Talkshow Wie Will über vieles reden ließ, aber über nichts richtig

Zurück am Sonntags-Sendeplatz, aber nicht in gewohnter Stärke: Anne Will.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)
  • Nach viereinhalb Jahren kehrt die Talkshow von Anne Will zurück auf den Sendeplatz am Sonntagabend.
  • Es soll um Flüchtlingspolitik gehen. Darum geht es auch, aber in einer Form, die dem Thema nicht weiterhalf.
  • Von den Gästen sticht vor allem Bundeskanzleramts-Chef Peter Altmaier raus.
TV-Kritik von Hans Hoff

"Hey, Herr Altmaier, ich will jetzt mal einhaken"

Für jene, die am Sonntag erst kurz nach 22 Uhr ins Erste zappten, könnte sich ein wenig Verunsicherung ergeben haben. Für ein paar sehr lange Momente mag es nämlich so ausgesehen haben, als sei Peter Altmaier nun der neue Talkshow-Moderator nach dem Krimi. Der Chef des Bundeskanzleramtes war auf jeden Fall lange und reichlich zu sehen. Ach was, er redete beinahe ohne Unterlass. Er sprach selbstbewusst und gelassen und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Bis sich dann doch irgendwann eine Frau ins Bild schob. "Hey, Herr Altmaier, ich will jetzt mal einhaken", sagte sie brav, und da war dann plötzlich wieder klar, dass Günther Jauchs 21.45-Uhr-Sendeplatz am Sonntag nun doch Anne Will gehört.

Nach viereinhalb Jahren Sonntagsabstinenz ist sie wieder zurück, ausgestattet mit einem glänzenden Ruf. Sie, die einst wegen des vermeintlichen Stars Jauch in die Wochenmitte deportiert wurde, gilt inzwischen als glänzende Talkerin, die hart an der Sache bleibt und sich weniger Kinkerlitzchen leistet als ihre Plauschkollegen in den benachbarten Stuhlkreisen.

Über vieles ließ Will reden, aber über nichts richtig

Leider blieb sie den Beleg für diese besondere Klasse in ihrer Premierensendung schuldig. Über vieles ließ sie reden, aber über nichts richtig. Und wenn doch mal was von Belang zu hören war, dann stammte es meist von Peter Altmaier.

"Nach Köln - Höchste Zeit für eine neue Flüchtingspolitik?" lautete das Thema, und Will stieg gleich ziemlich schnittig und aggressiv ein. So als wolle sie erst einmal klarstellen, dass es mit der Jauch'schen Bräsigkeit nun ein Ende hat. Die Sendung war noch keine zehn Minuten alt, da hatte sie schon die These eingeführt, dass Merkels Flüchtlingspolitik in der Konsequenz zu den Gewalttaten von Köln geführt habe und ein doppeltes Staatsversagen diagnostiziert. Ganz offensichtlich gefiel sie sich als Scharfmacherin, als Provokateurin. Mehrfach grätschte sie anfangs dazwischen, was streckenweise den Eindruck erweckte, sie sei mehr an sich als am Thema interessiert.

Fest im Sessel

Am Sonntag startet Anne Will auf ihrem neuen, alten Sendeplatz. Wetten, dass Wolfgang Bosbach wieder oft dabei sein wird? Ein Gespräch mit Deutschlands häufigstem Talk-Gast. Interview von Cornelius Pollmer mehr ...

Es blieb der Politologin Gesine Schwan überlassen, den Finger in die methodische Wunde dieser Gesprächssendung zu legen. "In dieser Sache hilft es nicht viel weiter, wenn wir 25 verschiedene Themen ansprechen", sagte sie und hatte damit das Problem erkannt.

Will prescht im Schweinsgalopp durch ihren Themenpark

Trotzdem preschte Will weiter im Schweinsgalopp durch ihren Themenpark. Von Merkels Schuld und doppeltem Staatsversagen ging es zu männlichen Testosteronüberschüsslern, zur Pfefferspray-Nachfrage, zu Grenzschließungen, zu den Verhältnissen in Polen. Alles im ICE-Tempo.

Ein kurzer Stopp wurde früh im Zahlenwerk eingelegt, wo aber flugs Verwirrung die Weiterreise zu blockieren schien. Der Welt-N24-Chef Stefan Aust hatte Flüchtlingszahlen dabei, Peter Altmaier auch. Leider wichen die Daten der beiden voneinander ab. Eine gute Redaktion hätte in solch einem Fall die Moderatorin flugs die Diskrepanz erklären lassen, aber Will blieb still.

Auch im weiteren Verlauf der Sendung hielt sie sich mehr und mehr zurück. Fast schien es, als habe sie sich nach ihrem fulminanten Einstieg dem Altmaier'schen Redeschwall ergeben. Während Merkels Mann alles auf seine Weise gutbetete und gelegentlich wirkte, als gebe es links von ihm keinen Platz mehr, versuchte sich wenigstens Stefan Aust in ein bisschen Gegenwehr und wollte Grenzen schließen und Menschen zurückschicken. Doch halt, er wollte das nicht, er schlug das nur vor und sagte dazu einen sehr bemerkenswerten Satz. "Ich will überhaupt nichts. Ich bin Journalist."

"Es ist nicht der Plan, ein Chaos anzurichten, indem man Flüchtlinge hin und her schiebt"

Altmaier profilierte sich derweil munter weiter. "Es ist nicht der Plan, ein Chaos anzurichten, indem man Flüchtlinge hin und her schiebt", sagte er. Dann erinnert er seine Mitdiskutanten noch daran, dass Deutschland nach wie vor ein Rechtsstaat ist und dass man im Kanzleramt schon wisse, was man so alles anstelle. "Das, was wir bisher getan haben und was wir tun, können wir verantworten", sagte er.

Zu dem Zeitpunkt war Anne Will fast schon abgemeldet, und das letzte bisschen Restaufmerksamkeit ging schließlich auch noch drauf, als von unten mehrfach ein Werbebanner ins Bild poppte und für die "Hart aber fair"-Sendung am Montag warb. Kann man machen, kann man aber auch der Konzentration abträglich finden.

"Ich möchte mich bei der Runde bedanken für die Diskussion", sagte Anne Will schließlich nach einer knappen Stunde, aber die volle Wahrheit war das nicht. Ehrlicher wäre gewesen: "Ich danke Peter Altmaier für seinen Monolog und Stefan Aust, Gesine Schwan und Ahmad Mansour für gelegentliche Einwürfe." Aber wer will schon Ehrlichkeit in einer Talkshow?