seinen zwölf Jahren schon zum Psychopathen herangewachsen. Seine Mordbilanz am Ende des Films: Zwei Kinder und die eigene Mutter. Das Erstaunliche ist nun, dass diese in der Theorie doch recht konstruiert wirkende Geschichte in der Praxis ganz natürlich wirkt. Das liegt vor allem daran, dass diese zutiefst gestörte Kleinfamilie so toll besetzt ist. Lina Beckmann spielt die psychisch malträtierte Ehefrau (vom Mann und Sohn stets nur abfällig "Meike" genannt) mit kindlicher Naivität und einer stoischen Würde. Golo Euler schafft es, den Vater zwar grausam, aber nicht monströs erscheinen zu lassen. Und Juri Winkler macht aus dem Sohn Felix eine Figur, vor deren kalten Blicken man sich fürchtet, und die man, wenn man sie einsam in der Schulmensa essen sieht, trotzdem bemitleidet. Wäre es nicht alles so furchtbar, man könnte diesem Trio ewig zusehen.

Flop:

Das Ermittler-Team um Janneke und Brix bleibt dagegen seltsam blass. Mehr als ein paar falschen Spuren hinterherzulaufen und einige Floskeln abzusondern, dürfen Margarita Broich und Wolfram Koch hier nicht tun. Dabei ist es in der Regel ja zu begrüßen, wenn die Kommissare nicht im Mittelpunkt eines Tatorts stehen. Zur Staffage verkümmern sollten sie allerdings auch nicht. Besonders, wenn es sich um zwei so gute Schauspieler handelt.

Die Pointe:

Joachim Voss nimmt den Mord an seiner Frau auf sich, um seinen Sohn zu decken. Felix kommt zu einer Pflegefamilie und darf dort weiter fleißig Gewaltfantasien in sein Notizheft kritzeln. In der letzen Szene sieht man ihn, wie er sich anschickt, ein Mädchen, das er schon länger stalkt, hinterrücks mit einem Messer anzugreifen. Doch dann schaut das Mädchen sich zu ihm um und Felix, aus dem Konzept gebracht, lässt von seinem Vorhaben ab. Ein Zeichen von Milde oder doch nur ein kurzes Zaudern vor dem nächsten Mord? Man will es lieber gar nicht so genau wissen.

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